Von Alfons Limbrunner

„So viele Fuhren Mist die Äcker eines Bauern brauchen, damit alles gedeiht, so viel Morgen Wiesen braucht der Mensch in seinem Blickfeld, um gesund zu bleiben. Sie sind die entscheidende Substanz, die seine Kräfte nährt.“ Diese sympathische, in den Wind gesprochene Erkenntnis verdanken wir David Henry Thoreau. Wir wissen, wie die Sache bis jetzt gelaufen ist. Niemand hat die voranschreitende Zerstörung der Natur intensiver beschrieben als die Biologin Rachel Carson in „Der stumme Frühling“. Die Amerikanerin lieferte bereits vor über fünfzig Jahren den Nachweis, was die Chemie mit ihren Elixieren des Todes der Natur antut. Und in ihrem großen Werk „Der Wald“ führt uns Kerstin Ekman den Ausverkauf der einst endlosen Wälder des schwedischen Nordens vor. Die Farbe Grün steht dabei schon immer für die Natur, für die Lebendigkeit der Erde, für Gras und Kraut, Busch und Baum. Dass sie als politische Farbe gilt, erinnert auch daran, dass einst in Rio ein grüner Prozess, eine Agenda 21 initiiert wurde, mit der über Sein oder Nichtsein unserer eigenen Art und vieler Mitgeschöpfe zu entscheiden sein wird.

Natur-Defizit-Syndrom

Wie viele Jugendliche aber auch Erwachsene würden heute den Test bestehen, dem sich einst Huckleberry Finn stellen musste: Mit welchem Ende steht eine Kuh zuerst auf? Mit welchem ein Pferd? An welcher Seite sind die Bäume am meisten mit Moos bewachsen? Wenn fünfzehn Kühe zusammen auf einem Abhang weiden, wie viele von ihnen halten dann beim Fressen den Kopf in dieselbe Richtung? Wer könnte heute von einer ländlichen, naturnahen Kindheit erzählen, so wie es die „Traumsammlerin“ Patti Smith in ihren Erinnerungen tut: Eine Wiese mit hohem, wogenden Gras und unzähligen Wildblumen, eine Hecke aus kräftigen Büschen, eine weiße Scheune voller Fledermäuse, Blumenkränze flechten oder einfach nur in den Himmel starren – mehr braucht es nicht für das vollkommene Glück.

Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich war es, der schon vor einem halben Jahrhundert in seinem Werk „die Unwirtlichkeit unserer Städte“ befand, dass Kinder Tiere, Wasser, Dreck und Spielräume zur Entwicklung brauchen. Freilich kann der Mensch auch ohne all das aufwachsen, mit Teppichen, Stofftieren oder auf asphaltierten Straßen: „Er überlebt es – doch man soll sich dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nie mehr erlernt, z.B. ein Zugehörigkeitsgefühl zu einem Ort und Initiative…“ Seit Mitscherlichs Anstiftung zum Unfrieden hat sich – nicht nur für Kinder – nichts verbessert, im Gegenteil. Allgemeine Diagnose: Natur-Defizit-Syndrom.

Und weil das so ist mit dem Bedarf und der Sehnsucht nach grüner Farb‘, musste zwangsläufig – neben Green Economy, Green Design, Green Fashion und Green Cities – auch „Green Care“ erfunden werden. Bis heute ist daraus ein grünes Sammelsurium aus  unterschiedlichen Angeboten geworden: Natur- und Waldpädagogik, Erlebnispädagogik, Visionssuche, Tierpädagogik und Tiertherapie, Gartentherapie, Ökotherapie, Urban Gardening, Interkulturelle Gärten und Soziale Landwirtschaft. Im Kern ist immer das Gleiche gemeint: die innenwohnende Kraft der Natur – Tiere, Gärten, Felder, Wälder, Berge, Gewässer –, für bestimmte pädagogische, therapeutische und soziale Ziele zu nutzen.

Green Care ist eine Art Vitamin N. Es wirkt, wenn sich Jugendliche und Erwachsene beispielsweise allein und zeitlich begrenzt der Natur, ausgestattet nur mit dem Nötigsten, auf „Visionssuche“ machen. Das betreute Angebot eignet sich für Sinnsucher, für Menschen in Übergangsphasen oder mit ungeklärten Lebensfragen, die sich auf den Weg zu sich selbst machen wollen. Was passiert unsichtbar bei der erlebnispädagogischen Maßnahme „Über den Berg“ – eine Alpenüberquerung zu Fuß mit drogenabhängigen Menschen? Antwort: Es ist das, was „Viriditas“, die Grünkraft der heiligen Hildegard und die Kräftesubstanz des David Henry Thoreau meint. Es ist die der Natur innewohnende geistige und spirituelle Substanz.

Natur und Spiritualität

Es mehren sich die Zeichen, dass Natur wieder – unabhängig von theologischen und naturwissenschaftlichen Diskursen – als Projektionsfläche für eine neue Spiritualität gesehen wird. Joachim Radkau („Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte“) beschreibt das Unbehagen, das sich im Laufe des letzten Jahrhunderts im Umgang mit der Natur angesammelt hat. In der Öko-Bewegung sieht er ein spirituelles Element des Umweltbewusstseins mit dem 1970 in den USA ausgerufenen Earth-Day. Er vermutet, dass auch für das breitere deutsche Öko-Milieu, dessen Impulse aus der Anti-Akw-Bewegung, aus Naturheillehren, Natur-Esoterik und östlichen Religionen (wir ergänzen: auch aus der Anthroposophie) stammen, das spirituelle Moment vermutlich von erheblicher Bedeutung ist. Die Motive der Ökobewegung, soweit sie praktische Bedeutung haben, dürften aber „längst von politischen und ökonomischen Mächten aufgesogen“ worden sein.

Annie Dillard ist eine Vertreterin der Ökobewegung in den USA. Ihr bereits 1974 erschienenes Buch liegt jetzt in deutscher Sprache vor („Pilger am Tinker Creek“). Inspiriert von Thoreau und Emerson, ist sie mir ihren Wahrnehmungen und Reflexionen dem Rätsel der unaufhörlichen und fortwährenden göttlichen Schöpfung am Tinker Creek auf der Spur: „Mich hat hier am fließenden Wasser durch Abglanz so viel Licht beschienen, dass ich es kaum fassen kann, dass diese Gnade nie nachlässt, dass dieses Strömen stets erneuerbarer Quellen endlos, voraussetzungslos und kostenlos ist.“ – Eine direkte Lesart über den Zusammenhang von Natur und Spiritualität findet sich bei der Nobelpreisträgerin Wangari Maathai in ihrem Buch „Die Wunden der Schöpfung heilen“.  Die kenianische Professorin und Politikerin, die 2004 den Friedensnobelpreis erhielt, ruft zur Erneuerung der Erde auf und spricht von der Macht der Bäume und von den verlorenen heiligen Hainen. Dankbarkeit und Achtung mit dem notwendigen Engagement gegenüber der Natur sei unsere Pflicht.

Am 22. April 2017 wird wieder der Internationale Tag der Erde ausgerufen. Obgleich  jeder Tag ein Tag der Erde ist, wird das ein besonderer Anlass sein, sich weiterhin große Sorgen über die fortschreitende Umweltzerstörung zu machen, aber auch ein Grund zur Freude, was bislang durch zivilgesellschaftliches Engagement und Politik erreicht wurde. Erinnert sei dabei auch an die Erd-Charta, die 1992 durch die globalen interkulturellen und interreligiösen Assisi-Konferenzen ins Leben gerufen wurde. Sie propagiert die Ethik der Nachhaltigkeit und erinnert an unsere Einbindung in Natur und Kosmos.

In Sachen Grünkraft gehören Erich Kästner mit ein paar Gedichtzeilen die letzten Worte: „ … Die Seele wird vom Pflastertreten krumm. / Mit Bäumen kann man wie mit Brüdern reden / und tauscht bei ihnen seine Seele um. / Die Wälder schweigen. Doch sie sind nicht stumm. / Und wer auch kommen mag, sie trösten jeden. // … Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken / und wo Spinnen seidne Strümpfe stricken, / wird man gesund.“

Ein Text aus der Aprilausgabe der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog. Kostenloses Probeheft hier.