Als Schüler war ich ein chronischer Leseverweigerer. Ich las kein einziges Buch, nicht einmal die, die im Deutschunterricht als Pflichtlektüre behandelt wurden. Als mir jedoch kurz nach dem Abitur das erste Buch von Hermann Hesse – Narziss und Goldmund – in die Hand kam, las ich es mit Begeisterung in einem Zug durch und bald darauf sein ganzes Werk. Die Lektüre regte mich derart an, dass ich selbst mit tagebuchartigen Aufzeichnungen begann und schließlich intensive Gedanken zu seinen Schriften entwickelte und niederschrieb. So war ich, dank Hesse, auf einen Schlag ein Lesender und Schreibender geworden.

Dieses Wandlungserlebnis war für mein Leben prägend. Es bildete den Beginn eines unermüdlichen Suchens und Fragens. Was mich dabei besonders umtrieb, tröstete und auch bedrängte, war das paradoxe Menschenbild, das mir in Hesses Schriften entgegentrat. Es war mir aus der Erfahrung meines eigenen Seelenlebens innig vertraut, obgleich ich mich lange Zeit für diese unstete Persönlichkeitsstruktur schämte und verurteilte. „Gott der Liebe sieh uns irren, / O reiche deine starke Hand“, schreibt Hesse in einem frühen Gedicht. Durch solche Worte wuchs in mir der Mut, den Schattenweg der Selbsterkenntnis zu beschreiten. Zugleich wurde mir dadurch der Raum eröffnet, in dem ich mich auch in meinen Schwächen und Irrtümern angenommen fühlen konnte. Irgendwie schien doch das Wüten in der menschlichen Natur einen tieferen Sinn zu haben und – so dachte ich mir damals – wenn es wirklich so etwas wie einen Gott geben sollte, dann wird er an diesem abgrundtiefen Chaos in mir Anteil nehmen und von mir keine perfekten Glanzleistungen fordern. Wenn der Mensch so gespalten und widersprüchlich ist, dann doch nur, weil auch in IHM alles lebt, das Helle und Dunkle gleichermaßen. Wie also kann ER von uns Menschen fordern, dass wir immer alles richtig machen und uns züchtigen und bestrafen, wenn wir dieser strengen Vorgabe nicht gerecht werden?

All dies begann ich vor nunmehr 16 Jahren zu ahnen, mich lange Zeit schon nach einem weisen Narziss sehnend, der mir, wie Goldmund, helfen würde, meinen eigenen Weg aus der Umnachtung zu finden. Denn, das spürte ich: Ich hatte meine Orientierung verloren, kannte mich selbst nicht, war völlig ahnungslos, wusste nicht wohin und ebenso wenig, was aus mir heraus wollte. Die Raupe war verpuppt und eingesponnen, aber es war kein Schmetterling in Sicht. Alles schien mir erstarrt, wie tot, in einer Sackgasse angekommen, aus der ich keinen Ausweg fand.

„Ich wollte ja nichts als das zu leben versuchen, was von selber aus mir heraus wollte. Warum war das so sehr schwer?“ So beginnt Hesses Erzählung Demian. Wie innig konnte ich diese Worte nachempfinden. Wieso nur war es so schwer, einfach nur ich selbst zu sein? Doch wusste ich denn überhaupt, wer ich war? Lebte ich denn, was mir schien was ich sei? Nein, ich wusste nichts von mir. Mir schien nicht einmal, wer ich sein könnte. Von anderen wollte ich wissen, wer ich sei, doch dämmerte mir nun, dass die Antwort nur aus mir selbst kommen konnte. Kein Weiser und Erleuchteter dieser Welt konnte mich von dieser gefahrvoll-abenteuerlichen Suche befreien. Ich musste sie ganz in mich hinein nehmen und versuchen, mit dem Mysterium meines Innern ins Gespräch zu kommen. In diesen Tagen meiner ersten Hesse-Studien öffneten sich mir auch die Pforten des Nachtbereichs und ich wurde mit einem großen, archetypischen Traum beschenkt, in dem der alte Weg im Dickicht eines tiefen Waldes endete. Doch schon bald füllte sich das ausgetrocknete Flussbett mit einem kraftvollen Strom frischen Lebenswassers und zeigte mir einen neuen Weg aus dem Irrgarten heraus. Kurz nach diesem Erlebnis begann ich ein Traumtagebuch, das ich bis heute fortführe. In diesem kontinuierlichen Dialog mit dem Unbewussten wird die Stimme dessen, der ich bin und der aus mir heraus will, immer deutlicher vernehmbar. Und doch, kaum fassbar sind die unendlich scheinenden Facetten und Nuancierungen des inneren Seelenspiels. Was eben noch deutlich war und sicher schien, wird doch alsbald wieder rätselvoll entrückt. Ein Meer ohne Grund, wie Johannes Tauler sagt, ein Mysterium der Mensch, unergründlich – und doch bleibt uns nichts als hingebungsvoll die unermesslichen Tiefen auszuloten.

Opfer um zu leben

„Im Anfang war der Mythus. Wie der große Gott in den Seelen der Inder, Griechen und Germanen dichtete und nach Ausdruck rang, so dichtet er in jedes Kindes Seele täglich wieder.“ – Mit diesen Worten beginnt Hermann Hesses erster Roman Peter Camenzind, der ihn 1904 mit einem Schlag berühmt machen sollte. In dem anfänglich Gesagten spricht, wie im Keim, die Quintessenz seines Lebenswerkes zu uns. Wenn wir am 9. August 2012 den 50. Todestag des Dichters feiern, so können wir, diesem mythischen Anfang folgend, auch das Spätere erhellen.

So zerrissen und neurotisch Hesse zeitlebens war, ahnte er doch, dass sich in dieser Auseinandersetzung nicht nur sein persönliches Ringen und Kranksein zeigten, sondern zugleich aus dem Grauen des Dunkels[1] ein Ruf an ihn erging, in dem die Stimme eines Höheren widerhallte. Sein Schicksal wollte nicht nur durchlitten und ausgehalten sein, es wollte gedichtet werden, um das Geheimnis offenzulegen, dass in den Erfahrungen des Individuums etwas Gewaltig-Schillerndes lebt, das weit über den Einzelnen hinausweist. Für Hesse wurde der Eigensinn zur kostbarsten Kraft. Und doch wollte er sich nicht nur eigensinnig auflehnen, um wie ein launisches Kind zu trotzen, sondern ungehindert das eigene Leben leben, den Sinn des eigenen Lebens erfahren, auch dann, wenn er dabei große persönliche Opfer zu bringen hatte. Die Qualen und Kämpfe dieser Opfer um zu leben durchpulsen Hesses Gesamtwerk und es gibt kaum einen Schriftsteller, dessen Bücher tiefer und direkter von autobiographischen Erlebnissen durchwoben sind.

„Wenn man die Dichtung als Bekenntnis auffasst – und nur so kann ich sie zur Zeit auffassen –, dann zeigt sich die Kunst als ein langer, vielfältiger, gewundener Weg, dessen Ziel es wäre, die Persönlichkeit, das Künstler-Ich so vollkommen, so verästelt, so bis in alle Spaltungen hinein auszusprechen (…), dass dieses Ich am Ende gleichsam abgewickelt, erledigt, dass es ausgetobt und ausgebrannt wäre. Dann könnte das Höhere folgen, das Überpersönliche und Überzeitliche, die Kunst wäre überwunden, der Künstler wäre reif ein Heiliger zu werden. Die Funktion der Kunst, soweit sie die Person des Künstlers selbst angeht, wäre dann genau dasselbe wie die Funktion der Beichte, der Psychoanalyse. Diesen Sinn hatten alle späteren Schriften Nietzsches, die Bekenntnisbücher Strindbergs, die Aufzeichnungen Flauberts.“[2]

Einige von Hesses Kritikern werfen ihm vor, dass er seine persönliche Zerrissenheit in seinen Schriften unentwegt zur Schau stellt. Sie nennen ihn den „Gartenzwerg unter den Nobelpreisträgern“[3], einen „Jugendautor für pubertierende Knaben“[4], der ständig seine eigene unerledigte Problematik des Geist-Trieb-Dualismus repetiert.[5] Doch für Hesse reicht der Zwiespalt viel tiefer, er ist für ihn geradezu existenziell, nicht bloß regressives Pubertätsproblem oder Selbstbespiegelungssucht, vielmehr ein ursprünglicher, nie gänzlich zu ergründender Menschheitskonflikt: „Wenn mein Leben nicht ein gefährliches, leidvolles Experiment wäre, wenn ich nicht ständig am Abgrund entlang liefe und das Nichts unter mir fühlte, hätte mein Leben seinen Sinn nicht, und ich hätte dann alle meine Dichtungen, auch die scheinbar angenehmen und freundlichen, nicht machen können.“[6]

Auf dem weiten Feld des Widerspruchs

In der persönlich-überpersönlichen Bekenntnis-Dichtung erfährt Hesse sein Leben als lebendigen Mythos. In der Seele des Dichters ringt der große Gott nach Ausdruck. Im Anfang war der Mythus. Im Anfang war der geheimnisvoll-abgründige Gott, der sich in und durch den Menschen verwirklichen wollte. Den verschlungenen Pfaden dieses Lebensmysteriums will Hesse, jenseits der Gebundenheit an Konvention und Konfession, in seinem Leben als freier Mensch nachspüren. Dafür musste er mit schonungslosem Erkenntnismut alles in den frühen Dichtungen unbewusst Verschwiegene und Beschönigte, ja, die ganze „bisher unterschlagene Lebenshälfte ins Licht des Bewusstseins und der Darstellung“ rücken. Hesse selbst nennt es seine „leidenschaftliche Liebe zur Selbsterkenntnis“, die nach eigenem Bekunden erst spät ihn ihm erwachte, „denn es ist unangenehmer und schmeichelhafter, der Welt seine edle, vergeistigte Seite zu zeigen als die andere, auf deren Kosten die Vergeistigung stattgefunden hat.“[7] Er wollte den Mythos seines eigenen Lebens dichten, der – das ahnte er – zusammenklang mit dem Mysterium Gottes. Er suchte nicht einen moralisch guten Gott des Gesetzes und der Gebote, sondern den lebendigen Gott, der, wie er im Demian anklingen lässt, nicht nur ein Freund Abels ist, sondern auch den dunklen Bruder Kain liebevoll annimmt.

Hesse war einer der eigensinnigsten Individualisten und zugleich überschritt er beständig die Grenzen des Nur-Persönlichen, sich immerfort weitend, überwindend und eintauchend in den allumfassenden Geist. So kamen zutiefst berührende Dichtungen wie Demian, Siddharta, Steppenwolf, Narziss und Goldmund zustande, die lautere Weisheit atmen und erleuchtete Klänge verströmen – und doch sind sie in jeder Faser durchwoben vom Abgrund, vom beständigen Ringen am Rande des Absturzes, vom Scheitern, von tragischen Schwächen und Verstrickungen. Diese zerbrechliche Menschlichkeit, die den Nektar von Kunst und Weisheit gekostet hat, aber zugleich mit dem Schatten der niederen Triebnatur ringt, rührt mich an Hesses Werk ganz besonders. Er erscheint keineswegs wie ein abgeklärter Weiser, sondern eher wie ein Narr, der sich immer wieder an seinen hohen Idealen scheitern sieht, dem auch Gefühle wie Zorn, Spott und Zynismus nicht fremd sind und der doch im Alter eine humorvoll-heitere Distanz gewinnt, die ihn mit den Momenten tiefster Verzweiflung versöhnt. Hesse war keiner dieser klassischen Gutmenschen, im Privat-Persönlichen schildern ihn seine Biographen manchmal sogar als zeternd-cholerischen Tyrannen. Zugleich aber war er auch der edle geistige Freund und Ratgeber, der seinen Lesern voller Geduld und Aufopferung mehrere zehntausend Briefe schrieb, voller Feingefühl jede Sorge, jedes Anliegen achtend und ernst nehmend.

Auf diesem weiten Feld des Widerspruchs atmet Hesse freien Menschengeist. Kein Übermensch, kein Heiliger, kein großer Meister (auch wenn ihn manche dazu stilisiert haben), sondern einfach „nur“ ein Mensch mit der ganzen Klaviatur an Gedanken, Gefühlen, Sorgen und Ängsten. Dieses Menschentum verteidigend schrieb er bereits als Fünfzehnjähriger seinen strengen, pietistischen Eltern in einem Brief: „Ihr seid Christen, und ich – nur ein Mensch.“ [8] In diesem Satz zeigt sich für mich der Leitstern zu Hesses Werk. Er ließe sich leicht abwandeln und auf alle Lebensbereiche ummünzen: Ihr seid Erleuchtete, Eingeweihte, Popstars, Berühmtheiten, Helden, und ich – nur ein Mensch. Auf den Menschen kommt alles an, nicht auf die Rolle, die er spielt, nicht auf die Gruppe,  der er sich zugehörig fühlt, sondern auf das innerste Mysterium, das in uns allen lebt. Dieses will nicht nur verstanden werden, wie etwa in der Philosophie, Psychologie oder auch in der Anthroposophie, sondern es will auch als Rohstoff in Erscheinung treten, es will DA sein, es will gedichtet und künstlerisch gestaltet werden. Im schöpferischen Werk wird uns das Mysterium nicht erklärt und intellektuell zugänglich gemacht. Doch dies ist kein Mangel, kein Zeichen von Unbewusstheit oder Rückschritt, denn wo das Erklären schweigt, spricht der Urstoff, der uns Sein und Leben schenkt.

Martin Spura ist Kulturphilosoph und lebt als freier Schriftsteller in Ulm. Er wirkt mit bei der 7. Herbstakademie Frankfurt „Aufklärung, lebendiges Denken und Spiritualität“, vom 19.-21. Okotober 2012, mit.

 


[1]              vgl. Heimo Schwilk, Hermann Hesse, Das Leben des Glasperlenspielers, Piper Verlag, München 2012, S.144

[2]              vgl. Gunnar Decker, Hesse – Der Wanderer und sein Schatten, Hanser Verlag 2012, S.454

[3]              vgl. Heimo Schwilk, S.393

[4]              vgl. Gunnar Decker, S.20

[5]              vgl. Heimo Schwilk, S.393

[6]              vgl. Heimo Schwilk, S.278

[7]              vgl. Heimo Schwilk, S. 311

[8]              Hermann Hesse als Fünfzehnjähriger in einem Brief an seine Eltern, vgl. Gunnar Decker, S.86