dreyfus

„Wir sehen nicht die Welt, wie sie ist, sondern wir sehen die Welt, wie wir sind!“ – Kaum ein Glaubenssatz gilt heute mehr als der Gipfel moderner Selbsterkenntnis. Aus ihm spricht die aufgeklärte Einsicht in die subjektive Beschränkung jeden Weltzugangs. In jeder Diskussion ist ihm Zustimmung gewiss.

Philosophisch haben Kant und seine Nachfolger diesen Glaubenssatz in der Formel vom „Ding an sich” zementiert. Dieses „Ding an sich“ wäre eben die Gestalt der Welt „wie sie ist“ und wie sie aussähe, wenn sie uns nicht gefiltert durch unsere Sinne und unsere Denk-Kategorien erschiene. Dieses „Ding an sich“ selbst aber soll unerreichbar sein. Im späten 19. Jahrhunderts erhielt diese Theorie durch die Naturwissenschaft starke Unterstützung: Insbesondere die genauere Kenntnis über die Funktionsweise unserer Sinnesorgane ließ die Aussichten, dass wir etwas über die „wahre Wirklichkeit“ erfahren könnten, gegen Null sinken: Was wir als Dinge der Welt wahrzunehmen glauben und was wir als Qualitäten diesen Dingen zuschreiben – Wärme, Kälte, Farben – das alles scheint mehr über unsere eigene körperliche Konstitution auszusagen als über die Welt. Und als wäre es der Resignation nicht schon genug, setzten die Neurowissenschaften im 20. Jahrhundert noch ein’s drauf: Die Bilder, die unser Gehirn aus den ihm vermittelten „Sinnesdaten“ durch hoch komplexe Schaltungen zusammensetzt, können mit der Außenwelt wie sie „an sich“ ist, nicht mehr das geringste zu tun haben. Unser Bewusstsein von der Welt ist in Wahrheit Ergebnis eines neuronalen Netzwerks, das uns zu ähnlich bedauernswerten Wesen macht wie jene Wesen, die in dem Film „Matrix“ in Nährlösungen vegetieren und über Drähte die Bilder eines äußeren Lebens vorgegaukelt bekommen.

„Verkörpertes Verstehen“

„In unserer Kultur ist ein gewaltiger Irrtum wirksam“ sagen indessen die beiden bedeutenden US-amerikanischen Philosophen Hubert Dreyfus und Charles Taylor. In ihrem Buch „Die Wiedergewinnung des Realismus“ machen sie für die Entstehung dieses Irrtums vor allem Descartes verantwortlich, der mit seiner Philosophie eine strikte Grenze von Innen und Außen zu zementieren begann, die nach ihm nie wieder wirklich in Frage gestellt wurde. Das Prinzip der inneren Abbildung der äußeren Realität aber kann gar nicht funktionieren, wenn das menschliche Bewusstsein als isolierter Innenraum angenommen wird, in dem die Wirklichkeit durch Ideen und Vorstellungen lediglich repräsentiert wird. Dem stellt das amerikanische Autorenpaar eine Auffassung entgegen, die ausdrücklich von einer realen Kontaktmöglichkeit zwischen Mensch und Welt ausgeht. Für sie ist die Trennung von Innen und Außen eine Fiktion, denn am Anfang allen Erkennens stehe ein vor-rationales „verkörpertes Verstehen“, das aus unserem immer schon gegebenen leiblichen Eins-Sein mit der Welt herrühre. Als Beleg dafür werden eine Vielzahl von Phänomenen angeführt, welche die Möglichkeit eines, wie es die Autoren nennen, „geschickten Zurechtkommens“ in der Welt zum Ausdruck bringen, das in seiner Unmittelbarkeit schon vor jeder Ver-Begrifflichung und Abbildung des Wirklichen im Inneren stattfinde. Ein Beispiel: Ein Junge springt zum ersten Mal über einige dazu geeignete, flache, in einem Bach liegende Steine und übt dabei eine durchaus zusammenhangbildende Fertigkeit aus, die noch vor jedem Einbezug von Sprache und Denken liegt. Sie zeugt vielmehr von einer Art ursprünglicher Orientierungsfähigkeit in den Verhältnissen der Welt. Dieses Urvertrauen „verkörperten Verstehens“, das uns Menschen ausmache und als zutiefst im Dialog mit der Welt stehende Wesen kennzeichne, sei uns im Zuge der modernen Denk- und Wissenschaftsentwicklung zugunsten eines reduktionistischen Weltbildes ausgetrieben worden, in dem der Mensch lediglich als isolierter Akteur verstanden werde. Demgegenüber sind Dreyfus und Taylor überzeugt, „dass unser Verständnis der Welt … nicht in unserem Innern liegt, sondern in der Interaktion, dem Zwischenraum unseres Umgangs mit den Dingen.“

Der Faktor des Subjekthaften ist damit selbstverständlich nicht aus der Welt. Er verliert aber seinen Vorwurfscharakter, wonach alles, was sich als Erkenntnis für uns Menschen zeigt, „nur“ subjektiv sei. Stattdessen wird klar, dass alle Erkenntnis Ausschnittcharakter hat: Vorstellungen, die wir im Kontakt mit der Welt bilden, sind dann keine subjektiven Verzerrungen des unerkannten Wirklichen „an sich“, es sind vielmehr wirklichkeitsgesättigte Perspektiven auf das Ganze.

Pluralismus als Gewinn

Die Annahme, alles Erkennen sei durch eine grundsätzliche Relativität eingeschränkt, kann auch eine mehr kulturgeschichtliche Dimension annehmen. Sie verweist dann auf den teilweise erheblichen geschichtlichen Wechsel der Weltbilder, in deren Rahmen die Menschheit bisher die Wirklichkeit grundlegend unterschiedlich wahrgenommen hat. Dreyfuss und Taylor wählen in ihrem Buch das Beispiel des Goldes, dem man in alten Kulturen magische und heilende Kräfte zugeschrieben habe, während sich für einen Naturwissenschaftler das Wesentliche des Goldes in der Zuschreibung des Atomgewichts 79 erschöpft. Die Autoren halten dagegen, dass die eine Beschreibung nicht notwendig die andere ausschließt, weil es von der jeweiligen Zugangsweise abhänge, welchen Aspekt ein Ding oder Wesen dem Betrachter zeigt: „Es ist möglich, dass die Ägypter Eigenschaften des Goldes offengelegt haben, die nur mit Hilfe ihrer religiösen Praktiken zugänglich waren. Demnach ist das, was Gold wirklich ist, von den Praktiken der betreffenden Kultur abhängig.“ Dies einzusehen bedeutet nun eben nicht ein Plädoyer für die grundsätzlich einschränkende Art unseres Erkennens und Wissens, sondern für einen „pluralistischen Realismus“, wie es die Autoren nennen. Er trägt der Tatsache Rechnung, „dass es viele Sprachen geben kann, deren jede einen anderen Aspekt der Wirklichkeit korrekt beschreibt“. Diese Haltung macht nicht nur theoretisch einen Unterschied, sondern hat unmittelbar praktische Konsequenzen: So sind beispielsweise, wie Dreyfuss und Taylor erwähnen, die Erfolge der Akupunktur zwar eindeutig empirisch belegt, aber mit den Mitteln der Naturwissenschaft bislang noch nicht erklärt. Anstatt nun deshalb diesen Heilansatz grundsätzlich zu verwerfen, weil wir ihn nicht mit der vorherrschenden Theorie erklären können (was angesichts seiner Erfolge fahrlässig wäre), wäre es sinnvoller, „einfach zwei Theorien über den Körper zu akzeptieren: eine, die sich auf Moleküle und elektrische Impulse bezieht, und eine andere, die den mit den Mitteln unserer Physik nicht zu deutenden Wegen einer Form von Energie nachgeht.“ Die grundlegende Einsicht in die Perspektivität unseres Erkennens ist so gesehen keine Einschränkung, sondern wertvoller Gewinn.

Das Buch ist über weiter Strecken harte philosophische Kost und es könnte in seiner Kurzbeschreibung eher trocken wirken. Tatsächlich verfügt es über erhebliche Sprengkraft: Schließlich stellen hier zwei der renommiertesten Philosophen der Gegenwart den gültigen Konsens von Philosophie und Wissenschaft in Frage. Dreyfus und Taylor stützen sich bei ihrem Versuch, die Wirklichkeit zurückzuerobern, auf phänomenologische Ansätze, besonders Merleau-Ponty und Heidegger. Auch wenn die schon von Steiner vorgebrachte Kritik an Kant und dessen Konzept der Wirklichkeits-Unfähigkeit einen ganz anderen Weg zur Wirklichkeit sucht, liegt in der Kampfansage der beiden US-Philosophen an das erkenntnistheoretische Grunddogma unserer Zeit eine höchst spannende Parallele, die eine Beachtung mehr als verdient.

 

Hubert Dreyfus, Charles Taylor: Die Wiedergewinnung des Realismus. Suhrkamp 2016, 311 Seiten € 29,95.

 

Als Printbeitrag in der Ausgabe Februar 2017 der Zeitschrift Info3