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Von Wolf-Ulrich Klünker

 

Der zweite Band der kritischen Steiner-Ausgabe (SKA), herausgegeben wiederum von Christian Clement (in der Gesamtzählung der Reihe Band 7) enthält Schriften zur Erkenntnisschulung: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? und Die Stufen der höheren Erkenntnis. Damit sind diese beiden grundlegenden Werke zum Schulungsweg zum ersten Mal wissenschaftsfähig ediert worden – ein für die Steiner-Rezeption im 21. Jahrhundert entscheidender Schritt!

Die Einleitung von Gerhard Wehr und die Erläuterungen des Herausgebers beleuchten die psychologische, esoterische und philosophische Bedeutung der Schulungsschriften Rudolf Steiners. Dabei kommt auch zum Ausdruck, dass die rein esoterische Zuordnung dieser Arbeiten Steiners zu kurz greift – sie müssen in ihrer philosophiegeschichtlichen Bedeutung (gerade in der Beziehung zum Deutschen Idealismus) und in ihrer psychologischen Dimension (willensgetragene Ich-Individualisierung) gewürdigt werden.

Eine solche wissenschaftliche Ausgabe war nach über 100 Jahren  Textgeschichte dringend notwendig. Sie bringt im Prinzip keine neuen Materialien; fast alle Inhalte sind bereits in irgendeiner Form in der Rudolf Steiner Gesamtausgabe erschienen. Aber die wissenschaftliche Objektivierung ist heute in sich bedeutsam. Alle Auflagen zu Lebzeiten Steiners sind zum Vergleich wiedergegeben; zudem Dokumente, die mit dem Inhalt der beiden Schulungsschriften zusammenhängen (beispielsweise Rudolf Steiners Beziehung zur Esoterischen Schule); schließlich eine instruktive historische Entwicklung des Begriffs „Intuition“ im Werk Rudolf Steiners. Für den alltäglichen privaten Gebrauch ist das gewichtige Werk mit 500 Seiten nicht einfach handhabbar; zudem kann das Druckbild durch die Berücksichtigung aller Textvarianten gelegentlich etwas verwirrend wirken. Aber es handelt sich um ein unverzichtbares Handwerkszeug für den mündigen Leser: weil die Illusion eines eindeutigen und objektiven Textes aufgehoben wird.

 

Text und Entwicklung

 

Textkritische Ausgaben haben sich insbesondere seit dem 19. Jahrhundert als wissenschaftlich notwendig erwiesen, zunächst vor allem für handschriftlich überlieferte Texte. Es ist leicht vorstellbar, dass die handschriftlichen Überlieferungen der Evangelien oder von philosophischen Werken aus dem Mittelalter in Lese-, Abschreib- und Verständnisfehlern durch einen Textvergleich korrigiert werden können. Die textkritische Aufbereitung von Schriften, die von Anfang an in gedruckten Ausgaben überliefert wurden, tragen zum Textverständnis naturgemäß weniger bei. Vielmehr geht es hier um die Veranschaulichung der Textgeschichte. Im Fall der beiden Schulungsschriften Rudolf Steiners wird deutlich – und darin besteht der eigentliche Erkenntnisgewinn – wie Rudolf Steiner selbst in die verschiedenen Auflagen zu seinen Lebzeiten eingegriffen hat. Mit anderen Worten: Man kann anhand des Textvergleichs verfolgen, wie sich Rudolf Steiners Verständnis von Schulungsweg im Laufe der Jahre verändert hat.

Schlagartig wird dabei deutlich, dass es gerade für eine sachgerechte Auffassung von Anthroposophie notwendig ist, Textgeschichte, Wirkungsgeschichte und Sinnverständnis deutlich zu unterscheiden. Die Textgeschichte führt vor Augen, dass Rudolf Steiner die Bedeutung des „persönlichen Meisters“ im Laufe der Zeit zurückgenommen hat, dass bestimmte Übungshinweise zugunsten eines selbstverantworteten Zugangs des Lesers reduziert werden, dass sich insgesamt eine Individualisierung des Schulungswegs vollzogen hat. Eine Wirkungsgeschichte könnte zeigen, dass trotzdem der anthroposophische Schulungsweg über Jahrzehnte, ja fast im gesamten 20. Jahrhundert, in bestimmter Weise aufgefasst wurde – und gerade daran wird deutlich, dass ein eigenverantwortetes Sinnverständnis unabdingbar ist. Denn nur daraus kann sich ergeben, dass Rudolf Steiner weder bestimmte Übungen noch eine bestimmte Schulungsausrichtung, sondern das Prinzip moderner geistiger Selbstaktivierung und Selbstbestimmung inaugurieren wollte.

Selbstverständlich kann eine Textgeschichte das Sinnverständnis nicht ersetzen. Aber Zugang zum Sinn setzt ein Bewusstsein der historischen Distanz zu dem über 100 Jahre alten Text voraus – und diese Distanz kann durch eine textkritische Ausgabe deutlicher werden. Tragisch wäre es, wenn das Bewusstsein entstehen würde, eine textgeschichtliche Betrachtung könnte die inhaltliche Erschließung ersetzen oder überflüssig machen. Das wäre derselbe Trugschluss, wie wenn man bei einer Rekonstruktion eines historischen Kirchenbaus die Zusammenstellung der Materialien an die Stelle des Verständnisses der ästhetisch-religiösen Bedeutung des Gebäudes setzen würde. Aber es könnte durch die Rekonstruktion der verschiedenen historischen Baustufen allmählich deutlicher werden, wie sich Ästhetik und Religion im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Man könnte durch eine solche Rekonstruktion die ursprüngliche Intention und Wirkung des Gebäudes vielleicht sogar wieder zur Geltung bringen.

 

Schulungsweg damals und heute

 

Anthroposophische Erkenntnisschulung zielt letztlich nicht auf sogenannte höhere Einsichten. Es geht noch nicht einmal in erster Linie um esoterische Inhalte, sondern um geistige Individualisierung, geistige Selbstverantwortung und vor allem um geistige Selbstaktivierung. Ganz prinzipiell lässt sich sagen, dass sich ein spiritueller Schulungsweg aus der Beziehung von zwei Schwellen konstituiert: aus dem Verhältnis von persönlicher Schwelle und von geistiger Schwelle. Diese beiden Grenzen haben zunächst nichts mit Erkenntniserweiterung, sondern eher mit dem Anstoßen an die eigene Beschränktheit zu tun. Esoterisch ist ein geistiger Inhalt nicht, weil er in irgendeiner Weise „okkult“ wäre, sondern weil er jenseits meines mir jetzt möglichen Erkenntniszugangs liegt. Diese Grenze meiner Erkenntnisfähigkeit muss ich aber (schmerzhaft) spüren, um nicht in eine Illusion meiner geistigen Kompetenz oder in geistige Lethargie zu verfallen. Die persönliche Schwelle ist demgegenüber sehr viel existenzieller; sie hängt mit meiner biografischen und seelischen Situation zusammen. Ein Berühren der persönlichen Schwelle bringt mich existenziell in Bedrängnis – und klärt mich über eine bisherige Lebensillusion auf.

Das Verhältnis von geistiger und persönlicher Schwelle hat sich in den letzten hundert Jahren stark verändert. Das 21. Jahrhundert hat viele Menschen in eine Begegnung mit der existenziellen Schwelle gebracht. Diese Begegnung zeigt immer auch auf, wie notwendig eine persönliche Selbstveränderung ist. Es wird heute für viele Menschen spürbar, dass ich mich auf einen Weg geistiger Selbstaktivierung begeben muss, um auch an der persönlichen Schwelle zu arbeiten. Ich brauche die Erfahrung geistiger Entwicklung, um auch biografisch, seelisch und zwischenmenschlich die Begrenzung zu überwinden, mit der ich existenziell konfrontiert bin. Es gibt eine untergründige Kraft geistiger Arbeit, die bis in die Bereiche von seelischer und körperlicher Gesundheit, bis in zwischenmenschliche Konstellationen und biografische Situationen hinein wirkt. Das Bewusstseinslicht geistiger Selbstaktivierung strahlt auf Gebiete, die zunächst gar nicht inhaltlich auf diese Erkenntnisschritte bezogen sind.

Von der geistigen Selbstaktivierung geht eine Formkraft aus, auf die der seelische Innenraum, die zwischenmenschliche Lebenssituation und die biografische Lebensgestaltung gleichsam warten. Geistiger Schulungsweg ist damit heute für fast jeden Menschen zu einer (manchmal unerkannten) Lebensnotwendigkeit geworden. Richtig verstandene „Anthroposophie“ wirkt darin nicht als eine bestimmte Welt- und Lebensanschauung, sondern als Lebenshaltung der Individualität.

 

Historische Entwicklung und esoterische Realität

 

Die textkritische Ausgabe von Werken Rudolf Steiners zeigt den historischen Abstand zu der Zeit ihrer Entstehung. Ein Bewusstsein dieser Distanz kann als Voraussetzung für gegenwärtige esoterische Wirklichkeit gelten. Denn es ist illusionär, Aussagen und Texte Rudolf Steiners für immer gleich geltend zu halten. Geistige Schulung heute kann an Rudolf Steiner anknüpfen, kann aber den Weg nicht von ihm übernehmen. Geistige Schulung heute braucht Selbstverantwortung und persönliche Verantwortung für esoterische Entwicklung, die nur entstehen können, wenn der geschichtliche Abstand zu Rudolf Steiner deutlich wird. Die kritische Steiner-Ausgabe dokumentiert diese historische Distanz und weist damit (zumindest indirekt) auf eine zweifache Notwendigkeit: die Beziehung zur Anthroposophie und zu Rudolf Steiner selbstverantwortlich neu zu erfüllen und damit einzulösen, was Anthroposophie in der Gegenwart sein kann.

Hier ist ein gewisser Blick von außen, eine Objektivierung der Beziehung zu Rudolf Steiner und seiner Zeit notwendig. Vollzieht man diese Objektivierung und damit auch eine gewisse Distanzierung nicht, könnte es sein, dass man sich nicht nur selbst, sondern auch Rudolf Steiner an eine längst vergangene menschliche und geistige Situation fixiert. Auch Rudolf Steiner selbst befindet sich längst an einer ganz anderen Stelle, als damals realisierbar war.

Schon die Entwicklung zur Lebenszeit Rudolf Steiners, beispielsweise von Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? bis hin zu den Leitsätzen des Jahres 1924 (oder auch bis zur Freien Hochschule für Geisteswissenschaft) macht diese Tatsache unumstößlich deutlich. Hier ist vom schriftlichen Werk Rudolf Steiners die Rede. Für Vorträge gilt das Gesagte in noch viel höherem Maße; denn diese sind nicht nur aus heutiger Sicht historisch, sondern sie waren in jedem Moment ihrer Entstehung hoch situativ. Und genau diese Situation ist in keinem Moment historisch zu reproduzieren, nicht am Tag nach dem Vortrag, nicht in der Woche nach der entsprechenden Ansprache, noch weniger nach hundert Jahren. Wenn Vorträge Rudolf Steiners heute Geltung besitzen sollen, dann ist das nur möglich, wenn sie von dem schriftlichen Werk her beleuchtet werden, das nicht situativ gemeint war.

Es gibt eine untergründige Kraftwirkung der Anthroposophie, die nur deutlich wird, wenn man den ihr gegenüber doch oberflächlichen Inhalt in seiner historischen Dimension erkennt. Es kann nicht darum gehen, an bestimmte historische Ausformungen und Inhalte der Anthroposophie anzuschließen – noch weniger darum, sie nachzuahmen oder zu reproduzieren. Ein solcher Versuch würde nur zur Selbsthistorisierung und schließlich zur Selbstüberformung führen. Der Anschluss an die untergründige Kraftwirkung der Geisteswissenschaft, der nur aus dem Bewusstsein historischer Distanz möglich ist, ermöglicht Zukunft von Anthroposophie. Ernsthaftes Studium, darüber hinaus sogar die minutiöse inhaltliche Erarbeitung der Werke Rudolf Steiners bilden hier eine unabdingbare Grundlage.

Damit wird die Oberfläche des Inhalts und seiner historischen Form überwunden. Und es kann deutlich werden, dass sich Anthroposophie heute vielfach auch dort befindet, wo sie nicht als solche bezeichnet wird: in den Intentionen und Impulsen vieler Menschen und vieler Projekte, die menschlich, geistig und karmisch nur verständlich werden, wenn man ihre Ursachen darin sucht, dass Anthroposophie inzwischen über 100 Jahre wirken konnte – selbstverständlich nicht nur innerhalb der anthroposophischen Bewegung. In dieser Gestalt wäre die Anthroposophie heute erst zu re-identifizieren, und dazu kann ein Bewusstsein ihrer historischen Entwicklung beitragen. ///

Dieser Text erschien in der Ausgabe Info3 1/2015

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Prof. Dr. Dr. Wolf-Ulrich Klünker, langjährige Tätigkeit im Hardenberg-Institut und im Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft, Delos Forschungsstelle und Turmalin-Stiftung, Redner und Autor zahlreicher Bücher, seit kurzem Professor für Anthroposophie an der Alanus Hochschule.

 

Foto: Alanus HochschuleRudolf Steiner: Schriften – Kritische Ausgabe.

Herausgegeben von Christian Clement. Band 7: Schriften zur Erkenntnisschulung

Rudolf Steiner: Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? Die Stufen der höheren Erkenntnis. Samt einem Anhang mit Materialien aus Rudolf Steiners erkenntnisschulischer und erkenntniskultischer Arbeit. Herausgegeben und kommentiert von Christian Clement. Mit einem Vorwort von Gerhard Wehr. Frommann-Holzboog, Stuttgart – Bad Cannstatt  2014, € 108,-.