Welzer Buchcover

Harald Welzer, der umtriebige Soziologe und Gründer der Plattform „Futurzwei“,  hat markante Ziele für unser  Umdenken formuliert in einem Text, den jeder verstehen kann. Weg von dem „Gerede von der Weltrettung“. Veränderung geschieht – so seine erste These – im Klima von positiven Zielen, auch von Zuversicht, dass die Ziele erreicht werden können und dass sie mit der eigenen Identität verbunden sind. „Niemand rettet etwas abstrakt, sondern immer nur konkret“.

Zweitens: Man muss sichten, worauf man aufbauen und worauf man in Zukunft verzichten kann. Die Errungenschaften der allgemeinen Bildung, der Gesundheitsvorsorge, der Existenzsicherung, Rechtsstaat und Demokratie sind unverzichtbar. Aber die fossil angetriebene Zivilisationsmaschine hat die längste Zeit nur einen kleinen Teil der Welt beliefert. Den großen Rest der Welt hat sie als Reservoir betrachtet. Welzer: „Das ist vorbei“.

Drittens: Die letzte Phase des unerhörten Raubbaus an der Natur und den Ressourcen ist erst mit dem Fall des Ostblocks und dem Aufstieg der Schwellenländer gekommen. Die Geschwindigkeit der Zerstörung wächst von Jahr zu Jahr. Viertens: Wir können nicht mit derselben Konsumkultur weitermachen, dann aber mit Windrädern, Elektroautos, Biosupermärkten. Das ist eine falsche Utopie: „Wie jetzt – nur besser!“

Fünftens: man muss andere Utopien denken können als die Werbeindustrie. Die zukunftsfähige Welt wird weniger, nicht mehr Produkte bieten; sie wird weniger, nicht mehr Mobilität bereitstellen.

Sechstens: Die Sogwirkung des alten Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells hat durch die Energiewende im Anschluss an Fukushima nicht nachgelassen. Die Industrie und die Großfirmen arbeiten weiter as usual. Sie nehmen die nächste Katastrophe einfach in ihr Budget.

Gegen die Bürokratie

Nach dieser großen Einleitung folgen dann die guten Nachrichten, die „Geschichten vom Gelingen“. Sie wurden aber nicht in eine Verwaltungssprache gezwängt, sondern haben alle einen bestimmten Witz, auch einen Sprachwitz behalten. So die vorbildliche Geschichte der „Vegetarierhauptstadt Europas“, Gent. Da hat ein Stadtpolitiker den Vorsitzenden des Weltklimarates IPCC, Rajendra Pachari, bei einem Vortrag in Gent 2008 so ernst genommen, wie das nie bei den Gipfelkonferenzen geschieht. Die weltweite Fleischproduktion sei für mindestens 18 Prozent des gegenwärtigen Ausstoßes an klimaschädlichen Gasen verantwortlich. So hat man ganz sachte die Restaurants alle gebeten, auch ein vegetarisches Gericht anzubieten. Aber alles ohne Zwang, den die Genter strikte ablehnen. Langsam sind die 240.000 Genter Bürger auf den Geschmack des Vegetarischen gekommen.

Andere Geschichten sind darunter, die man immer schon für möglich, aber nicht für durchführbar gehalten hat. In der niedersächsischen Stadt Bohmte wurden alle Verkehrsschilder und Ampeln abmontiert. Und siehe da, seither ist niemand mehr zu Schaden gekommen. „Autofahrer, Fußgängerinnen und Radler teilen sich gleichberechtigt den Platz zwischen Bäumen und Straßenlaternen, sogar die LKW-Fahrer tasteten sich langsam voran“. Was diese Geschichten vom Gelingen so überzeugend machen: die Menschen, die sie durchführen, sind hundertprozentig überzeugt. Manche sind in ihrem Brotberuf auf der anderen Seite der Balustrade gestanden, und haben erst im Vorruhe- oder Ruhestand erlebt, wie sehr die Arbeit für eine Gemeinde oder eine Genossenschaft schlicht Freude machen kann, wenn sie nicht von der Bürokratie ersäuft wird. Das erschien mir bei der Lektüre fast als das Schwierigste, das heitere Überwinden von Bürokratie und dann noch der deutschen! Ein anderes Gelingen ist die „Givebox“, aus der man Kleidung, Schuhe oder Bücher zum Tausch oder gratis mitnehmen kann. In Berlin stehen diese Holzkisten schon in mehreren Stadtteilen, nicht alle sind immer gut aufgeräumt. An der Pinnwand an der zweiten „Givebox“ in der Kreuzberger Falkenstraße wurde plötzlich die Nachricht gefunden: „Klasse Idee – leider schlecht umgesetzt“. Die Aufsteller wurden aufgefordert, sich zu melden, einen neuen Standort für die Box zu suchen und eine Genehmigung zu beantragen. Sonst – sagt die hochmögende deutsche Bürokratie, sonst wird diese Kiste abgerissen. Es kommt noch schöner: Der Aufbau ohne „Sondernutzungsgenehmigung“ sei eine „Ordnungswidrigkeit“. Es habe bereits Beschwerde in der Nachbarschaft gegeben. Man ist dann umgezogen, die Idee lässt sich sowieso nicht aufhalten. Eine vierte Box begrüßt nun die Gäste in der Kollwitzstrasse am Prenzlauer Berg mit Glitzersternchen. Eine junge Frau bremst auf dem Fahrrad, es quietscht, sie legt einen dicken Packen ordentlich gefalteter Hosen und Röcke in die Box, quatscht nebenher ununterbrochen auf Russisch in ihr Handy, und radelt wieder weg. Die Autorin Ute Scheub (eine der vielen, die das Buch zusammen ausmachen) schreibt: Eindrücklich sei die Selbstverständlichkeit, mit der die Box demonstriert, wie in Zeiten der Eurokrise nicht mehr Geiz geil sei, sondern Großzügigkeit und Teilen. Es gibt sie jetzt seit 2011 in Hamburg, zwei in Düsseldorf, eine in Köln, Würzburg, Aachen, Frankfurt, zwei in Wien, eine in San Francisco.

Das Buch ist ein einzigartiges Lesebuch für alle, die nicht aufgeben, sondern jetzt erst anfangen. Für alle, die nicht mehr an Gipfelkonferenzen glauben, sondern an den konkreten und subjektiven Bürgerwillen, der sich in solchen schönen Projekten durchsetzt. Das Buch kann man an jeder Schule in den Unterricht einbringen, man sollte an jedem Morgen zum Anwärmen eine solche Geschichte vom Gelingen vortragen und diskutieren. Damit keiner auf die Abwege der Frustration und des Untergangs des Abendlandes kommen kann.

Harald Welzer, Stephan Rammler (Hg.): Der Futurzwei Zukunftsallmanach 2013. Geschichten vom guten Umgang mit der Welt. S. Fischer Frankfurt 2013, € 16,99