www-zidisha-org

Foto: Zidisha.org

Von Andreas Bernt-Bärtl

Als ich das erste Mal die Geschichte von Boniface Nzau las, kamen Erinnerungen an meine Jugend zurück. Ich war einer von denjenigen, die nächtelang mit Lötkolben und Bauteilen hantierten, um dann irgendwann Zeichen und Buchstaben auf einem Computer-Bildschirm erscheinen zu lassen. Da meine Keller-Werkstatt in einer ganz normalen Stadt in der DDR lag, konnte ich nicht einfach in einem Laden alles Nötige für einen Computer kaufen. Ich war also stolz, endlich aus vielen Teilen etwas Funktionierendes zusammengebaut zu haben. Außerdem hatte die Sache noch einen wirtschaftlichen Aspekt, denn ich konnte meine Elektronikbauten gegen andere Sachen eintauschen, die ich selbst nicht herstellen konnte. Musikkassetten gehörten zum Beispiel dazu.

Boniface Nzau macht es ganz ähnlich. Er kauft Computer, die in Unternehmen nicht mehr benötigt werden, tauscht alte Bauteile aus und verkauft sie weiter; mit einem Unterschied: Boniface lebt nicht in Europa, sondern in Afrika, und sein Geschäft sichert ihm ein Einkommen. Boniface ist ein junger Mann einer neuen Generation, mit Schulbildung und dem Wunsch, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Er ist Kleinstunternehmer und weiß, was es braucht, um sein Geschäft voranzubringen: Er schreibt von Investitionen und einem Kredit über 150 Dollar, um weitere gebrauchte Computer zu kaufen. Lesen kann man dies auf der Internetseite von „Zidisha“. Es ist die erste Mikrokredit-Plattform, bei der Kreditnehmer direkt mit Kreditgebern in Kontakt treten, um ihre Geschäftsideen vorzustellen und das erforderliche Kreditkapital einzuwerben.

Wirklich produktiv

Gefunden habe ich Boniface auf der Suche nach einer Anlagemöglichkeit, die sinnvoller ist als ein herkömmlicher Sparvertrag oder andere Finanzprodukte. Wenn ich mein Geld jemandem anvertraue, der es für mich vermehrt, dann gebe ich auch die Verantwortung dafür ab, was mit dem Geld passiert. Ich empfand es als unnatürlich, eine so wichtige Ressource wie Geld einfach so wegzugeben und es mit Zinsen wiederzubekommen. Diese Zinsen würden ja ohne mein Zutun hinzukommen, ohne dass ich in einen wertschöpfenden Prozess involviert wäre.

Was aber passiert, wenn ich Geld direkt dorthin gebe, wo es einen direkten Unterschied macht, wo es einem Unternehmer hilft, die Bedürfnisse seiner Kunden besser zu erfüllen? Dann wäre mein Geld ja wirklich produktiv, denn es wäre sozusagen der Schmierstoff dafür, dass produziert werden kann.  Und durch die unternehmerische Tätigkeit würde neben dem Kundenglück ja auch ein Gewinn entstehen, der ausreicht, um den Kredit zurückzuzahlen. So könnte jeder eingesetzte Euro wieder zurückfließen,  um für ein weiteres Unternehmen Verwendung zu finden.

Damit ich auch wirklich direkt agieren konnte, entschied ich mich für einen Mikrokredit. Das Risiko war überschaubar, denn die eingesetzten 25 Dollar hätte ich bei Verlust verschmerzen können. Wichtig war aber, dass das Geld direkt an einen Unternehmer fließt und ich auch sein Geschäft kenne. Ich wollte ja nicht einer Organisation Geld anvertrauen, die dann Ausführender wäre.  So entschied ich mich für Zidisha, denn auf dieser Internet-Plattform stellen Unternehmer aus Entwicklungsländern ihre Geschäftsideen selbst vor. Jeder, der einen Kredit in Anspruch nehmen möchte, beschreibt sich und sein Projekt, formuliert den Kreditwunsch und stellt einen Zahlungsplan für die Rückzahlung auf. Zidisha prüft die Authentizität der Angaben, so dass potentielle Kreditgeber sicher sein können, dass die Person und ihr Geschäft tatsächlich existieren. Jeder, der einen Kredit vergeben möchte, kann direkt mit dem Kreditnehmer in Kontakt treten, die Geschäftsidee hinterfragen oder sich über das Marktumfeld informieren lassen.

Zidisha basiert auf Crowdfunding, so dass Geschäftsideen von mehreren Kreditgebern finanziert werden. Das verteilt das Risiko und macht es möglich, auch größere Kreditvolumen aufzubringen. Ich für meinen Teil investierte 25 Dollar, vier weitere Geber halfen mit, den Kredit von 150 Dollar für Boniface zu finanzieren – eine überschaubare Summe.  Der Rückzahlungsplan war jedoch ambitioniert: Innerhalb von nur zwei Monaten wollte Boniface den gesamten Kredit zurückzahlen.  Also prüfte ich regelmäßig mein Konto bei Zidisha – und tatsächlich, jede Woche kamen knapp 13 Dollar dazu, so dass der Kredit in der avisierten Zeit zurückgezahlt war.

Das Besondere an Zidisha ist übrigens, dass Boniface entscheiden konnte, ob er Zinsen für seinen Kredit anbieten und ich wiederum, ob ich welche nehmen will. Die Zidisha-Community sieht Zinsen eher als Risikoabsicherung für gegebenenfalls ausfallende Kredite. Der durchschnittlich gezahlte Zins liegt deshalb bei 6,1 Prozent. Boniface hat für seinen Kredit über 150 Dollar bei einer Laufzeit von 2 Monaten schließlich 1,75 Dollar Zinsen an die Kreditgeber und 1, 73 Dollar Servicegebühr an Zidisha gezahlt. Das sind faire Konditionen – bei klassischen Mikrokrediten zahlen Kreditnehmer 30 Prozent und mehr Zinsen.

Ein Stück Freiheit

Wie ist das Experiment nun für mich ausgegangen? Monetär betrachtet hat sich ein Kreislauf geschlossen. Ich habe Geld eingesetzt, um etwas möglich werden zu lassen, das ohne mein Zutun vielleicht nicht zustande gekommen wäre. Und ich habe meinen Einsatz zurückerhalten, so dass ich ihn in ein weiteres Projekt investieren kann; soweit der wirtschaftliche Kreislauf.  Damit einhergegangen ist aber etwas anderes. Ich habe mich verantwortlich dafür erklärt, was mit meinem Geld passiert. Ich habe dem Geld jenseits seines monetären Wertes eine zweite Realität verliehen. Ich konnte es an der Reaktion von Boniface festmachen, gleich nachdem der Kredit vollständig finanziert war. Mit diesem Kredit hat ein Mensch Wertschätzung erfahren. Keine Bank hätte ihm Kredit gegeben. Aber fünf Menschen, verteilt über zwei Kontinente, taten es, und signalisierten damit, dass sie an seine wirtschaftliche Entwicklung glaubten. Für Boniface macht es einen riesigen Unterschied, ob er wie in der Generation seiner Eltern von Zuwendungen anderer leben muss oder auf eigenen Beinen stehen kann. Ich denke, das ist für ihn ein Stück ganz konkrete Freiheit.

Die Rückzahlung von Boniface habe ich zwischenzeitlich übrigens in ein weiteres Unternehmen investiert. Irene Wambua baut Obst und Gemüse an und beliefert direkt Haushalte in Nairobi. Sie hat also ein Direktgeschäft für Frischeprodukte aufgebaut und kann so die Wünsche ihrer Kunden sehr gezielt bedienen. Irene ist eine von 20 weiteren Unternehmerinnen, deren Geschäftsideen ich inzwischen mit meinem Geld unterstütze.

Die guten Erfahrungen mit der direkten Vergabe von Mikrokrediten haben meinen Blick auf den Umgang mit Geld verändert und mich noch einen Schritt weiter gehen lassen. Seit zwei Monaten bin ich selbst Teil von Zidisha und sorge dafür, dass Investitionen in gute Ideen noch einfacher funktionieren. ///

Der Autor engagiert sich ehrenamtlich für Zidisha. Fragen und Kontakt: andreas@zidisha.org