Ausdrucksstarke Mimik: Charlotte Gainsbourg und  James Franco. Foto: Neue Road Movies

Ausdrucksstarke Mimik: Charlotte Gainsbourg und James Franco. Foto: Neue Road Movies

Nordisch anmutende Schwermut zieht sich durch dieses Opus, für dessen langsame und handlungsreduzierte Erzählweise man einige Geduld mitbringen muss. Every Thing Will Be Fine, der neue Film von Wim Wenders, beruht auf einem Text des Norwegers Bjørn Olaf Johannessen und handelt von einem Schriftsteller, der in Folge eines Autounfalls ein Kind tötet und mit dieser Schuld nicht fertig wird. Genauso wie bei dem tief verschlossenen James Franco, der den tragischen Autor spielt, genügt bei Charlotte Gainsbourg als trauernde Mutter oft das stumme Gesicht als schauspielerische Geste. Die Kamera scheint ewig Zeit zu haben, wenn sie über weite kanadische Landschaften streift oder in Zimmereinrichtungen verweilt. Sonst zumeist in Action-Filmen zur Effekt-Steigerung verwendet, nutzt Wim Wenders die 3D-Technik hier für die Präsentation der beschaulichen Natur oder zaubert stillebengleiche Interieurs vor das Auge.

Die symphonisch starke Musik von Alexandre Desplat vermag die intensive Ruhe des Films durchgehend zu halten und macht sicher einen nicht geringen Teil seiner Stimmung aus. Nach den ersten vierzig Minuten glaubte ich aber zunächst, den auf zwei Stunden angelegten Film mit soviel Pathos kaum auszuhalten. Doch dann hat mich Wenders doch gepackt, der Film wird phasenweise richtig spannend, nicht etwa wegen der gleichbleibend monotonen Handlung, sondern weil der Verlauf sich so unvorhersehbar entwickelt, dass irgendwann jede Wendung denkbar erscheint: buchstäblich überall lauert die Möglichkeit von noch mehr Unglück und Verstrickung – oder gibt es am Ende doch einen zarten Sonnenstrahl der Hoffnung?

Originell ist, dass der Film seine fünf Protagonisten über den Zeitraum von mehreren Jahren verfolgt und große Zeitsprünge macht. Wichtige biographische Ereignisse werden übersprungen. So lebt er, was vielleicht seltsam klingt, nicht nur von dem, was er zeigt, sondern auch von dem, was er nicht zeigt.

Ich finde: Every Thing Will Be Fine ist ein besonderes, in der Wirkung anhaltendes und wegen seines filmischen Nonkonformismus auch mutiges Werk, aber sicher nicht etwas für jede(n): Bei der Premiere auf der diesjährigen Berlinale jedenfalls gab es am Ende keinen Applaus, nur betretene – oder vielleicht hier und da auch nachdenkliche – Stille.