Weil es von Mitgliederseite gefordert worden war, sah sich das Arbeitskollegium der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland veranlasst, „das Gespräch mit Judith von Halle zu suchen“. Und so geschah, nach vorangegangenen Treffen im kleinen Kreis, was kaum einer mehr für möglich gehalten hatte: ein Gespräch auf offener Bühne, vor und mit Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft, am 8. Dezember in Essen. Neben der Autorin von Halle, die insbesondere durch eine eigenständige, ungewöhnliche geistige Forschung hervorgetreten ist und damit, um es vorsichtig zu sagen, Befremden bei den etablierten Anthroposophen ausgelöst hatte, waren zwei ihrer Unterstützer, Wolfgang Gutberlet und Benediktus Hardorp aufs Podium gebeten worden, während das Arbeitskollegium (der Vorstand) der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland durch Hartwig Schiller, Wolf-Ulrich Klünker und Justus Wittich vertreten war. Ein Gruppenbild mit (deutlich jüngerer) Dame also.

Um es vorweg zu nehmen: Dass miteinander gesprochen wurde, war weitaus bedeutsamer als was gesprochen wurde. Denn es blieb, mit wenigen Ausnahmen, bei Einzelstatements, die kaum aufeinander Bezug nahmen und insofern mehr die Unfähigkeit, sich über unterschiedliche Ansätze zu verständigen illustrierten, als dass das Gespräch zustande gekommen wäre, das der Vorsitzende Hartwig Schiller in seiner Eröffnungsansprache nicht ohne Selbstkritik als überfälligen Schritt zur Normalität in Anspruch genommen hatte. Man sprach über philosophische Fragen, über die Beziehung (und Reihenfolge) von Erleben und Erkennen etwa, über Intuition, Inspiration und Imagination (mit einem genuinen Beitrag von Benediktus Hardorp), über den Umgang mit geistigen Erlebnissen, nicht aber über diese selbst, und, weil naheliegender und daher für alle Beteiligten alltäglicher, den bewussten Umgang mit Träumen.

Zur Vorgeschichte dieser Veranstaltung gehört eine bereits über acht Jahre dauernde Auseinandersetzung innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. 2004 waren bei der damals 33-jährigen Architektin Judith von Halle, die als Sekretärin im Berliner Rudolf Steiner Haus tätig war, für sie selbst unerwartet die Wundmale Christi aufgetreten. Die so Stigmatisierte hatte dies zunächst zu verbergen versucht, dann mit Einzelnen darüber gesprochen, wonach sich das Phänomen wie ein Lauffeuer innerhalb der „Szene“ herumgesprochen hatte. Zeitgleich fand, vereinfacht gesagt, ein Machtkampf um die Führung des Berliner Rudolf Steiner Hauses statt, bei der der Stuttgarter Vorstand sich einzugreifen genötigt sah und wobei manche alte Rechnung beglichen wurde. Die Mitarbeiterin Judith von Halle geriet fast zwangsläufig in diese Wirren hinein und es wurde viel Aufhebens über ihre Person gemacht – keine gute Voraussetzung, weder für sie selbst, noch für die Anthroposophische Gesellschaft, sich bedachtsam den mit der Stigmatisierung verbundenen Fragen zu widmen! Man habe, bekannte jetzt Schiller in Essen, „damals auch Fehler gemacht“.

Judith von Halle hatte sich schon vorher intensiv mit dem Werk Rudolf Steiners beschäftigt und sich mit der Anthroposophie verbunden. Sie hielt Vorträge im Berliner Rudolf Steiner Haus. Nach dem Auftreten der Wundmale suchte sie das Gespräch mit erfahrenen Anthroposophen, fand in der Christologie Rudolf Steiners Antworten auf die brennenden Fragen, die sich ihr stellten und entwickelte für sich einen Weg, ihre seit ihrer Kindheit vorhandenen, anfänglichen übersinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten zu einem Instrument der geistigen Forschung zu entwickeln. Erste Ergebnisse sowie eine andeutungsweise Beschreibung ihrer Vorgehensweise legte sie in einem ihrem  Buch Und wäre Er nicht auferstanden … nieder. Viele weiteren Titel u.a. zu christologischen Fragen folgten. Die Widerstände, die sich gegen ihre Veröffentlichungen richteten, läuteten ein weiteres Kapitel der Auseinandersetzungen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft ein. Der Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft versuchte eine Veröffentlichung im Verlag am Goetheanum zu verhindern. In der Folge veröffentlichte Judith von Halle ausschließlich in dem neu gegründeten Verlag für Anthroposophie. Ihre Bücher erregten Aufmerksamkeit (und erreichten bemerkenswerte Verkaufszahlen), die Autorin fand Gehör, Auftritte als Vortragsrednerin im Goetheanum wurden ihr jedoch verwehrt. Freunde ermöglichten die Gründung eines eigenen Zentrums in Dornach unterhalb vom Goetheanum. Ein Vorstandsmitglied, Sergej Olegowitsch Prokofieff, veröffentlichte ein ganzes Buch gegen sie – ohne ihren Namen auch nur ein einziges Mal zu erwähnen. In einem über 600 Seiten starken Folgeband,  wurde sie kryptisch mit „J.v.H.“ angedeutet und ihre Arbeit als „somnambul“  (zu Deutsch: schlafwandlerisch) und „mediumistisch“ bezeichnet, wofür in der Anthroposophischen Gesellschaft kein Platz sei. Bitten um Gespräche wurden von offizieller Seite abgelehnt oder negiert. Der eigentliche Grund für die offensichtliche Ausgrenzung wurde nicht ausgesprochen.

Ohne Frage geht die Autorin einen ungewöhnlichen methodischen Weg, geht aus von einem eigenständigen geistigen Erleben (so zum Beispiel der Ereignisse in Golgatha um die Zeitenwende), forscht weiter und kommt dadurch zu verblüffenden, aber darstellbaren und nachvollziehbaren Erkenntnissen. Das ist ein fundamental anderer Weg, als der, der vielfach beschrieben worden ist. Etwas vereinfacht: Durch endloses Üben und Meditieren erlangt man Erkenntnisse höherer Welten und hat dann – vielleicht – auch mal ein geistiges Erlebnis. Oder man studiert Steiner. Warum soll aber der Weg, an dessen Anfang geistiges Erleben steht, nicht auch Anthroposophie sein? Hat nicht auch Steiner geistige Erlebnisse gehabt, bevor  er zu meditieren und zu philosophieren anfing? Hat er nicht selbst mehrere  Erkenntniswege beschrieben, etwa in seiner Philosophie der Freiheit und, später ganz anders, in Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?  Ist Methodenvielfalt in der Anthroposophischen Gesellschaft tabu? Fehlt es an Toleranz? Sind einzelne thematische Reviere von angehenden oder angeblichen Geistesgrößen besetzt? Wurde eine Deutungshoheit installiert?

Zurück nach Essen, Saal der Freien Waldorfschule. Die ganze hier nur skizzenhaft vorgebrachte Vorgeschichte spiegelte sich in einer ungeheuren Spannung, die zu Anfang spürbar war. Ein skurriler Eindruck, die fünf Herren, die charmante Dame, die meisten von ihnen in Mäntel gehüllt, weil die Heizung nicht funktionierte oder zu spät angestellt wurde. Wenige Besucher, etwa 120 statt der erwarteten 350 oder mehr. Sechs meist zu lange Monologe am Anfang. Ein Moderator, der selbst auch Gesprächspartner ist (das macht man nicht!). Immerhin, es wurde die Normalität bemüht und teilweise sich ihr auch angenähert. Hartwig Schiller, der noch vor wenigen Jahren vor vollen Sälen Judith von Halle als ernste Gefahr für die Anthroposophische Gesellschaft dargestellt hatte, zeigte eine 180 Grad-Kehrtwende. Ernsthaft um ein gutes Gesprächsklima bemüht, räumte er ihr bei jeder sich bietenden Gelegenheit das Wort ein, übersetzte und komprimierte meisterhaft allzulange und unverständliche Fragen aus dem Publikum, schaffte Raum für unterschiedliche Beiträge, auch seine eigenen, glänze in der Rolle als Vermittler. – Justus Wittich, eher zurückhaltend, sprach ebenfalls von gemachten Fehlern seitens der institutionalisierten Anthroposophie. Er wusste auch einen Grund zu benennen: In den vorangegangenen zwanzig Jahren wären etliche angebliche Hellseher, medialen Botschafter, die direkte Eingaben von Rudolf wiederzugeben wussten, reinkarnierte Steiners und andere Geistesgrößen aufgetreten. Man habe eine Art Hab-Acht-Stellung eingenommen und einnehmen müssen und da wäre es nicht immer ganz leicht gewesen, eine ernstzunehmende von pathologischen Erscheinungen zu unterscheiden…

Wie unterschiedlich (und unvereinbar!) die Gestalten auf dem Podium waren! Wolfgang Gutberlet zum Beispiel tastete sich behutsam und bescheiden an sein Thema, vielmehr an die aufgeworfenen Fragen heran, während der dritte Vertreter des Arbeitskollegiums, Wolf-Ulrich Klünker, gebetsmühlenartig seine Auffassung von der Anthroposophie im 21. Jahrhundert herunter dozierte – ein Steckenpferd, welches an anderer Stelle vielleicht von gedanklicher Klarheit gezeugt hätte, hier aber fehl am Platze war. Eine Gegenposition zur Forschung Judith von Halles hätte durchaus Leben in die Veranstaltung bringen können, die Vielseitigkeit der Anthroposophie aufzeigen und das Gespräch vertiefen können. Das hätte aber die Bereitschaft vorausgesetzt, Unterschiede und Übereinstimmungen in Augenschau zu nehmen, den Dialog zuzulassen, eine Verständigung über die Verschiedenheit der Wege anzusprechen, wenigstens ein Hauch von Interesse für andere Positionen aufzubringen, etc. Davon aber war bei Klünker keine Spur erkennbar. Stattdessen, zwar unausgesprochen, aber mit dem Habitus des Alles- und Besserwissers: Anthroposophie geht so und zwar nur so. Basta. Ein Gespräch darüber erübrigt sich. So wirkte jeder Gedanke, jeder Satz, jedes Wort wie ein Stich in Richtung seiner „Gesprächs“-Partnerin. – Besser als Klünker es tat, hätte man die Unfähigkeit, unbekannte, ungewöhnliche, vielleicht auch unbequeme neue Wege in der Anthroposophischen Gesellschaft zu integrieren, nicht illustrieren können. Diese Unfähigkeit scheint mir das eigentliche Drama zu sein und die Veranstaltung insofern ein wichtiger, wenn auch nur ganz kleiner, erster Schritt.

Und Judith von Halle? Nach anfänglich sichtbarer Spannung, Verunsicherung vielleicht auch, trat sie als bescheidene, aber gewandte Rednerin hervor. Der Berliner Konflikt sei Schnee von gestern, „das lassen wir mal gut sein.“ In der heutigen Situation möchte sie über ihre Themen reden, die Inhalte ihrer Bücher, zur Normalität übergehen, das schließe eine sachliche Auseinandersetzung und Diskussion keineswegs aus, nur bitte sie darum, dass diese fair geführt werde. Es gehe ihr um die geistige Forschung, das bereits Veröffentlichte, nicht um ihre Person, noch weniger um ihre Stigmatisierung. Diese würde sonst ein Ding an sich, bekomme zu viel Aufmerksamkeit, wo es doch um etwas anderes gehe. Sie wirft ihren Kritikern vor, ihre Bücher nicht einmal gelesen zu haben. Und als begeisterte Leser, um nicht zu sagen: Anhänger, in der Art einer parteipolitischen Diskussion die Forderung in Richtung auf die Funktionäre aufstellten, man möge doch dafür eintreten, dass Judith von Halle im Goetheanum vortragen und in der Wochenschrift Das Goetheanum veröffentlichen dürfe, meinte sie, die Antragsteller sollten doch nicht Herr Schiller damit attackieren, der sich nun gerade für einen fairen Umgang miteinander einsetze, wohl aber erwarte sie, dass nach acht Jahren der Sprachlosigkeit seitens des Dornacher Vorstandes Verständnis für die bislang unberücksichtigten Wünsche aus der Mitgliedschaft aufgebracht werde. Am Ende der Veranstaltung, deutlich entspannter, äußerte sie den ausdrücklichen Wunsch nach einer Fortführung des begonnenen Dialoges.

Dem konnte sich Hartwig Schiller und dem kann sich auch der Verfasser dieser Zeilen anschließen: auf dem wohl noch recht langen Weg zu einer entkrampften und toleranten Anthroposophischen Gesellschaft.