Foto: Dottenfelderhof

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Foto von der Autorin

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 Von Xenia Schein

„Jetzt können wir eigentlich gar nicht mehr zurück.“ Lilja Sidora hat das Konzept der muttergebundenen Kälberaufzucht zusammen mit Jeanette Klös auf dem Dottenfelderhof bei Frankfurt umgesetzt und ist zutiefst von dem Projekt überzeugt. Wer die friedliche Stimmung bei der Abendfütterung der Tiere beobachten kann, gibt ihr sofort recht: Die jungen Tiere des „Kindergartens“ werden zum Trinken zu den Müttern gelassen. Völlig ohne Zutun des Menschen, aber sorgfältig beobachtet, trinken sich die Kleinen satt und genießen sichtlich das Zusammensein mit ihren Müttern. Besonders auffällig ist die tiefe Ruhe, die über dem Ganzen liegt, auch kleine Kinder, die fasziniert zuschauen, respektieren schon diese exklusive Mutter-Kind-Zeit und halten etwas Abstand. Seit eineinhalb Jahren arbeiten Lilja Sidora und ihre Kollegen mit der muttergebundenen Kälberaufzucht. „Die Jungtiere sind wesentlich weniger stressbelastet und kaum krank. Auch die erwachsenen Tiere wirken ausgeglichener als früher“, haben sie festgestellt.

 

Bessere Kälbergesundheit

Lilja Sidora und ihre Kollegen haben mit ihrem Projekt der muttergebundenen Kälberaufzucht eine Praxis aufgegriffen, die bis in die 50er Jahre hinein ganz normal war. Inzwischen ist es jedoch sowohl in der konventionellen Landwirtschaft als auch bei Biobetrieben üblich, die Kälber kurz nach der Geburt von der Mutter zu trennen, um weiterhin ausschließlich für den Verkauf melken zu können. Zwar nimmt die Nachfrage unter Verbraucherinnen und Verbrauchern nach Milch aus muttergebundener Kälberaufzucht zu, viele Landwirte haben aber Probleme mit der räumlichen Kapazität und auch Sorge vor einem gewissen Verlust von Kontrolle über die Herde. Werden die Kälbchen nicht bald nach der Geburt von den Muttertieren getrennt und zum Beispiel durch Flaschenfütterung an den Menschen gewöhnt, besteht die Gefahr einer „Verwilderung“.

Auf dem Dottenfelderhof sind die Kälber trotz der Bindung an die Mütter auch bei Menschen sehr zutraulich, die Sorge vor der Abkehr vom Menschen war unbegründet. Die Jungtiere trinken ab dem Alter von circa acht Wochen auch bei anderen Kühen, setzen sich von selbst ab und beide Seiten leiden wesentlich weniger unter Trennungsschmerz als früher, wohl auch, weil das Säugen morgens und abends – für die Kälber eben auch Gelegenheit zur Spielstunde – nicht unter Zeitdruck stattfindet. Wissenschaftliche Studien bestätigen diese Erfahrungen: Die Kälber sind deutlich seltener krank als bei der sonst üblichen frühen Trennung von der Mutter, auch die Eutergesundheit ist bei säugenden Kühen tendenziell besser. Die gewonnene Milchmenge reduziert sich natürlich entsprechend, nicht aber die Milchleistung generell, sofern komplett leer gemolken wird. Der Arbeitsaufwand hat sich gegenüber der Eimertränke deutlich verringert, es entfällt das Wärmen und Verfüttern der Milch sowie die Reinigung der Tränkeimer, allerdings müssen die Tiere nach wie vor genau beobachtet werden. Auch die Euterkontrolle ist unbedingt notwendig, um Entzündungen vorzubeugen.

Eine Studie aus dem Jahr 2004 (Scholl, Kälbergesundheit in der muttergebundenen Kälberaufzucht) weist auf die Gefahr hin, dass die Tierbeobachtung vernachlässigt werden könnte im Glauben, schon aus dem natürlichen Aufzuchtverfahren ergebe sich eine verbesserte Kälbergesundheit. Auf dem Dottenfelderhof begleiten alle Beteiligten die Kälberaufzucht intensiv und beobachten dabei, wie sehr die Kälber trotz der Nähe zu ihren Müttern noch auf den Menschen bezogen sind.

Wichtiger noch als die Reduzierung des Aufwandes ist für Lilja Sidora und ihre Kollegen die veränderte Qualität der Arbeit: Der Schwerpunkt hat sich von der eher technischen Tätigkeit der Fütterung verlagert auf Verhaltensbeobachtung und unterstützende Betreuung.

Lilja Sidora betont, wie wichtig es ist, dass die Entscheidung im gesamten Team mitgetragen wird. Schließlich sind die Kälber auch im Stall viel präsenter und verlangen entsprechende Aufmerksamkeit. Interessant ist, dass die muttergebundenen Kälber ein anderes Sozialverhalten aufweisen – im positiven Sinne. Verhaltensstörungen treten deutlich seltener auf, sie sind den Kontakt mit älteren Tieren von Anfang an gewohnt und verhalten sich untereinander freundlich und zugewandt.

 

Untersuchungen des Thünen-Instituts in Westerau und des Instituts für Nutztierwissenschaften in Zürich haben bei mutterlos aufgezogenen Kälbern eine chronische Stressbelastung festgestellt, deren Langzeitwirkung zwar unbekannt ist, die aber mit Sicherheit zumindest das aktuelle Wohlergehen beeinträchtigt. Bei Kälbern mit Mutterkontakt entsteht diese Stressbelastung nicht und zwar unabhängig davon, ob es einen uneingeschränkten Kuh-Kalb-Kontakt gibt oder ob dieser Kontakt nur zweimal täglich stattfindet. Durch gesteigerte Milchaufnahme bei der muttergebundenen Kälberaufzucht sind auf anderen Höfen teilweise vermehrt Durchfallerkrankungen aufgetreten, ein Problem, das die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Dottenfelderhof bisher nicht beobachten konnten. Zwar gibt es auch bei ihren Kälbern nach wie vor Durchfallerkrankungen, aber sie verlaufen wesentlich undramatischer, die Kälber trinken weiter und erholen sich meist schnell wieder von allein.

 

Noch wenig Wissen bei den Verbrauchern

 

Wenn man sich auf dem Wochenmarkt umhört, besteht derzeit noch wenig Interesse an den genauen Herstellungsbedingungen von Milch; Verbraucherinnen und Verbraucher gehen allerdings häufig auch selbstverständlich davon aus, dass Demeter-Höfe mit der muttergebundenen Kälberaufzucht arbeiten. Wie komplex die Realisierung einer solchen Tierhaltung ist, die unserem idyllischen Bild von natürlicher Landwirtschaft entspricht, weiß kaum jemand.

Melanie Wollnitzer arbeitet im Hofladen des Dottenfelderhofes und hat beobachtet, dass bewusstes Nachfragen oft eher von Familien ausgeht, weil die Kinder sich für Abläufe auf dem Hof interessieren und auch die Fütterung sehr genau betrachten. Familienvater Sebastian Harrer etwa hat zwei kleine Jungs mit vielen Fragen und findet die Initiative sehr gut, auch andere Hofbesucher, speziell die Eltern, begrüßen das Konzept. Bisher setzen es allerdings nur wenige Höfe um.

Demeter-Betriebe haben den Anspruch der wesensgerechten, von Respekt geprägten Tierhaltung. Die genaue Beobachtung der Tiere eröffnet dabei viele neue Möglichkeiten, denn sie zeigen dem Menschen sehr deutlich, ob ein System funktioniert oder nicht. Den Schritt zur muttergebundenen Kälberaufzucht empfinden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Dottenfelderhof als sehr positiv, nun wird in die Zukunft gedacht. Traditionell verkaufen Milchviehbetriebe ihre Bullenkälber bereits nach zwei Wochen und auch bei muttergebundener Aufzucht findet der Kontakt nur zu bestimmten Zeiten statt. „Wie können wir der Herde mehr Freiräume schaffen, sich selbst zu strukturieren, können die Kälber auch den ganzen Tag in der Herde mitlaufen und wie können wir jedem hier geborenen Kalb auch einen Platz auf dem Hof geben?“ Das sind die Fragen, die sich aus dem Schritt zur muttergebundenen Kälberaufzucht zwangsläufig ergeben und deren mögliche Antworten das Team zukünftig beschäftigen werden.

Florian Gleißner betreibt seit zwei Jahren in Fredeburg bei Lübeck muttergebundene Kälberaufzucht, warnt aber davor, die Methode pauschal als einzig richtige zu bezeichnen. Je nach Größe der Herde könne nicht jeder Landwirt die Anforderungen erfüllen und die steigenden Ansprüche der Verbraucherinnen und Verbraucher bezüglich des Tierwohls seien zwar wichtig, aber eben auch emotional besetzt. Aspekte wie die Tatsache, dass ein frühes Absetzen für ein Tier, das aus Platzgründen verkauft werden muss, erheblich mehr Stress bedeuten kann als die Eimertränke von Beginn an, würden dabei nicht berücksichtigt. „Entscheidend ist, wie sich die Methode praktisch umsetzen lässt, es muss passen“, sagt Florian Gleißner. Er glaubt, dass die muttergebundene Kälberaufzucht sich langfristig von selbst wieder durchsetzen wird.

„Jetzt können wir nicht mehr zurück“, meinte ja auch Lilja Sidora. Jeder, der die besondere Beziehung zwischen den Jungtieren und ihren Müttern beobachten konnte, wird dieses Gefühl nachvollziehen können – die praktische Umsetzung allerdings ist mit mehr Fragen verbunden, als der Laie denkt. ///

 

Xenia Schein, Jahrgang 1978, ist Germanistin und als freie Journalistin mit den Schwerpunkten Umwelt und Medizin tätig. Sie lebt in Bad Homburg vor der Höhe.