Spätestens im Zuge der 2010 erfolgten Aufdeckung der unsäglichen Missbrauchsfälle etwa in der Odenwaldschule sind angemessene Strategien im Umgang mit Missbrauch und Gewalt ein wichtiges Thema. Auch der Bund der Freien Waldorfschulen bietet schon länger eine zentrale Notfall-Nummer und Handreichungen für seine Mitgliedsschulen, um Gewalt und übergriffigem Verhalten aller Art zu begegnen. Dennoch bleibt viel zu tun: Längst nicht alle Waldorfschulen haben Beauftragte in Sachen Kindeswohl berufen, vielerorts sind die Strukturen noch nicht transparent genug, um in Verdachtsfällen oder bei konkreten Vorkommnissen kompetent eingreifen zu können.

Der heil- und sozialpädagogische Verband Anthropoi ist da schon weiter: Bereits 2010 wurde in Norddeutschland die erste überregionale Fachstelle für Gewaltprävention und -intervention eingerichtet, inzwischen gibt zwei weitere Stellen für den Süden und die Mitte Deutschlands. Bis Mai 2014 sind außerdem alle Mitgliedseinrichtungen verpflichtet, Meldestellen einzurichten, bei denen sich Betroffene oder auch Menschen, die Übergriffe an oder zwischen Menschen mit Behinderungen beobachtet haben, Rat und Hilfe holen können. Gleichzeitig sollen sich die Mitarbeitenden der Meldestellen auch um Gewaltprävention in den Einrichtungen kümmern – damit es möglichst gar nicht erst zu Übergriffen kommt.

© Bund der Freien Waldorfschulen

© Bund der Freien Waldorfschulen

Beim ersten Thementag zur Gewaltprävention und -intervention kamen nun Mitte Januar rund 160 Teilnehmende im Kasseler Rudolf-Steiner-Institut zusammen – Waldorflehrerinnen und -lehrer, Eltern und Oberstufenschüler ebenso wie Erzieherinnen und Erzieher sowie Mitarbeitende sozialpädagogischer Einrichtungen. Zwei Impulsvorträge stimmten auf die herausfordernden Themen des Tages ein. Ingrid Ruhrmann, Mitarbeiterin der Gewaltpräventions-Fachstelle Nord, stellte die vielen Facetten von Gewalt vor und fragte nach den Möglichkeiten zur Prävention. Es gehe um Grenzverletzungen verschiedenster Art, nicht nur um körperliche oder sexuelle Gewalt. Angesichts der Ohnmacht der minderjährigen Opfer lägen alle Maßnahmen zur Prävention ausschließlich in der Verantwortung der Erwachsenen: „Wir Erwachsenen müssen klare Spielregeln aufstellen. Innerhalb klarer Grenzen entsteht ein sicherer Raum für die freie Entfaltung unserer Kinder“, unterstrich Ruhrmann. Im zweiten Beitrag skizzierte Mathias Wais, Psychologe, Berater und Autor unter anderem von mehreren Büchern zum Thema Missbrauch, die Täter-Strategien. Diese zeichneten sich in der Regel durch ein perfides „Grooming“, also systematische Kontaktaufnahme und Vertrauensbildung im sozialen Umfeld des kindlichen oder jugendlichen Opfers aus. „Missbrauch erfolgt immer im Rahmen einer Vertrauensbildung, im familiären oder sozialen Nahraum“, betonte er.

Im Anschluss boten verschiedene Arbeitsgruppen die Möglichkeit, einzelne Themen zu vertiefen. Ob Krisenkommunikation bei akuten Vorfällen, Gewaltprävention in Krippe und Kindergarten oder praktische Fragen zum Aufbau von Fachstellen – die thematische Bandbreite war groß und ermöglichte einen engagierten Austausch. Am Ende des Tages stand der Eindruck im Raum, dass ein wichtiger Anfang gemacht sei, dem nun weitere konkrete Schritte und vor allem Möglichkeiten zur Vertiefung des Themas folgen sollten.

 

Weitere Informationen:
Hier die ausführliche Pressemitteilung des Bundes der Freien Waldorfschulen zum Thema.