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Handarbeit und Augenmaß sind für viele Arbeitsschritte bei Stockmar unerlässlich. Foto: Info3

Sie sind aus keiner Waldorf-Einrichtung wegzudenken: die bunten und wohlriechenden Stockmar Farbstifte und Blöckchen.

Die enge Verbindung zu diesen beliebten Werkzeugen in Kindergarten und Schule geht bis in die Nachkriegszeit zurück, als Firmengründer Hans Stockmar zusätzlich zu seinen Kerzen und Knetwachsen die Farbstifte zu entwickeln begann. Bei Hans Stockmar wurde alles per Hand hergestellt – und noch heute ist Stockmar ein Manufakturbetrieb, der vom Einrühren der Pigmente, dem Ausschütten der Rohmasse auf die Maschinen und dem Sortieren der fertigen Blöcke oder Stifte nicht ohne geschickte Hände auskommt. Auch überschaubar ist der Betrieb durchaus geblieben – nur knapp 27 Mitarbeitende zählt das Unternehmen, das in Kaltenkirchen nördlich von Hamburg angesiedelt ist.

 

Künstlerische Anwendung hat Priorität

 

Wer schon einmal eine Schachtel mit Stockmar-Produkten geöffnet hat, kennt den angenehmen, fast Appetit anregenden Geruch nach Bienenwachs, der ihnen entströmt. So riecht pure Natur, denke ich unwillkürlich. Aber das stimmt nur teilweise. Denn der Bienenwachsanteil an den Malstiften und Blöcken, so erfahre ich vor Ort, beträgt gerade mal zehn Prozent. Das hat nicht etwa damit zu tun, dass man bei Stockmar an dem wertvollen Rohstoff sparen wollte – jedenfalls nicht aus finanziellen Gründen: „Wenn man bedenkt, dass man den Bienen ja immer etwas wegnimmt, wenn man Wachs verwendet, dann kann man sich schon fragen, ob es sinnvoll ist, mehr Wachs als nötig einzusetzen“, erklärt mir Stefan Rüter, der seit 13 Jahren bei Stockmar arbeitet und für Qualitätsentwicklung zuständig ist. Weil sich das Unternehmen den Bienen verbunden fühlt, engagiert es sich auch in lokalen Bienenschutzprojekten.

Wachsstifte, die nur aus Bienenwachs bestehen, will Stockmar aber auch aus einem anderen Grund gar nicht herstellen: Solche Stifte bringen nicht die hohe Farbqualität hervor, die man von Stockmar kennt, und sie verhalten sich beim Auftragen auf den Untergrund nicht optimal. Davon kann ich mich gleich selbst überzeugen, indem ich vor Ort den Stift eines Wettbewerbers teste, der aus reinem Bienenwachs hergestellt ist: Er fühlt sich widerständig beim Auftragen an, bildet Krümel auf der Oberfläche und wirkt farbig deutlich matter, während der Stockmar-Testkandidat glatt über das Papier läuft, allen Wendungen meiner Hand gehorcht und sich gleichmäßig schraffieren lässt. Ich teste noch ein zweites Vergleichsprodukt von einem weiteren Hersteller: Höherer Bienenwachsanteil als bei Stockmar (aber nicht hundert Prozent), deutlich besser im Auftrag als das reine Bienenwachsprodukt, aber farblich nicht so leuchtend wie Stockmar.

Dieser Vorsprung bei der farblichen Wirkung ist jedoch für die Firmenphilosophie von Stockmar zentral. „Wir wollen nicht in erster Linie ein reines Naturprodukt herstellen, unser Maßstab ist der künstlerische Einsatz“, erläutert Stefan Rüter, der selbst schon als Waldorfschüler mit den Produkten aufgewachsen ist. Die optimale malerische Verwendung, die Möglichkeit, Farben auch zu mischen und zu schichten, all das ist durch viel Erfahrung über Jahre in die Rezepturen eingeflossen. Und das bedeutet auch: Bienenwachs ja, aber nicht mehr als sinnvoll.

 

Gefährdung des Regenwalds?

 

Trotzdem ist es für mich überraschend zu erfahren, dass der weitaus größere Materialanteil eines Stockmar-Stifts oder -Blöckchens synthetischer Natur ist. 50 Prozent machen mikrokristalline Wachse aus, gemeinhin als Paraffin bekannt. Als mir Stefan Rüter diese Mikro-Wachse in Rohform zeigt – wie feinste, durchsichtig-weiße Schuppen –, fällt es mir zunächst schwer zu glauben, dass es sich hier um ein hoch raffiniertes Nebenprodukt der Ölindustrie handelt. Neben der bekannten Verwendungsform in Kerzen ist Paraffin wegen seiner Bindefähigkeiten vor allem in der Kosmetik beliebt. Für die Stockmar-Produkte empfiehlt sich der Rohstoff wegen seiner Mischbarkeit mit anderen Wachsen.

30 weitere Prozent der Farbstifte macht pflanzliches Wachs, Stearin, aus. Der Haken an diesem Bestandteil: Stearin wird aus Palmöl gewonnen, das wegen der damit oft verbundenen rücksichtslosen Anbaumethoden in Verruf geraten ist. „Seit 1990 hat sich die Fläche für Ölpalmen weltweit verdoppelt, in Indonesien sogar verzehnfacht“, erfahre ich beim WWF. „Die Liste der Naturschäden ist lang: Riesige Monokulturen bedrohen die biologische Vielfalt und rauben Arten wie Orang-Utan und Tiger den Lebensraum“, so die Umweltschutzorganisation weiter. Immer wieder sieht sich Stockmar deshalb mit Vorwürfen konfrontiert, das Unternehmen und auch die Waldorfschulen würden sich durch das Verwenden der Malstifte am Abholzen tropischer Regenwälder beteiligen. „Es ist nicht so, dass wir definitiv nicht auf andere pflanzliche Wachse zurückgreifen wollten. Wir haben nur eben leider von den Eigenschaften her noch nichts Ebenbürtiges zum Palmwachs gefunden.  Und die künstlerische Verwendung hat für uns eben oberste Priorität“, meint Stefan Rüter dazu. „Das heißt aber nicht, dass wir nicht immer weiter forschen. Vielleicht werden wir ja eines Tages ein pflanzliches Wachs finden, das qualitativ unseren Ansprüchen genügt und das zugleich ökologisch unbedenklich angebaut wird.“

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Stefan Rüter und Inke Kruse präsentieren im Stockmar-Labor die Produkte des Hauses. / Foto: Info3

 

Neue unternehmerische Formen

 

So wie sich die Qualität der Wachsmalstifte in engem Kontakt mit den Waldorfschulen entwickelt hat, ist die eigenwillige Rechtsstruktur der Firma Stockmar in enger Verbindung mit den sozialen Ideen Rudolf Steiners entstanden. Für ihn sollte ein Unternehmen keinen Besitzer haben und selbst keine Ware darstellen, die sich beliebig kaufen oder verkaufen lässt. Zur Umsetzung dieser Kernidee anthroposophischer Sozialgestaltung gibt es im Zusammenhang mit Stockmar Verbindungen, die bis in die Entstehungszeit der Bochumer GLS-Einrichtungen zurückreichen. Der Eisenfabrikant Alfred Rexroth gründete 1972 die „Neuguss Verwaltungsgesellschaft“, in der sein erwirtschaftetes Vermögen so aufging, dass das Kapital – ähnlich wie bei einer Stiftung – dem privaten Zugriff entzogen war, sowohl seinem eigenen als auch dem seiner Nachfolger und Erben. Weitere Beteiligungen von Rexroth flossen in die GLS Treuhand in Bochum mit ihren zahlreichen Stiftungen und dem späteren Bank-Bereich. Die Neuguss ist heute eine Art Holding aus acht sehr unterschiedlichen Betrieben. Bei allen dazugehörigen Unternehmen jedoch ist das Kapital dem persönlichen Zugriff entzogen; jeder Geschäftsführer verwaltet treuhänderisch ein Unternehmen, das niemandem „gehört“ außer sich selbst.

Seit 1978 hat sich auch Stockmar dem Neuguss-Verbund angeschlossen und damit sein Kapital „neutralisiert“, wie es in der Sprache anthroposophischer Sozialphilosophie heißt.

Juristisch umzusetzen ist diese Idee nur mit Mühe, denn nach deutschem Recht braucht jede Firma einen oder mehrere Besitzer, die ihre Anteile selbstverständlich auch jederzeit verkaufen könnten. Die einzelnen Neuguss-Betriebe haben aber für sich jeweils Lösungen gefunden. „Unabhängig von der Rechtsform stellt jeder der in der Neuguss zusammengeschlossenen Betriebe ein eigenes Modell dar, wie in ihm die Neuguss-typischen Impulse und Intentionen umgesetzt werden; das hängt halt sehr stark von den Unternehmern und Mitarbeitern ab“, erklärt Inke Kruse. Sie selbst ist von einem anderen Neuguss-Betrieb erst vor Kurzem zu Stockmar gewechselt und hier jetzt für den Vertrieb zuständig. Ein regelmäßiger Austausch auf Geschäftsführer-Ebene, aber auch gemeinsame Veranstaltungen und Begegnungsmöglichkeiten halten das Bewusstsein für den besonderen unternehmerischen Ansatz offen, erzählt sie, nicht zuletzt auch unter jenen Mitarbeitenden, die diesen unkonventionellen Ideen zunächst fremd gegenüberstehen. Besteht die Gefahr, dass die Mitarbeiter wie seinerzeit im Sozialismus denken: Wenn das Ganze hier niemandem gehört, kümmert sich auch niemand richtig und auf Leistung kommt es nicht an? „Ich habe den Eindruck, gerade das Nicht-Vorhandensein einer sturen Hierarchie setzt die eigene Motivation bei den Mitarbeitern frei“, ist Inke Kruse überzeugt. „Der Geschäftsführer ist selbstverständlich voll verantwortlich für ein erfolgreiches Wirtschaften, aber seine Motivation ist eben nicht die eigene Tasche, sondern es geht ihm um das ganze Unternehmen“, meint sie. Für die Mitarbeiter ist eine bereichsspezifische Eigenverantwortung erwünscht, bei entsprechender Geschäftslage wird eine Gewinnbeteiligung ausgeschüttet.

„Wir Mitarbeiter merken das sehr deutlich, dass hier eine andere Unternehmenskultur herrscht, aber wenn man fragt, was ist es denn eigentlich genau, dann ist das gar nicht so leicht in Worte zu fassen. Im Rahmen der Neuguss beschäftigt uns gerade die Frage, ob es möglich ist, die besonderen Qualitäten eines solchen Unternehmens in ein eigenes Kennzahl-System zu bringen und damit zu objektivieren“, erzählt Inke Kruse von den aktuellen Plänen bei Stockmar. Vielleicht lassen sich außer dem Punkte-System auch die verschiedenen Farbqualitäten von kalt bis warm bei einer solchen Bewertungs-Skala einsetzen? Denn bei Stockmar sind jedenfalls nicht nur die Stifte farbig, auch das Unternehmen selbst fällt ganz schön bunt aus der Norm. ///

 

Ein Text aus der April-Ausgabe von Info3. Hier kostenloses Probeheft bestellen.