Das Buch beginnt mit der Fahrt von vier Personen aus Hamburg im Nachtzug nach Freiburg am 22. September 1966.  Dort checken sie sich in einem Hotel in Freiburg ein. Rudolf Augstein, Georg Wolff, die Fotografin Digne Meller Marcovicz und Walter Steinbrecher als Protokollant. Sie haben eine Interview-Vereinbarung mit Martin Heidegger und werden empfangen von dem Verehrer des Magus der deutschen Philosophie, Heinrich Wiegand Petzet. Das Spiegel Interview durfte erst 1976, nach dem Tode von Heidegger, erscheinen.

Der Philosoph war in den Verruf gekommen, ein glühender Parteigänger der Nazis zu sein, als er 1933 das Rektorat in Freiburg übernahm. In einer berüchtigten Rede hatte er Adolf Hitler damals als den beschrieben, der die „heutige und künftige deutsche Wirklichkeit sei und ihr Gesetz“. Und weiter: „Der Führer hat das sichere Wissen um das Einfache. Er hat aber zugleich den unbändigen Willen zu seiner Durchsetzung“. Nun war es aber später nie zu einer wirklichen Entschuldigung und Korrektur dieser Sätze durch Heidegger gekommen. Nicht einmal die ehemaligen jüdischen Schüler wie Hannah Arendt (die auch seine Geliebte war in Marburg) oder Herbert Marcuse konnten ihm eine wirklich klare Absage an das verbrecherische NS-Regime entlocken. Das nun hatte allerdings wohl der vormalige Spiegel-Chefredakteur Augstein vor, als er sich um ein Interview mit Heidegger bemühte. Jetzt hat aber der Autor Lutz Hachmeister herausgefunden, welche Fallstricke einem solchen Unterfangen gelegt wurden.

Das Buch ist weit mehr als der Bericht über jenes Interview mit Heidegger, das im Spiegel erst im Jahre 1976 erschien, aber schon 1966 aufgenommen wurde. Es ist der Versuch, die Wirkungsgeschichte des Autors von Sein und Zeit aufzuspüren. Dann aber gibt das Kapitel „Der Spiegel und die SD Kader“ auch Aufschluss über – von heute aus gesehen – sehr leichtfertige Übernahmen beim Spiegel von ex-„Parteifreunden“, ja sogar SS- und SD- Belasteten der Tätergeneration. Franziska Augstein, Tochter des Spiegel-Chefs, wird zitiert. Sie erklärt, sie habe ihren Vater nach den SS-Mitgliedern beim Spiegel gefragt. Der antwortete: „Es hätte keinen Sinn gehabt, den Spiegel mit lauter Emigranten zu machen, die keine Ahnung davon gehabt hatten, was sich in den Vorjahren in Deutschland abgespielt hat“, die also gleichsam nicht vor Ort gewesen seien. „Du brauchtest natürlich (!?) alte Nazis“, so Augstein.

Dann beschreibt Hachmeister die SS- und SD-Karriere von Georg Wolff, der die Vorbereitungen zum Interview mit Heidegger an der Seite von Augstein betrieb. Der Goslarer Geschichtslehrer Ekkehard Zimmermann ist verantwortlich dafür, dass Hachmeister in die Memoiren von Georg Wolff Einblick bekommt. Denn diese Memoiren sind nie gedruckt worden.

Das Thema der unmittelbaren Nachkriegszeit ist da angetippt. Der Spiegelredakteur Wolff  kennt zwei Urteile über sich selbst: „Eines, das besagt, dass ich schuldig bin. Und ein anderes dass ich unschuldig bin. Beide Urteile sind richtig – aber in Übereinstimmung miteinander sind sie nicht zu bringen. Ich würde mich erbärmlich unterschätzen, wollte ich mich von Schuld freisprechen“. Wolff tritt nach dem Abitur in die SA ein. Er studiert in Königsberg Zeitungswissenschaften und Philosophie und wird vom SD angeworben. Der SD war ein zusätzlicher Geheimdienst, der auf der Vermutung beruhte, dass die anderen Informationskanäle Hitlers nicht richtig funktionierten. Georg Wolff wäre 1959/1960 beinahe Chefredakteur des Spiegel geworden.

Nun gibt es keinen Bericht über das  Interview ohne die Ausdeutung des Werks eines der umstrittensten Deutschen des letzten Jahrhunderts. Von den einen als der einzige Nachfolger der griechischen Philosophen gehandelt, von den anderen als „Nationalsozialist“ abgekanzelt. Letzteres vor allem durch den Theoretiker des „kritischen Rationalismus“, Karl Raimund Popper, der ihn für einen Schwindler hielt. Hannah Arendt war als Studentin in Marburg Heideggers Geliebte, war dann nach dem Kriege auch sehr kritisch: Zu Jaspers sagte sie: „Was Sie Unreinheit nennen, würde ich Charakterlosigkeit nennen, aber in dem Sinne, dass er buchstäblich keinen hat“. Genauer noch Karl Löwith, der ihn nach Meinung des Autors vielleicht am genauesten beschrieben hat: „Er war ein kleiner dunkler Mann, der zu zaubern verstand, indem er vor den Hörern verschwinden ließ, was er eben noch vorgezeigt hatte.“ Die Technik seines Vortrags habe im Aufbau eines Gedankengebäudes bestanden, das er wieder abgetragen hat, um seine gespannten Zuhörer vor ein Rätsel zu stellen. Und manche bekannten sich dazu. Carl Friedrich von Weizsäcker, der Heideggers Heraklit-Vorlesung in Freiburg hörte, sagte: „Das ist Philosophie. Ich verstehe kein Wort. Aber das ist Philosophie!“

Carl Friedrich von Weizsäcker sagt neben anderen zu dem Spiegel-Gespräch: Heidegger verteidige sich darin gegen Vorwürfe, die ihm eine billige Komplizenschaft mit dem Regime unterstellen. Aber: „Durch ein massives Bekenntnis des eigenen Irrtums hätte er mit einem Schlag die Überlegenheit über das gesamte Niveau der Fragen erreicht, die man ihm nie stellte. Er hätte manchem spürenden Leser die Augen öffnen können für seine Diagnose unserer Zeit, ohne die sein Irrtum ja niemals begreiflich werden kann“.

Lutz Hachmeister: Heideggers Testament. Der Philosoph, der Spiegel und die SS. Propyläen Verlag Berlin 2014  368 Seiten, € 22,99