Der Charisma-Faktor

„Gebraucht zu werden macht glücklich“

Die Bundeswehr und das Kümmern im Sozialen, Führungskräfte-Coaching und ewige Philosophie, Nietzsche und Karl König – das sind für Kurt E. Becker keine Gegensätze, sondern lebendige Polaritäten. In einem Buch weist der vielseitige Berater und Autor jetzt auf den Charisma-Faktor für ein gelingendes Leben hin. Ronald Richter traf ihn in Berlin.

 

Foto. Hans Scherhaufer

Autor Kurt E. Becker / Foto: Hans Scherhaufer

Herr Becker, Sie schreiben in Ihrem neuen Buch: „Mensch unter Menschen sein zu dürfen, steht in Großbuchstaben über dem Eingang zu unserer charismatischen Selbstbestimmung“. Was ist für Sie ein charismatischer Mensch?
Ein charismatischer Mensch ist zu sich selbst gekommen. Er hat sich in sich selbst eingerichtet und ist in der Lage, durch dieses In-sich-selbst-Einrichten sich selbst zu führen. Und wer sich selbst führen kann, der kann auch andere führen.

Können Sie ein paar Beispiele charismatischer Persönlichkeiten aufzählen?

Rudolf Steiner war sicherlich ein charismatischer Mensch, um ein Beispiel aus dem anthroposophischen Umfeld zu nennen; Karl König ebenfalls, Begründer von Camphill. Wenn Sie außerhalb unseres Kulturkreises gehen, wäre Mahatma Gandhi zu nennen. Das sind positive Beispiele. Es gibt natürlich viele negative Beispiele. Unsinnig wäre es, einem Adolf Hitler Charisma absprechen zu wollen. Die Frage ist eben immer: Wo ist die Grenze zwischen positivem und negativem Charisma?

 

Charisma ist auch eine Gabe Gottes von der Wortbedeutung her.

Von der Wortbedeutung her korrekt. Charisma heißt eigentlich Gnadengabe. Es ist eine Wortschöpfung des Apostel Paulus, der damit auch sehr unterschiedliche Gaben identifiziert hat. Es gibt also nicht nur eine Gabe, die man charismatisch nennen könnte, sondern in der frühchristlichen Gemeinde sehr viele Gaben, unter anderem auch die Führungsbegabung. Das, was wir heute mit dem Begriff Charisma verbinden, ist im Grunde genommen diese Fähigkeit, sich selbst und andere zu führen.

 

Sie haben als Offizier bei der Bundeswehr angefangen, bei den Fallschirmjägern. Fanden Sie es charismatisch, notfalls fürs Vaterland zu sterben?

Ja. Wir erleben gerade durch die Krisen, dass es Soldaten braucht. Und mit dem Soldatsein verbunden sind Fragen wie: Wofür bin ich gegebenenfalls bereit zu sterben? Wofür ziehe ich die Uniform an? Warum ist das, was diese Gesellschaft ausmacht, für mich eine Heimat? Warum bin ich bereit, meine Heimat zu verteidigen, nötigenfalls auch mit Waffengewalt? Sie erleben in Ausnahmesituationen gerade unter Soldaten immer wieder charismatische Persönlichkeiten, die in außeralltäglichen Situationen in der Lage sind, andere in eine bestimmte Richtung zu führen.

 

In Ihrem neuen Buch sprechen Sie insbesondere das Charismatische im Kontext des Sozialen an. Was hat es damit auf sich?

Es ist schon so, dass diese Frage nach dem Sozialen, um es auf eine banale Formel zu bringen, die Tatsache, von anderen Menschen gebraucht zu werden, ein gutes Gefühl hinterlässt, glücklich macht. Die Vorstellung, dass es ein Glück außerhalb des Sozialen im Menschlichen geben könnte, ist ein Irrglaube. Glück ist ein Beziehungsphänomen. Und das drückt sich vielfältig im Übermenschgedanken Friedrich Nietzsches aus, einfach deswegen, weil er ganz simpel gesagt hat, ich muss mein Individuelles, mein Sein, mein Ego überschreiten, auf den anderen zugehen, um auf eine vernünftige Art und Weise Mensch sein zu können. Nichts anderes im Prinzip ist Charisma.

 

Sie begleiten als Personal Coach Führungskräfte der Wirtschaft. Wie passt das zusammen mit Positionen in Ihrem Buch, wo Sie die Ökonomisierung aller Lebensbereiche heftig kritisieren? Zum Beispiel sagen Sie: „Nicht von ungefähr beschreibt Nietzsche die industrielle Kultur als die gemeinste Daseinsform, die es bisher gegeben hat.“

Die Tatsache, dass ich als Coach Wirtschaftskräfte begleite, bedeutet unter anderem, dass ich exakt diesen Führungskräften auch einen Spiegel vorhalte und versuche, ihnen deutlich zu machen, dass es außerhalb des Ökonomischen noch etwas anderes gibt. Also, um es mit einer zentralen Frage aus Nietzsches „Zarathustra“ auf den Punkt zu bringen – Zarathustra fragt: Was ist der Sinn der Erde? Eine gewaltige Frage. In der erdgeschichtlichen Betrachtung gibt es den Begriff des Anthropozäns, eines Zeitalters, das eben durch den Menschen geprägt worden ist. Und wenn Sie sich anschauen, wie diese Erde von uns geprägt, verändert worden ist, dann sehen Sie halt nicht nur Positives. Was ist der Sinn der Erde? Dieser Frage müssen wir uns immer wieder neu stellen.

 

In Ihrer Coaching-Tätigkeit geht es auch darum, charismatische Persönlichkeitspotentiale zu entfalten. Wie kann das gelingen?

Der erste Schritt ist, dass eine Art Grundgesetz des eigenen charismatischen Selbst entwickelt wird. Das heißt, durch Selbstbesinnung vergewissert sich der Coachie seines eigenen Wertekoordinatensystems: In welcher Wertewelt bin ich als Führungskraft der Wirtschaft unterwegs? Der zweite Schritt: Wie kommuniziere ich das? Und da bin ich bei einem wichtigen Begriff von Charisma überhaupt, das zeigt sich durch die ganze Weltgeschichte. Die großen Charismatiker waren alle gute und exzellente Kommunikatoren, getreu dem Motto „Gute Führung setzt gute Kommunikation voraus“. Wenn Sie nicht gut kommunizieren können, können Sie auch nicht gut führen. Dieser innere Dialog mit sich selbst, das Prinzip der Selbstführung, setzt bei der Selbstreflexion an. Ich muss in der Lage sein, über mich selbst zu reflektieren, um mich selbst zu führen. Über mich selbst reflektieren heißt ja, ich bin in einem inneren Dialog mit mir selbst. Denken ist nichts anderes als eine Kommunikation mit sich selbst. Das kann man lernen – ja.

 

Wir sitzen hier gerade beim Frühstück in Ihrem Berliner Zuhause: dem InterConti. Wie manche Berühmtheit lieben Sie es, im Hotel zu wohnen. Ist das für Sie charismatisch?

Nein, das ist nur praktisch. Ich bin ein in dieser Hinsicht sehr fauler Mensch. Ich liebe es, wenn mein Bett gemacht wird. Ich freue mich, wenn ich an ein Frühstücksbuffet gehen kann. Das ist Bequemlichkeit. Ich kann in dieses Hotel kommen – ohne Koffer, weil hier meine Klamotten hängen. Die werden sozusagen für mich archiviert. Ich spare unsagbar viel Zeit – das ist sehr effizient, weil diese Zeit für andere Dinge nutzbar wird.

 

Ein anderes Erweckungserlebnis war für Sie offenbar die Anthroposophie. Wann ist das geschehen?

Mit 22 oder 23 Jahren bin ich bei der Recherche zum Thema Nietzsche über ein Buch Rudolf Steiners gestolpert: Friedrich Nietzsche – ein Kämpfer gegen seine Zeit. Was die Nietzsche-Rezeption angeht, sicherlich kein besonders gutes Buch, aber unglaublich spannend und interessant und auf jeden Fall so, dass es mich gereizt hat, mich mit der Anthroposophie weiter zu beschäftigen. Ich hatte dann viel auch über Steiner und Steiner-Schriften unter anderem bei Fischer publiziert, eine Studienausgabe mit den Schriften Rudolf Steiners mit einem Kollegen zusammen. Also, ein lebenslanges Beschäftigen damit seit diesen frühen Tagen. Ähnlich dem Charisma hat mich die Anthroposophie immer beschäftigt.

 

In Ihrem Buch erwähnen Sie, dass Rudolf Steiner keinen wirklichen Kontakt zu den Eliten gefunden hat und dass das vielleicht auch das Problem der heutigen Anthroposophie ist.

Sie sprechen ein großes Wort gelassen aus. Meine eigene Erfahrung, nicht mit der Anthroposophie als Philosophie, sondern mit dem praktischen Leben der Anthroposophen hat immer wieder merkwürdige Ergebnisse gezeitigt. Ein Beispiel: Wie ich vorhin schon sagte, ist in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Werkausgabe mit freundlicher Genehmigung des Rudolf-Steiner-Archivs in Dornach in zehn Bänden im Fischer-Verlag erschienen. Diese Reihe war so erfolgreich, dass es den Archivaren in Dornach paradoxerweise nicht besonders gut gefallen hat und sie das Recht für weitere Auflagen verweigert haben. Diese Abschottung, diese nicht vorhandene Bereitschaft, sich mit der Welt auseinanderzusetzen, sondern insular sich zurückzuziehen, müsste durchbrochen werden.

 

Wie?

Nochmal zurück zur Frage Zarathustras: Was ist der Sinn der Erde? Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass es in unseren Breiten kaum eine Philosophie gibt, die auf diese Frage eine sinnvollere Antwort hat als die Anthroposophie. Völlig egal, wo auch immer Sie in ihr praktisches Wirken hinein schauen. Da gibt es Antworten, die man in eine breitere Öffentlichkeit hineintragen muss, dafür muss man ein Bewusstsein erzeugen bei vielen Menschen. Und die Anthroposophie wird sich dieser Öffnung hoffentlich nicht mehr lange verweigern können.

 

Und dadurch würde sie sich dann erneuern?

Der Gedanke des Übermenschen bedeutet ja, sich nicht nur mit dem eigenen, sondern auch mit dem fremden Gedanken und dem fremden Selbst auseinanderzusetzen. Ich selbst bin ja Mitbegründer diverser Stiftungen, die alle auch anthroposophisch inspiriert, obwohl nicht expressis verbis anthroposophisch sind. Da gibt es zum Beispiel die „Alexandra-Lang-Stiftung – Soziales und Arbeit“ in Worms, die sich sozial Schwachen verschrieben hat und die im Grunde genommen den Kerngedanken in sich trägt, generationenübergreifend  Bildungsvoraussetzungen zu schaffen speziell für Menschen, die in einer sozialen Notsituation sind und sich nicht selbst helfen können. Das ist ja ein ausgesprochen anthroposophischer Gedanke.

 

Sie sind auch Mitbegründer des Karl-König-Instituts und im Vorstand dort. Haben Sie eine besondere Beziehung zu Karl König?

Mich fasziniert diese Entwicklung und Fortschreibung des heilpädagogischen Gedankens, ein zutiefst charismatisch inspirierter Gedanke. Denn der Charismatiker ist ja ein Heilsbringer im Großen und im Kleinen, das heißt, er gibt einer im Kleinen wie im Großen aus den Fugen geratenen Welt eine Perspektive des Heils. Und der Kerngedanke von Karl König war, sich nicht nur des Heils seelenpflegebedürftiger Menschen anzunehmen, sondern im Grunde genommen die gesamte Menschheit als seelenpflegebedürftig anzuschauen. Und das ist sicherlich ein elementarer Gedanke in der heutigen Zeit.

Zu diesem Gespräch können Sie auch unseren Podcast hören.

Cover-Becker-Sysiphos

 

 

 

 

 

 

Von Kurt E. Becker ist soeben erschienen: Der Charisma-Faktor. Glücklich sein mit Sisyphos. 200 Seiten, Info3 Verlag Frankfurt am Main, € 15,00.  Hier direkt beim Verlag bestellen.

 

 

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