Foto: Laufenmühle

Foto: Laufenmühle

Zwei Menschen kommen sich nahe, doch ihre Blicke begegnen sich nicht. Ein langes Umwerben, aber die Gesten finden nicht zueinander: Es ist die typische Spannung von Distanz und Nähe in einer Tanz-Aufführung, eine Szene, aus der sich eine dichte Choreographie entwickelt, so kennen wir es. An diesem Abend aber ist alles überraschend anders: Denn die beiden Tänzer auf der Bühne, eine junge Frau und ein junger Mann, sitzen beide im Rollstuhl, er fast abwesend, gelähmt. Würde man ihm abseits der Bühne begegnen, käme wohl niemand auf die Idee, dass ausgerechnet hier, mitten in einer Inszenierung der Carmina Burana von Carl Orff, sein Platz sein könnte. Sie, mit dem Rollstuhl flink und geschickt um ihn kreisend, lockt ihn – was für ein eigenartiger Paartanz! – bis sie sich schließlich dann doch, wie erlösend, berühren. Und auf einmal sieht man seinen entrückten Blick und die seiner Behinderung geschuldete, überformte Geste der Hand wie bewusste, künstlerische Gebärden.

Die beiden „Tänzer“ im Rollstuhl sind Teil des inklusiven Tanzprojekts Carmina, das am 5. Juli in der Christopherus-Gemeinschaft Laufenmühle Premiere hatte. Tief in der schwäbischen Provinz haben die Visionäre dieser anthroposophischen Einrichtung ein Projekt realisiert, das seinesgleichen sucht: Schüler und Jugendliche mit und ohne Behinderung, Pädagogen, Tanzprofis, Solisten, ein Orchester und ein Chor, rund 300 Mitwirkende insgesamt füllen an drei Abenden eine eigens errichtete Freilichtbühne, die in diesem abgelegenen Tal so wirkt, als sei hier gerade ein Raumschiff gelandet. Auf der mobilen Tribüne gegenüber sitzen  über tausend Zuschauer.

Im Dämmerlicht des Hochsommerabends herrscht heitere Spannung, eine überdimensionierte Puppe unterhält die wartende Menge. Zu Beginn der Aufführung schreitet ein Seiltänzer hoch über den Köpfen des Publikums in Richtung Bühne, und schon beginnt zu den eröffnend-ernsten Klängen jener mittelalterlich gestimmten Vagantenlieder der Tanz.

Am meisten überrascht die Einheitlichkeit des Ganzen. Man sieht gegenläufige Bewegungsrichtungen und sichere Formationen, die sich im Handumdrehen neu gruppieren, schnelles Laufen quer über die Bühne mit Sprüngen – es ist sensationell, wie fließend das alles wirkt. Sicher, da ist manche helfende Hand zu sehen neben einigen, die sich nicht gut allein orientieren können in diesem Gewusel, schließlich gibt es Massenszenen mit 150 Menschen gleichzeitig auf der Bühne. Unterschiede, was die mehr oder weniger gekonnte Ausübung angeht, verschwimmen aber, bald achtet man nicht mehr auf einzelne Figuren, sondern nur noch auf den Zusammenhang.

Dann aber gibt es doch immer wieder ganz ruhige, besinnliche Szenen, in denen einzelne Menschen hervortreten: verschieden gemischte Paare, Mädchen und Jungen, Menschen mit und ohne Behinderung ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Einmal steht die Tänzerin Jo Ann Endicott neben einer jungen Frau, die sich gar nicht rührt, sich vielleicht gar nicht selbst rühren kann, und wickelt einfach zu leisen Klängen einen wehenden Schleier von ihr ab. Die Regungslosigkeit der jungen Frau wird als enorme Kraft und Ruhe spürbar, Schwäche scheint Stärke zu werden. Die ganze Aufführung steckt voll von solchen „inklusiven“ Kunstgriffen, die auf die langjährige „Community Dance“-Erfahrung von Royston Maldoom („Rhythm is it“)  und Wolfgang Stange zurückgehen.

Was alles geschehen musste, wie viel Mühe geleistet, welche Hilfen gespendet und welche Prüfungen bestanden wurden, damit die Carmina zu einer so grandiosen Aufführung werden konnte, darüber wird noch viel erzählt werden. Fortuna, die in den Liedern beschworene Göttin, hatte hier eindeutig ihre Hand im Spiel. Zum Glück wird aber auch für alle, die nicht live in der Laufenmühle dabei sein konnten, ein Film über das ganze Projekt produziert. Mit Sebastian Heinzel (Freiraumwohnung) und Thomas Riedelsheimer (Rivers and Tides) erstellen zwei erfahrene Filmemacher eine Dokumentation mit einem Team, dem auch Menschen mit Behinderung angehören. Man darf jetzt schon gespannt sein auf diesen Blick hinter die Kulissen, der noch mehr darüber verraten wird, wie diese außergewöhnliche Leistung überhaupt möglich wurde. „Was immer du kannst, beginne es“, so hatte Projektleiter Philipp Einhäuser im Programmheft an Goethe erinnert. Gut, dass man das hier beherzigt hat!

Wir haben Philipp Einhäuser für die Septemberausgabe von Info3 angefragt, einen Bericht über die „heiße Phase“ des Projekts zu schreiben, den Charlotte Fischer mit ihren Fotos illustrieren wird.

 

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