Foto: V.Leifer

Foto: V. Leifer

Herr Dr. Schily, jetzt geht es los mit der Medizinischen Hochschule Brandenburg. Sie stehen dieser neugegründeten Uni als Berater zur Verfügung. Was ist der Impuls hinter der Gründung?

Zwei große Krankenhäuser im Land haben sich Gedanken über die Zukunft gemacht. Der Ärztemangel ist bekannt. Aber es ist ja nicht nur der Ärztemangel, sondern die allgemeine regionale Entwicklung. Wenn der Arzt weg geht, folgt der Apotheker, geht der Apotheker, folgen weitere. Und wenn der Bäcker weg ist, dann ist es eigentlich ziemlich zu Ende in solchen Dörfern. Was kann man tun? Die Antwort, die wir gemeinsam gefunden haben, ist: ausbilden – aber nicht so wie sonst. Wir möchten eine Ausbildung anbieten, in der die ärztlichen Bedürfnisse der Patientenversorgung – auch der Versorgung in der Fläche – obenan steht, gewissermaßen ein Studium „mit der Hand am Arm“. Die Studierenden haben vom zweiten Semester an Kontakt zu einer Ärztin oder einem Arzt in einer niedergelassenen Praxis und lernen die Wirklichkeit des Landes kennen.

Warum erst im zweiten Semester?

Weil sie bestimmte Fertigkeiten und Fähigkeiten in den ersten sechs Monaten erlernt haben sollen, sodass sie sich dann auch von vornherein in der Praxis nützlich machen können. Ein anderer Gesichtspunkt ist: Wie kann ich meinen Horizont erweitern auch im Medizinstudium, das eine große Lernfülle beinhaltet? Das sogenannte Studium Fundamentale greifen die Studierenden – wie in Witten/Herdecke – mit großer Begeisterung auf, betreiben also Kunst, Philosophie, Geschichte und anderes noch zusätzlich.

Die Ärzte, die dort ausgebildet werden, sollen in der strukturschwachen Region gehalten werden. Wie kann das funktionieren?

Die Rechnung geht so: Ein großer Teil der Studierenden erhält Darlehen der Krankenhäuser, die ihre Studienkosten bezahlen. Die Darlehen – bis zu 80.000 Euro – bauen sich in fünf Jahren auf, jedes Jahr 16.000 Euro. Wenn die Studierenden dann in diesen Kliniken arbeiten, verringert sich die Darlehenssumme pro Jahr wieder um 16.000 Euro. Das Studium dauert sechs Jahre plus fünf Jahre ärztliche Tätigkeit, macht elf Jahre.  Wir denken, dass eine Zeit von elf Jahren prägend ist für junge Menschen: Da heiratet man, kriegt Kinder, wird sesshaft. Natürlich bleibt einer eher, wenn er dort geboren ist. Aber wir rechnen mit diesen elf Jahren und damit wäre schon viel geholfen.

Steht auch ein anthroposophischer Impuls dahinter?

Seitens der Träger nicht. Auch in Witten/Herdecke haben wir immer gesagt, wir machen eine Hochschule, die ist eine Erkenntniseinrichtung und keine Bekenntniseinrichtung. Mir ist ja auch damals – es ist nun über 30 Jahre her – oft vorgeworfen worden, dass sie nicht Rudolf-Steiner-Universität heißt. Ich habe mich da immer gewehrt. Wir haben aber auch gesagt, eine Erkenntniseinrichtung heißt auch: Nicht nur „materialistische Medizin“. Denn das ist wieder Bekenntnis und Ideologie und verbindet sich schnell mit der Machtfrage. So konnten Freiräume entstehen. Und diesen Freiraum haben von mir sehr bewunderte junge Ärzte genutzt und vor vielen Jahren das Begleitstudium „Anthroposophische erweiterte Medizin“ entwickelt. Die Begleitstudium wird gut angenommen, zu den Sommerakademien kommen heute so um die 300 Studierende der Medizin. Also, der Freiraum ist geschaffen, und junge Menschen haben ihn gefüllt.

Aber ist es nicht so, dass die Anthroposophische Medizin an den Krankenhäusern durch die Fallpauschalen an den Rand gedrückt wird, weil alles nur auf Effizienz ausgerichtet ist?

Die Fallpauschalen sind einer der Versuche gewesen, die ständig steigenden Kosten zu begrenzen, was nicht gelungen ist. Mit Fallpauschalen kann man die Wirklichkeit nicht abbilden. Man ging davon aus, dass die „Fälle“ einheitlich seien. Aber: Von zehn Ellbogenbrüchen heilen durchschnittlich acht so und so – und zwei sind Ausreißer.

Dann hat man Leitlinien entwickelt, wie man vernünftig behandeln soll. Die Leitlinien decken auch nur den Regelfall ab. Aber in der Regel sind wir nicht Regelfall, sondern Individuen. So wird es für den Arzt schwierig, auch für den Schulmediziner, innerhalb der Fallpauschalen und all der übrigen wirtschaftlichen Begrenzungen, für den Patienten das Optimum herauszuholen oder zurechtzukommen. Die anthroposophisch erweiterte  Medizin, die Natur- und Erfahrungsheilkunde sind an vielen Stellen viel wirtschaftlicher. Die erfahrene Ärztin, der erfahrene Arzt handelt immer wirtschaftlicher als die unerfahrenen. Das Zweite ist: Der naturheilkundlich oder anthroposophisch Erfahrene behandelt z.B. nicht sofort mit schweren Medikamenten, sondern behandelt in ganz anderer Weise mit meist nebenwirkungsfreien pflanzlichen Medikamenten oder äußeren Anwendungen. Und siehe da, die Heilung tritt ein und ist oft nachhaltiger. Gute Medizin, egal ob anthroposophisch oder erfahrungsheilkundlich oder auch schulmedizinisch, ist immer wirtschaftlicher als eine Medizin, die technisch auf Hochleistung und Umsatz getrimmt ist. Solche Begriffe wie Umsatzwachstum sind in der Klinik tödlich: noch mehr Herzkatheter, noch mehr dies und jenes. Da denken wir nicht mehr in Hilfeleistung, sondern in Umsatz. Und der Patient ist nur noch Objekt.

Wenn Sie müssten: In welche Klinik würden Sie gehen als Patient?

Immer in die, die am nächsten liegt.

Sie sind mit 78 beruflich ungeheuer aktiv. Was ist Ihr geheimes Elixier?

Ich glaube nicht, dass ich ein geheimes Elixier besitze. Ich bin engagiert, ich denke, ich möchte etwas auf die Beine stellen. Ich ärgere mich, wenn es irgendwelche Vorschriften gegen den Fortschritt gibt. Ich versuche, sonntags spazieren zu gehen und denke, dass ich im Grunde wahrscheinlich eine positive Lebensgrundhaltung habe. Was mir auch relativ leicht gemacht worden ist, weil ich nicht beruflichen Intrigen gegen mich ausgesetzt war, die einen schon in Untiefen bringen und verzweifeln lassen können. Ich habe in Witten/Herdecke viel Unterstützung vonseiten großartiger Menschen erhalten, die mir auch finanziell ermöglicht haben, das zu machen, was Witten/Herdecke wurde. Ich habe Partner in der Politik und in der Wissenschaft gefunden. Das waren tolle Leute. Viele von denen sind tot. Aber ich hatte nicht diese schweren beruflichen Verluste, die andere Menschen durchmachen müssen, die einen dann sehr nachhaltig niederdrücken können. Insofern bin ich ganz glücklich.

Aber Sie leben gesund?

Ich esse wenig Fleisch, weil ich gegen die Massentierhaltung bin und weil mir das Vegetarische besser bekommt. Ich trinke gern mal ein Glas Wein, aber meistens sage ich: Es muss nicht so viel sein. Also, ich wüsste jetzt kein Rezept, mit dem man alt werden könnte. Ich glaube an keine Elixiere. Aber ich sehe, dass die Ernährung eine immer größere Ursache für Krankheiten ist, besonders für die Volkskrankheiten. Ich glaube, dass die Lebensmittelindustrie gnadenlos zynisch ist. Wir wissen, wie verheerend der Zucker ist. Und die Anteile von Zucker in den Fertigprodukten erhöhen sich ständig. Wir sind rücksichtslos mit der Umwelt. Und rücksichtslos sind die Menschen mit den Menschen. Insofern versuche ich überall dafür zu werben, auch in Krankenhäusern – die haben da noch einen wesentlichen Nachholbedarf –, dass die Leute auch mal einen Salat essen und etwas Frisches und dass man nicht irgendwelche industriellen Produkte billig einkauft. Auch das entsteht aus dem Zwang zur sogenannten wirtschaftlichen Optimierung. Das ist aber eine Milchmädchenrechnung. Massentierhaltung soll billiges Fleisch erzeugen und wird andererseits hoch subventioniert. Der Steuerzahler zahlt es also doch wieder, auch wenn er glaubt, er kriegt ein billiges Steak. Und was wir den Tieren antun, ist einfach furchtbar.

Also auf Fleisch verzichten?

Wir wissen sehr genau, dass es gesünder wäre, wenn wir sehr viel weniger Fleisch essen und uns das Eiweiß mehr aus pflanzlichen Produkten holen würden. Wahrscheinlich würde dann auch die Häufigkeit von Krebserkrankungen im Magen-Darmtrakt abnehmen. Vorwiegend vegetarisch könnten wir ein Vielfaches der gegenwärtigen Erdbevölkerung ernähren. Wir zerstören die kleinbäuerlichen Strukturen nicht nur im mittleren und südlichen Afrika. Das ist nicht meine Weisheit, das ist der Welternährungsbericht der UNO. Wir zerstören sie und erlauben Landkauf von Großkonzernen und wundern uns dann, wenn die Leute auswandern, weil sie nichts mehr zu essen haben. Die haben Jahrhunderte dort in ihren kleinbäuerlichen Strukturen gelebt. Und da soll man nicht sagen, dass das alles nur so ist, weil die westliche Medizin kam und die Kindersterblichkeit gesenkt hätte. Nein, nein. Das sind die massiven Verwerfungen, die der Kapitalismus rund um den Globus verursacht, der die Welt dem Egoismus preisgibt. ///

Das Gespräch zwischen Konrad Schily und Ronald Richter können Sie hier auch als Podcast hören.

 

Mehr Informationen:
http://www.mhb-fontane.de/