Was für eine Überraschung, als sich während der Vorbereitungstreffen zwischen Sonja Student (Integrale, Wilber), Tom Steininger (EnlightenNext, Cohen) und mir für die Herbstakademie 2012 das Leit-Thema „lebendiges Denken“ entfaltete. Denn das Denken genießt in spirituellen Kreisen kein besonders hohes Ansehen – obwohl gerade in der deutschsprachigen Kultur Denken und Spiritualität oft ganz nah beieinander liegen, auch in der Anthroposophie. Das reizte uns. Und lenkte den Blick auf kompetente MitstreiterInnen für diese Tagung: Katharina Ceming zum Beispiel, die als Philosophin und Theologin eine Lanze für das Denken bricht, Hilde Weckmann, frauenbewegte Unternehmerin und Denkerin aus Berlin, die Komponistin Saskia Bladt, die während der Tagung ein Musikstück schuf; und dann waren bei diesem Thema natürlich die Anthroposophen aus dem gemeinsamen Feld gefragt: Anna-Katharina Dehmelt, Christian Grauer, Sebastian Gronbach, Martin Spura und Adrian Wagner, alle auch aus Info3 bekannt, zeigten in Dialog-Foren die wesenhafte, intellekt-erwärmende und weltschaffende Kraft des Denkens.

Mein eigener Beitrag, der Teil eines Dialogs wurde, brachte mich mit meiner Kollegin und Info3-Autorin Cordula Mears-Frei zusammen. Gemeinsam führten wir ein öffentliches Gespräch über das Verhältnis von Steiner und Krishnamurti, der für Cordula eine zentrale Lehrerpersönlichkeit darstellt. Eine spannende thematische Konstellation gerade im Jahr 2012, wo vielfach des 100-jährigen Bestehens der Anthroposophischen Gesellschaft gedacht wurde, in deren Gründungsgeschichte Krishnamurti eine wichtige Rolle zukommt. In Indien geboren, war Krishnamurti 1912 mit gerade einmal 17 Jahren wegen seines besonderen Charismas ein Hoffnungsträger der Theosophen. Deren in Indien ansässige Führung prophezeite damals in ihm die Inkarnation eines hohen Weltenlehrers, eines Buddhas oder Christus. Steiner, zu dieser Zeit Präsident der Theosophen in Deutschland, ging auf Distanz. Was mit Krishnamurti gemacht werden sollte, war ihm Inbegriff eines überkommenen, obskuren Traditionalismus, der seinen eigenen Vorstellungen einer westlich-aufgeklärten Spiritualität entgegenstand. Die deutschen Theosophen stellten sich in der großen Mehrheit hinter ihn. So entstand aus der Abgrenzung die Anthroposophie als eigener Weg. Wenige Jahre später, als reifer Mann, distanzierte sich Krishnamurti selbst nicht nur von jener fragwürdigen Erhöhung seiner Person, sondern mehr noch von jedweder Bildung von Gruppen, von „Lehren“ und Richtungen zur Erlangung höherer Wahrheiten. Krishnamurti wurde zum großen Dekonstrukteur aller Konditionierung, erläuterte Cordula Mears-Frei, gerade auch des Festhaltens an geistigen Vorlieben. Seine Kunst der unaufhörlichen und authentischen Selbstbefragung macht ihn heute auch für ihre therapeutische Arbeit mit Menschen in Lebenskrisen zu einem wichtigen Ratgeber.

Mir selbst ging während unseres Gesprächs das Tragische der Beziehung zwischen Krishnamurti und Steiner auf, die sich nie persönlich begegneten: Krishnamurti, als junger Mann zur Stimulanz einer  überholten Tradition gedrängt, entwickelt sich in der Folge zum radikalen Lehrer der Freiheit, der sämtliche vorgegebene Glaubenssätze hinterfragt und der in diesem Hinterfragen die Menschen auf ihr innerstes Wesen, ihr Freisein-Können verweist. Das war auch Steiners Thema – doch in der Öffentlichkeit ist es heute eher der Gründer der Anthroposophie, der als Vertreter einer theosophisch geprägten Weltsicht dasteht, einer traditionalistischen, mit Vorstellungen höherer Wesen und allerlei kosmischer Kräfte beladenen Lehre. Das von Steiner intendierte Aufgeklärte der Anthroposophie hat sich höchstens in ihren Praxisfeldern konkretisiert, aber als geistige Strömung ist sie vom Schatten der Theosophie eingeholt und vielfach überformt worden.

Bei dem Versuch, den anthroposophischen Ursprungs-Impuls der Befreiung aus aller Konditionierung neu zu beleben, müssen die Impulse von Krishnamurti und Steiner heute jedoch keine Gegensätze mehr sein. Denn auch bei Steiner ist der Drang zur Befreiung aus der Enge des bürgerlichen Ich und der Vorrang des authentischen Suchens gegenüber konfessionshaften Antworten veranlagt. Genau darum ging es in allen Beiträgen und Gesprächen der Herbstakademie. Lebendiges Denken zeigt sich als das Übungsfeld, um unsere Individualität aus einem höheren All-Ich heraus entstehen zu lassen.