Information ist Fluch und Segen zugleich: Von Asthma bis Magersucht, wir wissen bestens Bescheid. Doch gerade das macht uns häufig unfähig, in kritischen Situationen einen guten Weg zu finden, sinnvoll zu handeln, eindeutige Entscheidungen zu treffen. Es gibt unzählige Hilfsangebote und Möglichkeiten. Eltern möchten nur das Beste für ihr Kind und verlieren darüber zuweilen aus den Augen, dass sie nicht alles in der Hand haben. Höchste Zeit, Raum zu schaffen. Der entsteht in der Mitte, wenn sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und verschiedene Perspektiven in Austausch kommen können.

© Kindergesundheit heute/Charlotte Fischer

© Kindergesundheit heute/Charlotte Fischer

Unter dem Motto „Unsere Kinder – begleiten, verstehen, behandeln“ waren deshalb Ärzte, Pädagogen, Eltern und Interessierte zum gemeinsamen Gespräch aufgerufen. Veranstalter des zweitägigen Kongresses waren die Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland, der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland, die Filderklinik sowie das Stuttgarter Olgahospital.

Voneinander lernen, miteinander suchen

Was sich deutlich zeigte: Nicht nur Ärzte, Pädagogen und Eltern können im gemeinsamen Gespräch voneinander lernen, sondern auch Schulmediziner, Komplementärmediziner und Therapeuten. Dasselbe gilt für die Angehörigen einer Familie oder Familien untereinander, und nicht zuletzt auch für uns selbst, denn unser eigenes Erfahrungswissen kann ein Schatz sein im Umgang mit unseren Heranwachsenden. Es geht darum, mit gemeinsamer Anstrengung das Kind in seiner Lebenswelt zu begreifen. Bei aller Professionalisierung miteinander suchend zu bleiben – eine Haltung, von der Kinder profitieren können.

Eine Institution, die im allgemeinen eher ungute Gefühle weckt, jedoch in den vergangenen Jahren hochdifferenzierte Strukturen der Zusammenarbeit ausgebildet hat, um Kindern und deren Familien individuell und passgenau gerecht werden zu können, ist das Jugendamt. Mitarbeitende des Stuttgarter Jugendamtes waren als Vortragende und Workshopleiter zugegen und machten deutlich, dass ihre Angebote auch ganz allgemein zur Verfügung stehen und nicht erst dann greifen, wenn Entwicklungen in eine akute Krise geführt haben. Der „Arm des Gesetzes“ ist hier längst keine Drohgebärde mehr, sondern ein vielschichtiges Vermögen, demokratische Prozesse anzustoßen und in Gang zu halten. Geht es darum, Beteiligte an einen Tisch zu bekommen, um Kindern zur Seite zu stehen, ist kein Weg zu weit, wird kein Aufwand gescheut.

Gesprächskultur stand auch in Stuttgart an oberster Stelle. Spürbar war das sowohl in den Foren als auch im Plenum. Vortragende stellten sich in den Dialog und öffneten sich den zahlreichen Fragen aus dem großen Publikum. Expertenwissen, Sachverstand und Erfahrung bereicherten die Diskurse und Diskussionen gleichermaßen. Deutlich wurde: Besonnenheit tut not. Handlungsmöglichkeiten wollen durchdacht und abgewogen werden. Häufig fehlt es an dem richtigen Verhältnis von Nähe und Distanz, und das lässt sich nur miteinander klären.

Leuchtturmqualitäten entwickeln

Dazu gehört auch: Sorge um andere braucht immer auch Selbstfürsorge. Als Eltern benötigen wir ein gutes Fundament, um die notwendigen Leuchtturmqualitäten entwickeln zu können: Standhaftigkeit, Weitsicht, Orientierungshilfe. Ruhe und Gelassenheit. Der Münchner Pädiater Georg Soldner brachte es folgendermaßen auf den Punkt: „Der Leuchtturm steht da, wo eine Gefahr droht und weist den richtigen Weg. Er rennt nicht ins Meer, um das Boot zu retten.“

Leuchttürme sind singuläre Erscheinungen von kollektivem Wert. Der Bau eines Leuchtturms verbindet im Bewusstsein drohender Gefahren den Sinn für die eigenen Grenzen mit dem gesammelten Erfahrungswissen und der Kompetenz, wirksame Signale zu senden. In diesem Sinne könnte Demut verbunden mit Kooperationsbereitschaft eine Haltung sein, die wir alle brauchen, um Gesundheit zu fördern. Entwicklung verläuft niemals ohne Krisen, sie kann glücken, wenn das Umfeld ausreichend fördernde Beziehungen und Bedingungen bietet. Dafür können wir gemeinsam Sorge tragen.