Szene aus dem Dokumentarfilm "The Sound of Torture"

Szene aus dem Dokumentarfilm „The Sound of Torture“

„Stell dir vor, du bist in deinem schlimmsten Alptraum, aber du wachst nicht auf. So fühlt es sich an, auf dem Sinai zu sein“. Der junge Eritreer vor mir lächelt, aber sein Blick ist ernst. Kaum etwas an seinem Äußeren verrät, was Zari erlebt hat. Sportschuhe, Jeans, schwarze Locken im Gesicht. Nichts lässt ahnen, dass dieser Mann in die tiefsten Abgründe gesehen hat.

Wir sitzen in einem Internetshop in Tel Aviv. Im südlichen Teil der israelischen Hauptstadt ist das sonst so mediterrane Flair getrübt. Zerfallene Häuserfassaden, bunte Wäsche flattert vor kaputten Fensterläden im Dunst der Abgase, kleine ostafrikanische Restaurants und Geschäfte. Die hier lebenden Menschen kommen aus dem Sudan, aus Äthiopien und Eritrea.

Eine unfreiwillige Flucht

So wie Zari. Dabei hatte der junge Mann niemals vor, nach Israel zu fliehen. In Eritrea studierte er Psychologie, wollte sich für ein Stipendium in den USA bewerben, um nicht für unbestimmte Zeit zum Militärdienst eingezogen zu werden. „Aber dafür kann man in Eritrea im Gefängnis landen“, erzählt er. Deshalb habe er sich auf den Weg zunächst in den Sudan gemacht.

Die Route durch Nordafrika. Quelle: Human Rights Watch

Die Route durch Nordafrika. Quelle: Human Rights Watch

An der sudanesischen Grenze wurde er von Soldaten entführt und dann an Menschenhändler verkauft. „Ich war mit einem Mal umringt von Männern“, erinnert er sich. „Beduinen, die Arabisch sprachen. Sie haben mir ein Messer an den Hals gehalten und mich in einen Wagen geworfen.“ Noch ahnte Zari nicht, dass er auf dem Weg in die Hölle war.

Tagelang seien sie durch die Wüste gefahren, durch den Sudan bis nach Ägypten. Zusammengepfercht in einem Truck mit anderen entführten Flüchtlingen. Ohne Wasser, ohne Essen. „Irgendwann erreichten wir den Sinai. Dort wurden wir in ein Foltercamp gebracht.“

Drei Jahre sind vergangen, seit Zari diese Dinge erlebt hat. Trotzdem erzählt er die Geschichte, als wäre sie gestern passiert. „Es hat lange gebraucht, bis ich mit anderen darüber sprechen konnte“, sagt er jetzt. „Am Anfang habe ich nur geweint. Aber mittlerweile hilft es mir, davon zu erzählen.“

Zari erinnert sich an einen dunklen Raum. „Dort brachten die Beduinen uns hin und erklärten, wir müssten viertausend Dollar auftreiben, um freigelassen zu werden.“ Man band sie an den Füßen zusammen, jeweils fünf Personen. Dann begannen die Schläge. „Sie schlugen uns mit allem, was sie hatten, an allen Stellen auf unsere Körper. So lange, bis sie müde wurden. Danach gaben sie uns ein Handy, damit wir unsere Eltern anrufen und sie um das Lösegeld bitten.“

Zwei Wochen dauerte es, bis die verzweifelten Eltern das Geld zusammen hatten. Zwei Wochen, in denen Zari Tag und Nacht geschlagen wurde. Einmal in achtundvierzig Stunden gab es eine Scheibe Brot und etwas Wasser. Als das Geld dann kam, wurde er trotzdem nicht freigelassen. Stattdessen brachte man ihn in ein anderes Foltercamp.

Dreißigtausend Dollar Lösegeld

Im nächsten Lager wurden dreißigtausend Dollar Lösegeld von den Angehörigen verlangt. „Dreißigtausend Dollar.“ Ungläubig schüttelt Zari den Kopf. „Wie sollten meine Eltern so viel Geld zusammenkriegen? Ich wollte sie nicht anrufen und sie nicht darum bitten, aber man hat mich gezwungen.“ Im zweiten Foltercamp sei es noch schlimmer gewesen als im ersten. Man habe ihnen verboten, zu schlafen. „Irgendwann wurde ich so krank, dass man mich in einen Raum brachte, wo die Sterbenden lagen. Meine Augen waren verbunden, aber ich roch den Gestank der Verwesenden. Einmal nahm man mir die Augenbinde ab und ich konnte sehen, dass ich neben Leichen lag. Das war einer der schrecklichsten Momente.“

Zari sieht mich an, die dunklen Augen huschen nervös hin und her. Seine Worte klingen surreal in dem kleinen, belebten Laden, in dem Kinder spielen und Menschen vor ihren Facebook-Accounts sitzen. „Manchmal vergesse ich, dass das meine eigene Geschichte ist“, sagt er. „Wenn ich sie erzähle, dann fühlt es sich nicht so an, als hätte ich sie selbst erlebt. Dieses Gefühl kann man nicht beschreiben. Aber wenn ich die Augen schließe und daran denke, dann bin ich wieder dort.“

Das Ende vom Anfang

Mehr als drei Monate war Zari in der Hand skrupelloser Verbrecher, die meiste Zeit davon gefesselt, mit verbundenen Augen, unter ständiger Schikane. Irgendwann zahlten seine Eltern das Lösegeld. „Sie hatten überall gebettelt. Bei ihren Nachbarn, in der Kirche, auch bei Verwandten in Europa und in den USA.“ Schließlich wurde er freigelassen. „Einer der Menschenhändler brachte uns bis kurz vor die israelische Grenze. Viele Stunden liefen wir durch die Nacht.“ Vollkommen geschwächt und unterernährt kam Zari nach Israel, in ein Land, das durch eigene Konflikte geprägt ist. Jemand, der die Hölle auf Erden erlebt hat, sehnt sich wohl am meisten nach einem friedlichen Leben. Stattdessen ging für Zari das Elend weiter: Wie für alle afrikanischen Flüchtlinge gilt für ihn das Anti-Infiltrations-Gesetz, wonach jeder, der über die ägyptische Grenze nach Israel kommt, bis zu drei Jahre in ein Abschiebegefängnis muss. Mit Hilfe einer Flüchtlingsorganisation wurde Zari nach einem Monat wieder entlassen. Ohne Geld, ohne Visum, ohne Arbeitserlaubnis. „Ich hatte nichts. Und ich kannte niemanden in Israel.“ Zari zuckt die Schultern. „Nach all der Folter, nach all dem Geld, das meine Eltern zahlen mussten, nach dem Gefängnis – nach all dem landete ich in Tel Aviv auf der Straße.“

Offene Wunden

Mittlerweile kann Zari über diese Zeit sprechen, als läge sie weit zurück. Er verdient etwas Geld, arbeitet in dem kleinen Internetladen, in dem wir sitzen. Ab und zu kommen Menschen durch die Tür, andere Flüchtlinge aus Eritrea, denen Zari bei Übersetzungen hilft. Schließlich spricht er Englisch, Tigrinya, Hebräisch und Arabisch. Er hat ein Dach über dem Kopf, und das Wichtigste: Er fühlt sich innerlich wieder stärker. „Mir geht es besser als den meisten anderen“, weiß er.

Andere Sinai-Überlebende haben schlimme Narben von der Folter: verstümmelte Körperteile oder Verbrennungen von heißem Plastik, das ihnen über die Haut geschüttet wurde. Manche Frauen mussten Abtreibungen vornehmen, als Ergebnis der vielfachen Vergewaltigungen in den Lagern. Die meisten sind traumatisiert, leiden unter Angstzuständen, werden jede Nacht von Alpträumen verfolgt.

„Die Erinnerungen lassen einen nicht los“, sagt Zari. Ohne Visum und Arbeitserlaubnis haben die Flüchtlinge kaum eine Chance auf ein normales Leben, in dem die seelischen Wunden verheilen könnten. Die Perspektivlosigkeit, die ständige Angst, abgeschoben zu werden, die hohen Schulden für das Lösegeld – all das ist ein Teufelskreis, der nicht mehr enden will.

In Zaris Gesicht ist hingegen noch eine Spur von Hoffnung zu sehen. Mit einem feinen Lächeln erklärt er, dass er hofft, die Schulden an seine Eltern bald zurückzahlen zu können. Israel möchte er am liebsten verlassen. „Mir wurde so viel Zeit meines Lebens gestohlen. Ich möchte irgendwo sein, wo ich leben kann.“ Und für einen Moment wirkt Zari wie ein ganz normaler junger Mann, der von einem friedlichen Leben träumt.

Die Autorin befragt im Rahmen eines internationalen Projekts Opfer von Menschenhandel aus Eritrea und engagiert sich für mehr Aufmerksamkeit für Flüchtlinge aus Eritrea.  In Israel versucht die Assaf Organisation den Flüchtlingen zu helfen.

 

Hintergrund: Menschenhandel mit Menschen aus Eritrea

Das kleine, einst aufstrebende Land am Horn von Afrika wird mittlerweile als das „afrikanische Nordkorea“ bezeichnet. Einem aktuellen UN-Bericht zufolge verübt die repressive Einparteienregierung massive Menschenrechtsverletzung, darunter willkürliche Verhaftungen, Folter und Hinrichtungen. Jeder kann für unbestimmte Zeit zum Militärdienst einberufen werden. Besonders gefürchtet ist der auch im Ausland aktive Geheimdienst.

Schätzungsweise 25.000 bis 30.000 Flüchtlinge, die Mehrzahl davon aus Eritrea, wurden seit 2009 auf der ägyptischen Halbinsel Sinai verschleppt und in sogenannte Foltercamps gebracht. Um ihre Angehörigen zur Zahlung von hohen Lösegeldsummen zu zwingen, werden sie brutal misshandelt. Teilweise foltert man die Flüchtlinge am Telefon, um den Druck auf ihre Familien zu erhöhen. Die Dauer der Gefangenschaft variiert von wenigen Wochen bis zu vielen Monaten.  Viele sterben in den Foltercamps an den Folgen der Misshandlung oder weil ihr Lösegeld nicht gezahlt wird. Der Film „The Sound of Torture“ hat diesen Opfern eine Stimme gegeben (Info3 berichtete).

Etwa 7.000 Überlebende sind heute in Israel, wo sie aufgrund des Anti-Infiltrations-Gesetzes als illegale Eindringlinge gelten. Seit Ägypten Anfang 2015 seine Militärpräsenz auf dem Sinai verstärkt hat, wurde der Menschenhandel dort eingedämmt und hat sich mittlerweile nach Libyen verlagert. Menschen aus Eritrea machen derzeit neben den Syrern eine der größten nach Europa strebenden Flüchtlingsgruppen aus.