Hilfe für Flüchtlinge auf der Balkanroute. Foto: Clotaire Mandel

Hilfe für Flüchtlinge auf der Balkanroute. Foto: Clotaire Mandel

Binnen weniger Wochen ist Deutschland im vergangenen Jahr vom Zaungast zum Hauptakteur des Flüchtlingsdramas in Europa geworden. Eine gemeinsame Geste von Angela Merkel und dem österreichischen Kanzler Faymann spielte dabei eine Schlüsselrolle: In der Nacht vom 4. auf den 5. September 2015 entschieden die beiden Regierungschefs, Tausende von Flüchtenden, die in Ungarn feststeckten, ungehindert einreisen zu lassen – ein dramatischer Moment, dessen Folgen bis heute umstritten sind.

Deutschland hat sich seither verändert. Für viele überraschend: Die höchste Vertreterin einer konservativen Partei hält trotz massivster Kritik daran fest, dass das Asylrecht als Menschenrecht keine Obergrenze zulässt. Auch wenn die Euphorie der ersten Begrüßungswelle inzwischen verebbt ist, wird in der Aufnahme Hunderttausender mittelloser Menschen auch weiterhin Gewaltiges geleistet. Auf einer gemeinsamen Veranstaltung mit Rupert Neudeck in Frankfurt bezeichnete es im Dezember der deutsch-französische Publizist Alfred Grosser als die zweite Verwaltungs-Großleitung Deutschlands nach der Wiedervereinigung, mehr als eine Million Flüchtlinge während eines Jahres in den Städten und Kommunen aufgenommen zu haben. Den Politikern und Angestellten, den Hilfsdiensten und Freiwilligen verlangt das oft das Letzte ab. Arbeit mit Flüchtlingen ist meist alles andere als romantisch und die Probleme der Integration sind enorm. Teile der Bevölkerung radikalisieren sich deswegen in Ängsten und steigern sich in „Systemkritik“ wie bei Pegida – bis weit in die bürgerliche Mitte hinein.

Aber auch wenn die Stimmung gegen Geflüchtete und gegen die Haltung der deutschen Regierung zu kippen droht – ein großer Teil der Bevölkerung empfindet es anders. Viele sind sicher, dass wir als ein privilegiertes Land die Möglichkeit und die Pflicht haben, zu helfen; wir haben es lange geahnt, dass unsere Wohlstands-Insel in einer Welt, wo wenige Flugstunden entfernt Menschen bitterste Not leiden, so nicht von Bestand sein kann. Globalisierung ist keine Einbahnstraße. Die Folgen der Tatenlosigkeit angesichts der katastrophalen Verhältnisse in weiten Teilen Afrikas, das Wegschauen vor den Folgen von Diktaturen oder dem islamistischen Terror bekamen wir bisher kaum zu spüren – die Erregung über mögliche Bundeswehreinsätze war schon das höchste der Gefühle. Mit den Flüchtlingen aber ist die weltweite soziale Frage wie auch die größere außenpolitische Verantwortung buchstäblich zu uns gekommen – und hat ganz praktisch Einzug in unsere sozialen Systeme gehalten. Diese Ausgleichsbewegung lässt sich nicht rückgängig machen, wir sollten sie deshalb als Chance begreifen und gleichzeitig vielleicht auch etwas von dem Guten zurückgeben, das wir selbst in der Vergangenheit von unseren Nachbarn und Freunden in der Welt erfahren haben.

 

Bilder der Zukunft

 

Sicher, es gibt auch viele, die die Lage nur als Bedrohung erleben. Ihre Angst, dass sich durch die Flüchtlinge unsere Gesellschaft verändern wird, ist berechtigt – sie verändert sich bereits deutlich. Der Nationalstaat alten Typs wird obsolet, die Frage, was eigentlich (noch) deutsch ist, wird drängender denn je, ein offenes Interesse für den Islam wird unausweichlich für ein gedeihliches Miteinander. Die Komplexität der sozialen Schichtungen zwischen postmodern und patriarchal wird zunehmen.

Die einen bauen darauf, dass da, wo so viel evolutionärer Drang entsteht, trotz aller Probleme auch das Potenzial für eine neue Gesellschaft vorhanden ist. Zu ihrem Vertrauen gehört, dass sie auch in der Krise auf Offenheit setzen, obwohl sie das genaue Bild der Zukunft nicht kennen.

Die andere Seite zeichnet sehr wohl ein klares Bild dessen, was ihrer Meinung nach jetzt nötig wäre: Es ist das Bild von neuen Grenzen und Zäunen. – Aber Stacheldraht kann man leicht durchschneiden. Deshalb muss, wer Zäune zur Beendigung des Flüchtlingszustroms will, den Einsatz von Tränengas und Schusswaffen mitdenken. Wer will das wirklich?

 

Nation ohne Ziel?

 

Als Rudolf Steiner im Jahr 1919 nach dem Ende des Ersten Weltkriegs einen Aufruf für einen sozialen Neubeginn verbreitete, formulierte er darin den seiner Ansicht nach wesentlichen Grund für die vorausgegangene Zertrümmerung Deutschlands: Der bloße Aufbau eines traditionellen Nationalstaates habe keine ausreichende Identität für Deutschland dargestellt. Steiner wörtlich: „So war das (deutsche) Reich in den Weltzusammenhang hineingestellt ohne wesenhafte, seinen Bestand rechtfertigende Zielsetzung.“ Als wirtschaftlich und militärisch mächtiges Land ohne einen – wie wir vielleicht sagen würden –  humanitären Beitrag hatte es eher Misstrauen bei seinen Nachbarn hervorgerufen.

Eine „seinen Bestand rechtfertigende Zielsetzung“ hat sich Deutschland bekanntlich auch später nicht aufbauen können. Stattdessen zog es sich durch das Errichten der NS-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg den Zorn der ganzen Welt zu. Trotz aller begangenen Verbrechen aber wurde Deutschland nach 1945 zweimal beschenkt: Der innerlich und äußerlich zerrütteten Nation ermöglichte man (zumindest in ihrer westlichen Ausprägung als BRD) die Aufnahme in die demokratische Staatengemeinschaft und nicht zuletzt einen glänzenden wirtschaftlichen Wiederaufstieg. 44 Jahre später gewährten die ehemaligen Siegermächte Deutschland dann die Wiedervereinigung als souveräner Staat. Eine „wesenhafte Zielsetzung“ war aber auch damit nicht verbunden. Dass diese etwa in neuer außenpolitischer Macht liegen könnte, wurde im In- wie im Ausland zu Recht beargwöhnt.

 

„Starke Gedanken, mutiges Wollen“

 

Anders die Situation seit dem letzten Jahr: Die Aufnahme von bisher mehr als einer Million Flüchtlingen hat in der Wahrnehmung Deutschlands durchaus etwas von dem aufscheinen lassen, was Steiner damals mit einer „wesenhaften Zielsetzung“ gemeint haben könnte: Ein Deutschland, das seine ebenso legendären wie gefürchteten Planungsfähigkeiten diesmal nicht zur Verwaltung von Tod und Vernichtung, sondern von humanitärer Hilfe einsetzt. Ein Deutschland, in dem für einen Moment weniger kalte Realpolitik gilt als der Geist Hölderlins mit seinem Wort „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Und nicht zuletzt eine Regierungschefin, bei vielen noch durch ihr unbeugsames Auftreten in der europäischen Schuldenkrise in Erinnerung, die als Mensch in der Krise die Prinzipien von Freiheit und Menschenrechten im Blick behält – als „Chancellor of the free world“, wie das US-Magazine Time die Wahl Merkels zur „Person des Jahres“ begründete.

Würde ein Rudolf Steiner in diesen Tagen einen „Aufruf“ starten , dann könnten zweifellos Zehntausende Worte wie diese von 1919 unterschreiben, die heute ungemein aktuell klingen: „An die Stelle des kleinen Denkens … müsste jetzt ein großer Zug der Lebensanschauung treten, der die Entwicklungskräfte der neueren Menschheit mit starken Gedanken zu erkennen strebt und der mit mutigem Wollen sich ihnen widmet …“ Dieser „große Zug“ des Denkens meint heute die Sehnsucht nach einer Verbindung der politischen Vernunft mit den Kräften des Herzens, ein nicht nur ideologisch gefordertes, sondern ganz praktisches Eintreten für sozialen Ausgleich. Es ist der idealistische Gedanke eines erneuerten sozialen Organismus von Gerechtigkeit und Geschwisterlichkeit in Freiheit.

 

Ein Text aus der Februarausgabe von Info3.

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