I3-2015-03-160

Von Matthias Girke

Die palliative Patientenbetreuung ist abhängig vom Menschenverständnis: Verfolgt sie ausschließlich eine suffiziente Symptomkontrolle bei einem sterbenskranken Patienten oder entwickelt sie zukunftsorientierte Perspektiven sowie eine seelische Begleitung und geistige Unterstützung? Der Therapiebedarf des palliativen Patienten zielt auf drei Dimensionen: Erstens wird eine symptomorientierte Therapie benötigt, die einen salutogenetischen Therapieansatz explizit einschließt. Zweitens braucht es die seelische Unterstützung in Phasen von Zweifel, Ablehnung und existenzieller Angst. Drittens lebt jeder Mensch und erst recht der palliativ erkrankte Patient von Perspektive und Hoffnung, also von der Zukunftsfähigkeit des Menschen.

Umgekehrt liegen in diesen drei Bereichen die wesentlichen Gründe für den Wunsch nach aktiver Sterbehilfe. Selten ist dieser Wunsch durch nicht mehr kontrollierbare somatische Symptome der palliativen Erkrankungsphase geprägt. Häufiger sind es Depressionen, seelische Verzweiflung und auch das Gefühl, anderen Menschen zur Last zu fallen. Die entscheidende Ursache ist aber der Sinnverlust: Wozu das ganze Leid, wenn doch nur der Tod kommt und dann „alles erledigt“ ist? Hier ist eine sinnstiftende Patientenbegleitung unverzichtbar, so dass es entscheidend auf die aktiv ergriffene professionelle und ethische Entwicklung der Behandler ankommt. Die Grundsäulen der Patienten/Arztbeziehung bestehen in der Palliativmedizin nicht nur in der professionellen Kompetenz und empathischen Beziehungsgestaltung, sondern auch im therapeutischen Engagement. Sobald der Patient diesen Willen zum Heilen erfährt, fühlt er sich unterstützt auf seinem Weg und entwickelt eine neue Perspektive. Oftmals schwindet dann der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe. Der assistierte Suizid erscheint dann im Sinne von Klaus Dörner als „tödliches Mitleid“.

Durch die medikamentöse Therapie lassen sich in der modernen Palliativmedizin die meisten Symptome kontrollieren, auch Arzneimittel der Anthroposophischen Medizin helfen uns in der palliativen Erkrankungsphase. Besondere Bedeutung haben die Äußeren Anwendungen der anthroposophischen Krankenpflege und Physiotherapie. Die Kunsttherapien öffnen sich dem seelischen Erleben und wecken die innere Aktivität des Patienten. In der Gesprächstherapie werden Fragen nach den individuellen Werten und biographischen Zielsetzungen aufgegriffen. Diese schließen die spirituellen und religiösen Überzeugungen des Patienten ein, berühren Fragen des Schicksals, der Nachtodlichkeit und der wiederholten Inkarnationen.

Das entscheidende Merkmal der anthroposophischen Palliativmedizin ist die Orientierung an der Entwicklungs- und Zukunftsfähigkeit des Menschen, dessen seelisches und geistiges Wesen nicht an die leiblichen Grenzen von Geburt und Tod gebunden ist.

Die verschiedenen Dimensionen des Menschen verlangen eine ethische Entscheidungsfindung hinsichtlich der aktiven Sterbehilfe. In der somatischen Betrachtung scheint eine leid- und schmerzbelastete Erkrankungsphase „endlich“ zu Ende zu gehen. Patient und Behandler gehen davon aus, dass nun „Erlösung“ eingetreten sei. Bezieht man die seelische und geistige Ebene mit ein, so ergeben sich aber ganz andere Aspekte. Hier geht es nicht nur um die Autonomie der Entscheidungsfindung, sondern vor allem um eine gründliche Hinterfragung der Autonomiekompetenz von Patient und Behandler: Sind wir ausreichend für eine nicht nur somatische, sondern geisteswissenschaftliche Urteilsfindung befähigt und kompetent? Ist unsere ethische Professionalität in gleichem Maße gewachsen wie die medizinisch-professionelle?

Sieht man den Menschen als ein geistbegabtes Wesen, das auf Zukunftsfähigkeit und Entwicklung angelegt ist, auch wenn der Leib sterblich ist, so nimmt man durch den aktiv induzierten Tod dem Patienten das Wesentlichste, nämlich die Chance, dass aus Krankheit geistige Entwicklung entstehen kann. Die scheinbare Beendigung von Schmerz und Leiden kann dann neuen Schmerz, ein Gefühl des Verlustes, der Entbehrung und des Leidens mit sich bringen. Das Leid wird also lediglich verschoben, möglicherweise sogar in einen dafür nicht vorgesehenen Bereich. Die oftmals tiefgreifenden Entwicklungen in der palliativen Erkrankungsphase verweisen auf das Novalis-Wort zum Tod als Geburtsaugenblick: „Wenn ein Geist stirbt, wird er Mensch. Wenn der Mensch stirbt, wird er Geist.“

In drei Jahrzehnten ärztlicher Tätigkeit bin ich zahlreichen Patienten mit Sterbewunsch begegnet. Die Erfahrung zeigt, dass sich dieser Wunsch durch eine gute palliative und hospizliche Therapie sowie seelische und geistige Unterstützung fast immer in neue Sinnsetzungen und neu errungene Autonomie wandeln kann. Der Patient „ist“ dann nicht krank, sondern „hat“ die Erkrankung, erlebt sich selbst als autonomiebefähigt auch in der palliativen Erkrankungsphase. Ihm ist dadurch keinesfalls seine Würde genommen, weil er „unwürdigem Leiden“ ausgeliefert ist. Vielmehr gewinnt er in besonderer Weise gerade in dieser Erkrankungsphase.

Aktive Sterbehilfe und assistierter Suizid empfinden Würdelosigkeit im Leiden und verkennen, dass jedem Menschen in jeder Lebenslage ausnahmslos Würde seines Menschseins zukommt.

Eine Palliativmedizin, die sich am Menschen und seiner Entwicklung auch in der späten Erkrankungsphase orientiert, kann sich nicht gegen die Individualität durch aktive Sterbehilfe im Sinne eines „humanitären Tötens“ richten. Selbstverständlich kann sehr selten bei einem nicht kontrollierbaren Beschwerdebild die palliative Sedierung erforderlich sein. Eine aktive Sterbehilfe gehört allerdings auch in dieser Situation nicht zu den notwendigen Instrumenten. ///

 

Foto: Klinik Havelhöhe

Foto: Klinik Havelhöhe

Dr. med. Mathias Girke ist leitender Arzt im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe und Vorstandsmitglied im Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland (DAMiD).

Ein Beitrag aus der März-Ausgabe der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie heute mit dem Themenschwerpunkt „Wie wollen wir sterben?“

Sie erhalten das Heft im Rahmen eines Kurzabos mit drei Ausgaben für 12,- Euro hier.