Rupert Sheldrake

Für eine integrale Wissenschaft der Zukunft

Rupert Sheldrake ist derzeit auf Lesereise in Deutschland. Sein neues Buch "Der Wissenschaftswahn" plädiert für einen erweiterten Wissenschaftsbegriff.

Der englische Biologe Rupert Sheldrake ist kein Esoteriker, sondern ein leidenschaftlicher Wissenschaftler. Er promovierte an der Universität Cambridge in Biochemie, gab dort jahrelang Kurse für Zellbiologie und betrieb pflanzenphysiologische Forschungen in Indien zur Verbesserung der dortigen Landwirtschaft. Wenn dieser Autor nun ein Buch mit dem Titel Wissenschaftswahn  vorlegt, so nicht, um Wissenschaft als solche zu diskreditieren, sondern ihre Dogmen und Tabus zu hinterfragen, die aus dem Abenteuer unvoreingenommenen Forschens arrogante Selbstgewissheit machen.

Sheldrake kritisiert vor allem den Reduktionismus der modernen Naturwissenschaft, der alles Geistig-Seelische auf reine Physik und Chemie zurückzuführen versucht. Er stellt die Frage, ob scheinbar festgefügte Konzepte wie Geist, Materie, Energie oder Naturgesetz nicht vielleicht auch in einem evolutionären Wandel begriffen sein könnten, statt auf dem Ewigkeitsstatus platonischer Ideen zu beharren. Sheldrake referiert Erkenntnisse der Quantenphysik und moderne kosmologische Rätsel wie dunkle Materie und dunkle Energie, um aufzuzeigen, dass in den Wissenschaften selbst ein großes Fragen und Umdenken eingesetzt hat, das keinen Raum mehr für totalitäre Wahrheitsansprüche lässt.

Mit zahlreichen Beispielen zeigt Sheldrake auf, dass uns der bisherige Reduktionismus der Forschung in vielen Feldern nicht mehr weiterbringt. Weder können die Entstehung von Formen und Organismen noch bestimmte Tätigkeiten unseres Gehirnes oder die Selbstheilungs- und Regenerationsprozesse im Verlaufe von Krankheiten restlos aus ihrer Chemie erklärt werden.

Fragwürdiger Reduktionismus

Sheldrake weist auch auf die völlige Überbewertung des Begriffskonzeptes Gene hin, das noch vor einigen Jahren alles und jedes erklären sollte. Bei der Bekanntgabe der Entzifferung des menschlichen Genoms im Jahre 2000 sprach Bill Clinton noch von einer „Revolution für die Diagnostik und Behandlung oder auch Verhinderung der meisten, wenn nicht aller Krankheiten der Menschheit“. Dieser Mythos eines universalen biologischen Reduktionismus’ erwies sich jedoch als Trugschluss. Heute wissen wir, dass viel mehr Aspekte zur Entstehung von Organismen und auch Krankheiten führen, als nur einzelne identifizierbare Gene. Ein klassischer Satz wie der, wonach das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile, hat sich auf nahezu allen Ebenen der Forschung als die tiefere Wahrheit erwiesen. Er umschreibt auch das, was Sheldrake mit seiner oft verwendeten Metapher des Feldes meint. Sowohl zur Erklärung der Kristallbildung als auch zum Verständnis der Proteinfaltung oder der Regeneration von Tier- und Pflanzenteilen brauchen wir die Hilfsannahme, dass Teile sich in Erinnerung oder durch Mitwirkung eines immateriellen Ganzen zu dem organisieren, was sie werden. Sheldrake nimmt solche Felder auch für die Erklärung unseres Gedächtnisses an. Wäre Erinnerung nur als materielle Spur im Hirn zu erklären, könnte man  nicht verstehen, warum etwa Tiere trotz gewaltiger Metamorphosen (Raupe zu Falter) oder Zerstörungen großer Hirnareale ihr Erinnerungsvermögen behalten. Oder warum auch Menschen mit ausgeprägtem Wasserkopf einen hohen IQ besitzen können, obwohl ihr Schädel zu 95 Prozent mit Flüssigkeit und nur mit winzigen Spuren von Hirnzellen gefüllt ist. Selbst der renommierte Hirnforscher Eric Kandel weist diesbezüglich daraufhin, dass wir darüber noch sehr wenig wissen: „Für diese Systemeigenschaften des Gehirns werden wir mehr brauchen als das in der Molekularbiologie übliche Vorgehen von unten nach oben.“

Sheldrake verkneift sich aber, anders als Kreationisten und Vertreter des Intelligent Design-Konzeptes, auch ein Vorgehen von oben nach unten. Angenehm unmetaphysisch und un-esoterisch kommt sein Buch daher. Für offene Fragen wird kein Ingenieurs-Gott eingesetzt, der alles weise gerichtet hat. Stattdessen wird die Wissenschaft selbst daran erinnert, dass sie ihre Methodik für solche Horizonte erweitern muss.

Die vollständige Fassung dieses Artikels erschien in der Oktober-Ausgabe von Info3

Rüdiger Sünner lebt als Filmemacher, Musiker und Autor in Berlin.

Rupert Sheldrake: Der Wissenschaftswahn. Warum der Materialismus ausgedient hat. W. Barth 2012, € 24,99

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