Foto:  www.clotairemandel.co

Foto: www.clotairemandel.co

Von Grita Voelkel

Zusammen mit meinem Sohn Boris sitze ich in einem in Sofia angemieteten Leihwagen (blauer Chevrolet Kombi) kurz vor dem Grenzübergang von Bulgarien nach Serbien. 15 Kilometer hinter der serbischen Grenze, in Dimitrovgrad, führt uns Tarek in eine Art Wohngemeinschafts-Küchenchaos ein. Es ist die obere Etage eines Hauses. Jeder Helfer tut Geld in ein Marmeladenglas, das ist für die Miete. Fünf junge Leute sitzen am Küchentisch und schnippeln Gemüse. Sie kommen aus Köln, sind seit einer Woche hier, haben gerade die Nachtschicht hinter sich gebracht und wollen heute um 12 Uhr abreisen. „Die Taxi-Mafia hat uns heute Nacht aus dem Camp rausgeworfen, wir haben den Versorgungsstand an einer Straßenkreuzung wieder aufgebaut“, sagt eines der Mädchen. Das Camp, von dem sie spricht, ist die offizielle Registrierungsstelle für Flüchtlinge, beherbergt in einem großen Backsteingebäude auf einem umzäunten Gelände. Einige Container, Dixi-Klos, provisorische Zelte. Auf diesem Gelände führt die ortsansässige Polizei mit Hilfe von Trillerpfeifeneinsätzen Regie. Hier werden täglich ungefähr hundert Menschen registriert. Wer diese Registrierung hinter sich gebracht hat, kann mit den vor dem Gelände parkenden Reisebussen oder Taxen weiter nach Belgrad fahren. Ein Busticket kostet 25 Euro.

„Was brauchen die Menschen da oben am Nötigsten?“, frage ich. Die jungen Leute aus der Nachtschicht sind sich einig: „Sie brauchen Suppe und viel Liebe. Hör’ den Menschen zu.“ Tarek und Jacob fahren mit uns zum chinesischen Textilhändler am Ort. Wir haben Geld mitgebracht, und möchten „ins Sockengeschäft einsteigen“. In unserem Haus herrscht ein reges Kommen und Gehen. Mit uns ist Marta aus Polen gekommen, außerdem fünf junge Leute aus Kalifornien und Tom aus England.

Freitag 14 Uhr

Zweite Schicht. Hannah aus Prag erklärt mir in gebrochenem Deutsch, was der Medikamentenkoffer enthält: drei große Plastiktüten, auf Deutsch beschriftet: Magen, Fieber, Schmerzen. Hannah und ich geben das Essen aus. Die Flüchtlinge sind aufgeregt und ungeduldig, vom Registrierungscamp her sind harsche Kommandos und Trillerpfeifen zu hören: Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Menschenmengen im Takt zu den Trillerpfeifen und den Kommandos von rechts nach links und von links nach rechts gescheucht werden.

Wir können nicht so schnell Suppe und Tee in Plastikbecher schöpfen, wie sich die Menschen vor uns das wünschen.  „Tschai? Jachni?“ (Jachni heißt Suppe). „Wir verlangen ihnen ab, Worte zu benutzen, indem wir Worte benutzen, und wenn es auch nur zwei Worte sind“, sagt Hannah. „Ich möchte nicht nur Hände sehen, mit Plastikbechern. Ich nehme mir die Zeit um im Moment des Überreichens meinem Gegenüber in die Augen zu sehen. Manche können Englisch.“

Gegen Abend wird es ruhiger. Clotaire aus Frankreich scherzt mit den Leuten, spielt aus dem Handy Musik ab. Später tanzen wir alle gemeinsam unter der Straßenlaterne an der Ecke, die Menschen bilden einen Kreis und klatschen um die Tanzenden. Für kurze Zeit herrscht eine Atmosphäre wie bei einem Straßenfest. Ein junger Vater kommt mit seinem kleinen Töchterchen auf dem Arm zu uns an den Versorgungsstand. Er kann kein Englisch. Nein, er braucht nichts. Er möchte nur, dass wir sein Kind sehen. Und das Kind soll uns sehen. Wir singen Gute-Nacht-Lieder, sie lächelt uns an, die Kleine.

Samstag Nachmittag

Wir fahren mit dem Chevrolet nach Pirot zum Einkaufen. Am Himmel ziehen sich schwere Regenwolken zusammen. Am Abend schauen wir nochmal beim Camp vorbei. Neben dem Versorgungsstand liegt unter einer Aludecke ein junger Mann, der sich vor Schmerzen krümmt. Seine Freunde haben ihn hergetragen: Er hat, nach fünf Tagen Fußmarsch ohne Nahrung, Fisch aus Dosen gegessen, und zwar viel. Wir bitten die einheimischen Busfahrer, eine Ambulanz zu rufen, nach fünf Minuten kommt ein Krankenwagen und nimmt den Mann mit. Gut zu wissen, dass die Einheimischen auch formlos helfen, wenn es wirklich einmal ganz hart kommt!

Sonntag, 6 Uhr früh

Es beginnt zu tröpfeln. Im Laufe des Vormittags regnet es sich ein. Dafür haben wir diesmal alles gleich dabei, was wir benötigen: Brot, Suppe, eine volle Gasflasche für den Kocher, Zutaten für neuen Tee, den richtigen Kocher.

Die Kalifornier reisen ab. Am Nachmittag kommen Ilona, Martin und Stepan aus Tschechien. Sie beginnen sofort mit dem Kleinschneiden von Gemüse in der Küche. In ihrem Kleinbus haben sie Kleiderspenden mitgebracht. Die Tschechen legen sich schlafen, um für die Nachtschicht fit zu sein, die um 22 Uhr beginnt. Als sie das Haus verlassen haben, bin ich ganz allein. Ich sollte versuchen zu schlafen, wegen der Frühschicht morgen. Dann geht unten die Haustür, und ich höre eine junge Frau in der Küche am Handy telefonieren, „Ja, ich bin jetzt  hier“. Das ist Mona. Aus Deutschland.

23 Uhr: Tom und Clotaire betrachten am Laptop Fotos von den letzten Tagen, Vittorio aus Italien schmiert Brote, Mona kocht Couscous, und ich sitze nur so rum, mit tschechischem Bier, schlafen geht gerade nicht. 24 Uhr: Wir essen Couscous, Mona verbreitet Energie, Zuversicht und eine ansteckende Fröhlichkeit. Ja, sie macht mit bei der Frühschicht morgen, Vittorio sagt „If I don’t get up, please wake me“. Das lässt sich machen.

Montag, 6 Uhr

Der Boden vor dem Versorgungsstand besteht aus tiefem Matsch. Boris hat in der Nacht von einem Kneipier alte Paletten gekauft und daraus vor der Essensausgabe eine begehbare Fläche gebaut. Mona gibt den Tee aus, wir haben kein Brot, aber einen Karton mit kleinen Butterkeksen. „Katarschi, Katarschi“, wir beginnen nicht eher mit der Ausgabe, bis sich die andrängenden Menschen in einer Schlange aufstellen. Wer den Tee bekommen hat, dem gebe ich zwei Kekse dazu – und dann bitte zur Seite treten und Platz für den Nächsten machen. Später löst mich Vittorio vorne ab, und ich widme mich durchnässten, vor Kälte zitternden, fiebernden Menschen mit aufgeweichten Füßen.  Wie gut, dass wir heute 500 Paar Socken und die Kleiderspende aus Tschechien herausgeben können. Es findet sich immer ein Übersetzer, der mir sagt, wo es demjenigen, der vor mir steht, wehtut. Das meiste sind Stürze (im felsigen Gelände), Schrammen (im dornigen Wald), zerschundene Füße, Durchfall, Fieber, Erkältung.

10 Uhr: Am Camp tauchen Jessica, Jack und Daniel mit Rucksäcken auf. Ich bringe sie mit dem Wagen runter zur Basisstation. „Where are you from?“ „Texas.“ „Very good, how long are you going to stay?”

Auf ihre Frage, was die Menschen da oben am dringendsten brauchen, habe ich eine ganz klare Antwort: Heiße Suppe und viel, viel Liebe. „Listen to the people“.

Serbien November 2015 082-Optimized

Autorin Grita Voelkel in Dimitrovgrad / Foto: Boris Voelkel

15 Uhr: Kurz vor der serbischen Grenze. Hinten im Wagen sitzt Clotaire, der nach Griechenland weiterreisen möchte. Mein Sohn erteilt mir eine Lektion in Sachen gewählter Sprache: „Es heißt nicht ‚guck, mal, geiler Sonnenuntergang’“. Ja, er hat ja Recht, jetzt, wo wir den geglätteten Verhältnissen unserer geordneten Welt wieder näher kommen, muss ich meinen Adrenalinspiegel wieder herunterfahren und in allem auf „ gemäßigt“ schalten. Also: Über den Bergen kurz vor Sofia senkt sich die Sonne die traumhafter Röte nieder.

Dienstag, 7 Uhr 30

Jetzt steigt sie wieder auf, am Horizont, und da wir uns kurz vor dem Landeanflug auf Berlin befinden, nimmt die Morgenröte die gesamte Breite des sichtbaren Horizontes ein. Ich fühle mich plötzlich entsetzlich zerrissen und merke: Ein Teil meiner Seele (vielleicht der wichtigere) ist in Dimitrovgrad hängengeblieben.

 

Wenn Sie helfen wollen – diese Organisation hilft vor Ort:

 

Oder Kontakt per Email: orgimhuman@gmail.com, Tarek Muhrat