Generationenmanifest

Klimaerwärmung, Energiewende, Finanzkrise, mehr soziale Gerechtigkeit in Deutschland und global – es sind keine kleinen Ziele, die sich ein neues Bündnis auf die Fahnen geschrieben hat, das seit dem 6. Juni unter dem Stichwort „Generationenmanifest“ seinen Weg durch den deutschen Medienwald begonnen hat. Zur Initiatorengruppe gehören Prominente aus der Unterhaltungsindustrie (Benno Führmann, Marius Müller-Westernhagen) ebenso wie theoretische Köpfe (Harald Welzer, Niko Paech) und Best-Practice-MacherInnen wie die Schulvisionärin Margret Rasfeld oder GLS-Vorstand Thomas Jorberg. Die 28 ErstunterzeichnerInnen rufen mit Blick auf die im September anstehenden Wahlen die Politik zu einem großangelegten Dialog für die Zukunft auf. Es geht ihnen um die „Bildung einer großen gesellschaftlichen Koalition für Nachhaltigkeit und eine aktive Zukunftsgestaltung“. „Wir sind die Politik. Wir sind die Wirtschaft“, schreiben die InitiatorInnen. Wir sind das Volk, möchte man ergänzen, denn kaum überhörbar zieht sich diese Anspielung und Hoffnung auf die ganz große Massenbewegung durch ihren Aufruf. Das ist nicht verboten, aber doch sehr ambitioniert – und die Frage stellt sich, was dieses Manifestes inhaltlich bietet, das einen solch hohen Gestus rechtfertigt.

Der Zustand unseres Planeten und der Gesellschaft ist Rechtfertigung genug, da kommt jede Initiative nur recht, wird man denken. Das stimmt, und alle Beteiligten tun ja auch schon konkret etwas für den Wandel. Dennoch bin ich hin- und hergerissen. Ich schätze viele der ErstunterzeichnerInnen, kenne manche von ihnen persönlich und habe keinen Anlass, an ihrem glaubwürdigen Einsatz für Alternativen zu zweifeln. Im Gegenteil: Den von ihnen betriebenen nachhaltigen Projekten ist weiteste Verbreitung zu wünschen. Ich frage mich aber, ob ein solches „Manifest“ über die Öffentlichkeitswirkung hinaus wirklich etwas für den Fortschritt auf den zurecht eingeklagten Reformfeldern beiträgt. Vor allem bezweifle ich bei näherem Hinsehen, ob der – sich durch fast alle gesellschaftlichen Bereiche ziehende – Forderungskatalog des Manifestes wirklich tief genug ansetzt: ein klares Bekenntnis zur Energiewende, Kontrolle der Banken, Armutsbekämpfung, Mindestlohn und mehr soziale Gerechtigkeit – ist das nicht alles z.B. im Rahmen grün-sozialdemokratischer Politik schon abgedeckt? Das wäre an sich kein Fehler, aber wenn sich zentrale Forderungen in deren Wahlprogrammen bereits finden, stellt sich die Frage, warum sich diese Initiative eigentlich so sehr den Schuh der Politiker-Schelte anzieht. Was glaubt sie mit ihren Mitteln zur Verwirklichung beisteuern zu können, was eine gewählte Regierung nicht könnte? Eine weitere Frage: Tickt das „Generationenmanifest“ wirklich so ganz anders als der Politikbetrieb, den es kritisiert? Mit ihrer beiläufigen Kritik an dem Adjektiv „alternativlos“ etwa sammelt der Text zwar rhetorische Pluspunkte bei Kritikern der Bundeskanzlerin, die diesen Terminus bekanntlich in Bezug auf die Euro-Rettungspolitik prägte. Auf der Utopia-Plattform der Mit-Initiatorin des Manifestes, Claudia Langer,  erscheinen indessen selbst Beiträge, die sich für die „alternativlose“ Eurorettung bisheriger Prägung, wenn auch aus ökologischen Gründen, einsetzen http://www.utopia.de/magazin/brauchen-wir-den-euro-wirklich-eurorettung-finanzkrise-wirtschaftskrise. Das mag begründbar sein – ist dann aber mit dem radikal auftretenden Pathos dieses Manifestes nur schwer vereinbar. Bei manchen Themen sind Organisationen wie Greenpeace (Klimawandel), Die Linke oder auch die „Alternative für Deutschland“ (Eurokrise) inhaltlich deutlich weitgehender als die Forderungen des Manifestes.

Sein leicht diffuser Duktus kommt besonders auf dem – zweifellos zukunftsentscheidenden –  Feld der Bildungspolitik zum Vorschein: Hier fordert das Generationenmanifest „eine umfassende bundeseinheitliche Reform des Schul- und Ausbildungssystems“, damit wieder Lust am Lernen entstehe – und auch hier frage ich mich, wer eigentlich einer solchen Forderung nicht zustimmen würde? Interessanter wäre es zu erfahren, wie die von allen Kennern der Materie seit Jahrzehnten beklagte, lähmende Kluft zwischen vorhandenem pädagogischem Wissen bzw. Erfahrung und realer Bildungspolitik überwunden werden könnte? Und vor allem: welche inhaltlichen Ansätze schweben den Initiatoren als Beispiele für einen Wandel zum Besseren denn eigentlich vor? Ich bin sogar sicher, dass hier spannende Antworten zu hören wären – man hört sie aber nicht.

Auch hier geizt das Manifest mit konkreten Vorschlägen und Inhalten. Mein Eindruck ist insgesamt: Was hier formuliert wird, tut nicht wirklich weh. Verzichtet auf eure Autos! Verschenkt zehn Prozent eurer Einkommen! Besteuert den Fleischkonsum! Forderungen dieser Art wären weit unbequemer, aber wohl auch in der Folge wirksamer als pauschale Forderungen für eine irgendwie bessere Welt, an denen es in der Politik ja auch jetzt schon nicht mangelt. Vielleicht irre ich mich, und dieses „Generationenmanifest“ wird allein durch seine breite Streuung in den Medien eine verändernde Wirkung entfalten. Vielleicht erreicht es durch den Einbezug von Prominenten ganz neue Kreise, die sich bisher von diesen Themen nicht angesprochen fühlten. Vielleicht führt es aber – gleichzeitig – auch dazu, dass in Nachhaltigkeitskreisen noch einmal stärker über den Faktor von Theorie und Begriffsschärfe nachgedacht wird. Vermutlich braucht der Weg zu mehr Wandel beides?