KurkowAndrej

Der ukrainische Majdan ist einer der eindrucksvollsten Volksaufstände, von denen wir in Europa nicht zu viele haben. Das Buch macht uns damit im atemlosen Stil des Tagebuches bekannt. Die Eintragungen beginnen am 21. November 2013 und enden am 24. April 2014. Der Autor schreibt zuvor, er schreibe seit 20 Jahren Tagebücher, aber jetzt ist es das erste Mal, dass er einem Verleger erlaubt hat, diese zu drucken. Er sei zum Zeugen eines historischen Tornados geworden, der im November 2013 seinen Ausgang nahm.

Der Autor lebte jeden Tag in der Majdan-Realität: Seine Wohnung im Zentrum von Kiew war nur 500 Meter vom Majdan entfernt. Es steigern sich die dramatischen Phasen einer wirklichen Volksrevolution, und das in einem Land, das in seinen zeitgeschichtlichen Annalen so viele Massenmorde, Massaker, Verhaftungen, Deportationen erlebt hat, geteilt wurde wie auf einem Reißbrett, aber sich immer noch als Entität behauptet. Am 20. Februar 2014 beginnt die Eintragung: „Russland will Krieg in der Ukraine. Medwedew hat heute erklärt, Russland werde sich nur dann an seine Zusage halten, der Ukraine Geld zu bewilligen, wenn es eine legitime Regierung gibt. Janukowitsch dürfe es nicht mehr zulassen, dass die Demonstranten ihn als ‚Fußabtreter‘ benutzen.“ Das war noch, bevor sich der Präsident auf die andere Seite der Grenze begab und von Russland aus seine Wiedereinsetzung betrieb. Am 24. Februar die nächste Eintragung, die deutlich macht, wie souverän der Autor vom subjektiven Eindruck zu den objektiven Begebenheiten wechselt: „Heute früh wusch ich mir das Gesicht und blickte aufmerksam in den Spiegel. Wie es aussieht, bin ich in den letzten drei Monaten um fünf Jahre gealtert.“ Er war früher besorgt, dass seinem Auto etwas geschehen könnte, aber das ist vorbei: „Ich habe das Gefühl verloren, dass das Auto einen Wert darstellt. Das menschliche Leben hat einen Wert, den einzig wesentlichen. Und mit dieser ‚Währung‘, mit menschlichen Leben hat die Ukraine ihren wiederholten Versuch bezahlt, sich von Grund auf zu erneuern, sich von Amoralität und Korruption zu reinigen.“

Das Buch vermeidet alle Einseitigkeiten und beschreibt zugleich den Weg eines Autors und Familienvaters. Das Buch unterschlägt nicht, was es weiter an Alltag gibt und enthält doch die Tragödie, die eingetreten ist. Geschichtliche Kühlschrankzeiten rächen sich, das wissen wir Europäer aus den Jugoslawienkriegen. Kühlschrank: das meint, wenn ein Volk einen Teil seiner dramatischen Vergangenheit in den Kühlschrank tut und diesen Teil zu vergessen hofft. Das rächt sich immer. Auch zwischen der Ukraine und Russland liegen gewaltige Gebirge an Vergangenheit, die bisher nicht ausdrücklich beredet, besprochen, transparent gemacht wurden; man kann sagen, eher im Gegenteil. Und so wird die Ukraine-Krise nicht irgendwie vorbei sein. Die Reaktionen des Autors Kurkow sind prägnant, und sie sind ukrainisch. Am 22. April – kurz vor dem Redaktionsschluss für das Buch –, schreibt Andrej Kurkow, dass ihn bei der Fahrt der eigenen Söhne zur Schule Theo unterwegs fragte: „Papa, wer war eigentlich besser: Stalin oder Lenin?“ Kurkow antwortet: „Lenin. Weil er früher gestorben ist!“ Die Jungen nickten, die Antwort hatte sie zufriedengestellt. Aber in dieser Episode ist vieles drin. Die Geschichte mit Stalin sei noch nicht vorbei, die mit Lenin sei schon so lange vorbei, dass er doch der bessere sei, meint Kurkow. Der Mann, der keine Rolle mehr spielt, war Michail Gorbatschow, der das Sowjetreich mit unglaublichem Mut und Verve an das Ende gebracht hat. Er hätte vom Westen besser belohnt werden sollen, immerhin hat er der globalen Abrüstung den Vorzug gegeben.

Der Autor beschreibt die unglaubliche Leistung der Leute auf dem Majdan in Kiew, die trotz der wahnsinnigen Kälte im Winter 2013/14 eine wirkliche Volksrevolution durchgehalten haben. Es gab wie in jeder Revolution auch hier extreme Kräfte, die nicht bereit waren, die demokratischen Spielregeln zu respektieren. Am 1. März 2014 beschreibt der Autor den ersten Frühlingstag, aber keiner kann ihn genießen. Der aus Kiew geflohene Präsident hielt im russischen Rostow am Don eine Pressekonferenz. Putin machte daraus wieder etwas für sich: Indem er Janukowytsch als legitimen Präsidenten bezeichnet, kann er sich die Krim einverleiben, was er dann auch gleich schon getan hat. Es ist eine stille, aber harte Okkupation vor den Augen der Welt. Russlands Außenminister Lawrow, der so naiv tut, fragt: „Wo soll da die Okkupation sein, welche Aggression??“

Die Krim ist annektiert, die Ukrainer warten immer noch darauf, wie die Staatengemeinschaft darauf reagiert. Vielleicht erinnern sich einige, wie die Weltgemeinschaft auf die Annexion des ölreichen Kuweits durch Saddam Hussein reagiert hat?

Immerhin gibt es die Krim-Tataren, die die neue Regierung der Autonomen Republik unter Aksjonow nicht anerkennen, die im besetzten Krim-Parlament besiegelt wurde. Am Abend sei man, schreibt der Autor, zu dem Freund und Bekannten Majstrik zum Tee eingeladen gewesen. Sie sahen im TV die Sitzung des russischen Föderationsrates, der einstimmig für einen Truppeneinmarsch in der Ukraine stimmte: „Zur Normalisierung der politischen Lage.“ Der Autor bittet die Majstriks, den Fernseh-Apparat auszumachen. „Sonst käme es zum Gehirnstillstand und anschließend zum Herzstillstand.“ Der Freund schlug vor, mit einem Hut in der Ukraine herumzulaufen, um so viel Geld zu sammeln, wie nötig ist, um sich von Putin freizukaufen. Doch – meint der Autor – der Putin wird bei der Ukraine nicht Halt machen.

Der Autor ist als gebürtiger Russe – Ukrainer. Und er will es bleiben. Er sei ein ethnischer Russe, der seit seiner Kindheit in Kiew lebe. Es leben zwischen acht und 14 Millionen ethnischer Russen in der Ukraine. Das Wort „Russe“ rufe bei ethnischen Ukrainern nicht böse Blicke hervor.

Immer bleibt der Autor auch Schriftsteller. Am 22. Januar 2014 schreibt er: „Wie soll ich jetzt an meinem Roman über Litauen und die Litauer arbeiten, wenn fünf Minuten Fußweg entfernt von der Wohnung, in der ich arbeite, wo ich in diesem Moment am Computer sitze, die Miliz sich eine Schlacht mit der Bevölkerung liefert? “ In diesem Land werden so blitzschnell Entscheidungen vom mächtigen Nachbarland gefällt, dass man andauernd ins Fernsehen schauen muss. Am 20. März 14 präsentieren „Ren_TV“ und andere russische Fernsehsender bei der Wettervorhersage eine Wetterkarte Russlands, die auch die Krim, das Donezbecken und Charkow umfasste. Diese Russlandkarte, so sinniert der Autor, sei wahrscheinlich Putins persönliche Karte, die illustriert, wie er das künftige Russland gern sähe. Oder, fragt der Autor, bereitet diese Wettervorhersage die russische Bevölkerung auf eine weitere Besetzung ukrainischer Gebiete vor?

Andrej Kurkow: Ukrainisches Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protestes. Hamyon Verlag Innsbruck Wien 2014, 280 Seiten, € 17,90