Stroganow-vegetarisch

 

Mit der wachsenden Kritik am massenhaften Fleischkonsum und der zunehmenden Popularität von Vegetarismus und Veganismus häufen sich auch die gegenseitigen Anschuldigungen zwischen Fleischessern auf der einen, Vegetariern oder Veganern auf der anderen Seite. Unsachlichen Anfeindungen gegen Menschen, die das Töten und das quälerische Halten von Tieren zu Nahrungszwecken ablehnen, stehen Positionen gegenüber, bei denen der moralisch begründete Verzicht auf tierische Produkte missionarische bis militante Züge annimmt. Eine Analyse der häufigsten Vorwürfe:

 

 

Kontra vegetarische und vegane Ernährung:

„Auch Vegetarier bzw. Veganer müssen töten, weil sie das Leben von Gemüse und Früchten beenden, um sie zu essen.“ 

Fadenscheinig und unbegründet. Das Argument, vielleicht habe auch der Salat Angst, wenn er gegessen wird, ist schon argumentationslogisch schwach – es würde, wenn denn an der Empfindungsfähigkeit von Pflanzen etwas dran wäre, das Töten von Tieren allemal fraglich machen. Für eine Gleichsetzung von Pflanzen und Tieren bezüglich ihrer Empfindungs- und Leidensfähigkeit gibt es jedoch keine plausiblen Gründe, da Pflanzen über kein Nervensystem als Träger einer Innerlichkeit verfügen.

„Ohne Tierhaltung funktioniert auch der Öko-Landbau nicht.“

Stimmt zwar derzeit weitgehend, ist aber kein „Muss“. Im biologisch-dynamischen und überwiegend auch im sonstigen Öko-Landbau spielt die Düngung mit Tierausscheidungen eine wesentliche Rolle; dennoch gibt es auch alternative Ansätze, Bio-Landbau allein mit Kompost, Gründüngung und sinnvoller Fruchtfolge zu betreiben.

„Es liegt im Karma der Tiere, dass sie uns Menschen als Nahrung dienen.“

Esoterische Variante des kirchlich-dogmatischen „Macht Euch die Erde untertan“.

„Ohne Fleisch auf dem Speisezettel drohen Mangelerscheinungen.“

Wissenschaftlich nicht belegt. Diese These vertritt u.a. wortgewaltig die amerikanische Sozialpsychologin Lierre Keith, die 20 Jahre vegan lebte und in ihrem Buch „Ethisch essen mit Fleisch“ behauptet, dadurch erkrankt zu sein. Der Auffassung, dass nur Fleisch die nötige Versorgung mit Proteinen garantiert, stehen jedoch nicht nur Erfolgsgeschichten von vegan lebenden Athleten, sondern auch fundierte ernährungsphysiologische Studien gegenüber.

 

Kontra Fleisch:

„Tiere sind genauso in ihrem Lebensrecht zu respektieren wie Menschen.“

Klingt gut, ist aber philosophisch und ethisch gefährlich unscharf, denn ein Recht auf Leben gibt es nur im Rahmen der Menschenrechte. Im Windschatten des berechtigen Tierschutzes machen sich in jüngster Zeit die sogenannten „Antispeziesisten“ breit, die den kategorialen Unterschied von Mensch und Tier verwischen und die Ausweitung der Menschenrechte auch für Tiere fordern. Fatalerweise wären demnach manche Tiere (etwa Schimpansen) in ihrem Lebensrecht zu schützen, während schwer behinderte Menschen (aufgrund ihres vermeintlich mangelnden Person-Seins) getötet werden dürften. Den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu wahren ist eine ethische Grundforderung, die mit einem umfassenden Tierrecht und Tierschutz nicht in Widerspruch stehen muss.  Ebenfalls wichtig in diesem Zusammenhang: Es wird oft pauschal von „Leben“ bzw von Tieren und ihren Rechten gesprochen, ohne Rücksicht darauf, ob es sich um Kleinstorganismen, einfache Lebewesen wie Krebse oder hoch entwickelte Säugetiere (Rinder, Schweine) handelt. Hier ist Differenzierung hilfreich.

Unter-Argument: „Das biblische Gebot: ‚Du sollst nicht töten‘ gilt auch für Tiere.“

Schlicht falsch. Man mag das Töten von Tieren für unethisch halten, biblisch ist es nicht zu begründen, da sich das fünfte der zehn Gebote ausdrücklich und wörtlich gegen das „Morden“ von Menschen richtet und sich in der Bibel nicht die geringsten Hinweise darauf finden, dass Tiere zu töten verwerflich sei. Auch abgesehen vom religiösen Kontext ist die Verwendung des ethisch und juristisch eindeutig dem menschlich-sozialen Verhalten zugeordneten Begriffs „Mord“ in Bezug auf Tiere unsachlich.

„Fleischessen ist unspirituell.“

Zu einfach, denn die großen Weltreligionen etwa sehen das Thema Fleisch sehr unterschiedlich: Das Judentum mit seinen Opfertieren und genauen Anweisungen zum Thema Fleisch scheint eine eindeutig pro-Fleisch eingestellte Religion zu sein, die sogar wegen ihrer besonderen, von Traditionalisten bis heute befolgten Schlachtvorschriften besonders oft in der Kritik von Tierschützern steht. Doch gibt es hier auch andere Stimmen mit Bezug auf das 1. Buch Mose 1,29: „Und Gott sprach: Siehe, ich gebe euch alles samentragende Kraut, das auf der ganzen Erdoberfläche, und jeglichen Baum, an welchem samentragende Baumfrucht ist, sie seien euer zum Essen“. Viele jüdische Mystiker und Intellektuelle von Luria bis zu Martin Buber und Isaac Singer waren Vegetarier.
Der Islam hat in seinen Ernährungsvorschriften vielfach die mosaischen Anweisungen integriert und sieht kein Problem im Schlachten und Essen von (bestimmten) Tieren.
Das Christentum hat zwar im Gedenken an den Tod Christi den ersten „Veggie-Day“ der Geschichte etabliert, insofern am Kar-(„Fleisch“-)Freitag und im weiteren Sinne grundsätzlich freitags kein Fleisch gegessen werden sollte. Das Töten und der Verzehr von Tieren wurde aber von Ausnahmen abgesehen nicht als bedenklich beurteilt, sondern mit dem Verweis auf Gottes Angebot begründet, die Güter der Erde nutzen zu dürfen. In den Ordensgemeinschaften hingegen wurde vielfach auf Fleischkonsum verzichtet – wohl weniger aus ethischen Gründen, sondern mehr aufgrund von befürchteten negativen Auswirkungen auf Seele und Geist des Menschen. – Ganz anders der Buddhismus, der aufgrund der Bemühung, kein durch Leid verursachtes Karma auf sich zu laden, dem Töten von Tieren ablehnend gegenüber steht und sich dabei auf eindeutige Worte des Buddha berufen kann. Doch gibt es innerhalb der verzweigten Strömungen des Buddhismus auch Praktizierende, die Fleisch essen – so wird z.B. dem Dalai Lama nachgesagt, zeitweise vom Vegetarismus abgewichen zu sein, zumal in dessen tibetanischer Heimat der Fleischgenuss üblich ist.
In der Anthroposophie hat Steiner zwar keine „Vorschriften“ bezüglich des Fleischkonsums hinterlassen, aber darauf verwiesen, dass Fleischkonsum einem spirituell-meditativen Leben nicht eben förderlich ist – eine Position, die sich im Einklang mit den meisten spirituellen Richtungen und den esoterischen Unterströmen der meisten Weltreligionen befinden dürfte. Die meisten Anthroposophen stehen heute dem Fleischkonsum eher kritisch gegenüber.

„Fleisch macht fett und ist ungesund.“

Unzutreffend. Gerade mageres Fleisch kann durchaus vernünftiger Bestandteil einer figurbewussten Ernährung sein. Ungesund an konventionellem Fleisch ist die Belastung durch Hormone, Antibiotika und schlechtes Futter, nicht das Fleisch als solches.

 

Dieser Text erschien in der Oktober-Ausgabe 2013 von Info3.