Faust_Mephisto_webDie Vorfreude auf die Premiere steigt von Woche zu Woche: Rund 80 Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen, mit und ohne Behinderungen, bringen ab Ende Oktober eine große Faust-Aufführung auf die Bühne. Der Goethe-Klassiker ist ja nicht gerade leichter Stoff – wie schafft man es da, dass jeder etwas findet, wo er anknüpfen kann? Projektleiter Norbert Venschott ist sich sicher, dass die Voraussetzungen dafür gut sind: „Viele Bewohner haben das Stück durch die Waldorfpädagogik kennengelernt, wo der Faust fester Bestandteil des Lehrplans ist – an Regelschulen ebenso wie an Förderschulen. Etliche Bewohner können ganze Passagen auswendig und waren absolut begeistert, als sie von unserer Wahl gehört haben.“

Nicht nur der bekannte erste Teil des Werkes, sondern auch ausgewählte Passagen des zweiten Teils werden an zwei Wochenenden in Altenschlirf sowie im Schlosstheater Fulda in den rund vierstündigen Aufführungen gezeigt. Schon früh entstand die Idee, das Projekt auch filmisch zu dokumentieren. Für diese Aufgabe wurde der junge Filmemacher Benjamin Kurz gewonnen, der die Probenarbeit und später auch die Aufführungen mit einem kleinen Film-Team begleitet. „Die Arbeit macht großen Spaß, auch das ganze Gewusel drum herum ist witzig“, erzählt er. „Gleichzeitig macht das die Sache aber auch schwieriger. Wenn ich mit der Kamera eine bestimmte Szene filme, passiert gleichzeitig schon wieder woanders etwas. Eigentlich bräuchte man sechs verschiedene Kameras, um alles mitzubekommen“, beschreibt er die besonderen Umstände bei Dreh. Auch Maximilian Fischer, der das Film-Team als Kameramann unterstützt, erlebt den kreativen Prozess anders als sonst. „Normalerweise filme ich unter kontrollierten Bedingungen, mit einem festen Drehplan. Hier ist alles sehr spontan, wir müssen die Gunst der Stunde – oder eigentlich sogar der Minute – sinnvoll nutzen!“

 

Abschied vom Schubladen-Denken

Faust_Meerkatzen_webIch selbst hatte vor einigen Monaten die Gelegenheit, bei zwei Proben dabei zu sein und war begeistert von der Spielfreude und dem Engagement aller Beteiligten. Und es war äußerst interessant, meine eigenen Reaktionen zu beobachten. Ich wusste ja, dass ganz unterschiedliche Menschen teilnehmen: Bewohnerinnen und Bewohner der Gemeinschaft, außerdem Mitarbeitende. Einige Darsteller kommen aus Melchiorsgrund, einer anthroposophischen Suchthilfeeinrichtung. Und dann gibt es noch Nachbarn aus den umliegenden Dörfern hier im Vogelsberg. Ich ertappte mich dabei, dass ich versuchte zu sortieren, einzuordnen: Wer ist denn hier wer? – und war beschämt. So tief sitzt das Bedürfnis, Menschen in Schubladen zu stecken! Es ist eine echte Herausforderung, diese vertrauten Sicherheiten aufzugeben.

Die gemeinsame Arbeit an einem Projekt wie diesem möchte neue Räume öffnen – für die Begegnung mit anderen und auch für Überraschungen. „Wir reden immer von Inklusion, aber was meinen wir damit eigentlich?“, fragt die Regisseurin Almut König und fügt hinzu: „Ich finde es wichtig, dass wir uns im individuellen Erstaunen begegnen.“ Das geht nicht immer gleich gut, ist ein fortwährender Prozess. „Das sind einzelne Momente, in denen das wie heraus blitzt. Momente, in denen es einfach um das Spiel geht. Das Stück erlaubt uns, über das Eigene hinauszuschauen“, ist sie überzeugt. „Alle Beteiligten, wirklich alle, stoßen an ihre Grenzen und müssen sich immer wieder neu orientieren. Ich erlebe unser Projekt auch als Möglichkeit einer umgekehrten Inklusion: Die Bewohner als größte Gruppe nehmen die anderen Mitwirkenden auf.“

 

Bereichernde Begegnungen

© Gemeinschaft Altenschlirf

© Gemeinschaft Altenschlirf

Anne Kleinhans, eine junge Bewohnerin der Gemeinschaft, spielt das Gretchen. Sie freut sich besonders über die Gelegenheit, neue Leute kennenzulernen: „Ich finde es schön, dass Leute von außerhalb mitmachen, die Bewohner aus Melchiorsgrund und auch die Nachbarn aus der Gegend.“ Über ihre Rolle hat sie sich viele Gedanken gemacht. „Erst fängt es ja schön an, aber es geht doch traurig weiter“, sagt sie mit leiser Stimme. „Zum Glück gibt es aber am Ende doch noch eine Erlösung. Und es gibt auch lustige Szenen!“ Einer der Faust-Darsteller ist Tobias Raedler, Vorstand der Gemeinschaft. Als er von den Plänen für ein großes Theaterprojekt erfuhr, wollte er unbedingt dabei sein, erzählt er. „Als dann klar war, dass es der Faust wird, da war ich Feuer und Flamme.“ Der ehemalige Waldorfschüler hat sich bereits in der Schule mit dem Stück auseinandergesetzt. In seinen Augen gibt es viele inhaltliche Bezüge auch zum Leben und Arbeiten in der Gemeinschaft. „Faust ist ja der Mensch. Der ringt, mit sich, mit dem Leben, der Liebe, dem Göttlichen. Er stellt alles infrage. Und das ist ja auch das, was wir tun. Ich erlebe die ganz großen Fragen, die im Faust stecken, heruntergebrochen auf unser Hier und Jetzt.“ Die bunte Mischung der Mitspieler erlebt auch Raedler als Bereicherung. „In der Probenarbeit hat man ja erst einmal vor allem mit einigen wenigen Menschen zu tun, aber das natürlich umso intensiver“, beschreibt er seine Erfahrungen.

Andreas Willert lebt und arbeitet seit vielen Jahren in der Gemeinschaft Altenschlirf. „Ich spiele eine Meerkatze, das ist eine Affenart. Das ist in der Hexenküche, und die sind so neugierig, wenn der Faust dann kommt. Das macht sehr großen Spaß auf der Bühne mit den vielen Leuten.“ Am schwierigsten findet er es, den Text zu lernen und alle Einsätze zu erwischen: „Ich probiere, das so gut hinzukriegen, wie es geht. Am meisten freue ich mich darauf, dass das irgendwann richtig klappt und wir das hinkriegen.“ Und noch etwas beschäftigt ihn: „Man sieht ja dann, wie Faust den Trank nimmt und der junge Faust zum Vorschein kommt und auch diese Frau trifft. Und nachher ist der wieder der alte Mann. Mephisto will den offensichtlich haben, aber irgendwie klappt das nicht.“ Er kichert. „Wenn Faust den Trank nimmt, dann wird er wieder jung. Das muss echt ’ne Wirkung haben!“ Was fasziniert ihn so an diesem Bild – würde er gerne auch mal so einen Trank probieren? „Nee!“, lacht Andreas laut und lange. „Dann müsste man ja alle Leute hier jung machen – das gibt ja sonst ein Durcheinander!“

 

Aufführungen:
Fr./Sa./So. 30.10., 31.10., 01.11. in der Gemeinschaft Altenschlirf
Fr./Sa./So. 06., 07., 08.11. 2015 im Schlosstheater Fulda

Mehr Informationen und Tickets: www.faustprojekt.de