Miteinander statt nebeneinander: Wirtschaft, Gesundheit, Pädagogik und Landwirtschaft

Wider den geteilten Blick, multipel schizophrenes Denken und Handeln, Sektorengrenzmauern und Partikularinteressen – die einen langen Abend füllende Veranstaltung in den Räumen der Berliner Filiale der GLS-Bank zielte aufs Ganze. Denn menschengemäße Globalisierung und Zukunft können nur gelingen durch sinnvolle Vernetzung aller Lebens- und Arbeitsgebiete im Kleinen und Großen. Eingeladen hatten der Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland, DAMID e.V., der Bund der Freien Waldorfschulen und Demeter e.V. zu einem interdisziplinären Austausch, einerseits der vier großen Gebiete der praktischen Anthroposophie, andererseits als Fragestellung an die Politik nach ganzheitlichen Konzepten für unsere Gesellschaft.

Bijan Kafi, Öffentlichkeitsvertreter für SEKEM in Europa, stellte im einleitenden Impulsvortrag die 1977 von Ibrahim Abouleish gegründete und 2003 mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnete ägyptische Initiative mit integrativem Ansatz vor. Wie eine Fackel im Dunkel der Visionslosigkeit deutscher Polit- und Wirtschaftslande überstrahlte sie als beeindruckendes Beispiel für ein erfolgreiches umfassendes Nachhaltigkeitskonzept den gesamten Abend.

Vernetzt denken und handeln – unter dieser Prämisse schlossen sich kurze Statements aus vier anthroposophischen Praxisfeldern an. Dr. Matthias Girke vom Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe sprach für die Medizin, Godehart Hannig von einem Demeter-Hof in Hessen für die Landwirtschaft, Iris Didwiszus vom Seminar für Waldorfpädagogik Berlin für die Pädagogik und Nikolai Keller von der Weleda AG für die Wirtschaft. Überwiegend brillant bewältigten die einzelnen Vertreter die Anforderung, frei nach dem Motto „Wie sag ich’s in sieben Minuten?“, zeitlich sehr begrenzt ein erfahrungs- und wissensgesättigtes Bild ihres Bereiches zu zeichnen. Vernetzt arbeiten sie sowieso alle schon längst, man muss nur mehr darüber reden und zeigen, wie es geht.

Das abschließende Podium mit Politikern aller Fraktionen des Bundestages zu Fragen nach Impulsen für übergreifende Lösungen brachte zuerst ein allgemein positives Echo auf das bisher Gehörte und eine Betonung der Wichtigkeit ganzheitlicher Modelle. Der Aufforderung zu konkreteren Gedanken folgten jedoch Wahlkampfparolen, Kurzzeitlösungsangebote und Allgemeinplätze jeweils entsprechender Couleur. Nach einem Parforceritt durch die erfrischend visionendurchtränkte Realität anthroposophisch inspirierten Arbeitens und Lebens … bonjour tristesse – das Publikum quittierte das nach einigen zarten, aber mehr oder weniger gescheiterten Versuchen konstruktiver Fragen mit unruhiger Langeweile, Verlassen des Raumes und später beim deliziösen Buffet mit genervt-amüsierten Kommentaren. Aber die Damen und der einzelne Herr aus dem Bundestag haben etwas gehört, was sich vielleicht doch irgendwo einnistet und lose hängende Enden verbindet oder Synapsen bildet. Vernetzung beginnt im Bewusstsein, das Gehirn macht es uns vor.

Astrid Hellmundt