Heinrich Böll nannte es das „Jahrhundert der Flüchtlinge“, das war das 20. Jahrhundert. Aber es reicht ins 21. Jahrhundert hinein und wird dort erst seinen Gipfel erreichen. So wie wir im Mittelmeer eine Neuauflage der Boat-People haben, so auch in der Straße von Malakka und im Indischen Ozean, so auch in der Karibik. Diese Menschen können nicht mehr am Boden ihr Heil in der Flucht suchen, sondern nur noch auf dem Wasser. Aber sie fahren nicht los wie einstmals jene, die sich in Hamburg, Bremerhaven, Rotterdam, Palermo, Genua und anderen Orten in dicke Kähne einschifften, um den gelobten Kontinent Vereinigte Staaten von Amerika zu erreichen. Sondern in der tiefen Nacht, heimlich, mit Bestechung der einheimischen Küstenwache, mit der Aufbringung eines kleinen Fischerbootes verlassen sie ihr Heimatland, um nur ja den Unterdrückungen, den Umerziehungslagern, aber auch den miserablen Überlebensbedingungen zu entkommen.

Warten auf Online-Termine

Jetzt haben wir zwei neue Kategorien von Bootsflüchtlingen. Wir haben die, die in letzter Not der Hölle von Damaskus, Jarmuk, Homs, Aleppo, Rakka, Kobane entfliehen können und die es dann mit der üblichen Pedanterie unserer bürokratischen Voraussetzungen zu tun bekommen: Diese Syrer müssen sich einen Termin – wohlgemerkt: online – bei der jeweiligen Deutschen Botschaft besorgen. Den bekommen sie in vier bis acht Wochen, aber so lange können diese Frauen, Mütter, Väter, Kinder nicht im Libanon oder in Lagern in der Türkei oder in Jordanien bleiben. Sie machen sich mit dem letzten Geld in der Tasche auf den Weg an eine Küste. Dort lagern die Schlepper-Schleuser-Anbieter, die ihnen für dickes Geld eine lebensgefährliche Passage an die Küsten eines Schengenstaates wie Italien, Griechenland oder Malta anbieten.

Es gibt in Südostasien verfolgte, als mindermenschlich angesehene muslimische Rohingas, die als verachtete Minderheit in Myanmar/Burma leben und dort nicht gelitten sind, wie auch die Karen. Alle suchen ihrer Heimat zu entkommen, weil ihnen dort kein Leben mehr möglich erscheint. Aber die Staaten Südostasiens sind knochenhart, Mitleid: nie gehört, Barmherzigkeit: no comment. Und zu den hartherzigen Staaten Südostasiens gehört auch ein westliches Land, der Kontinent Australien, der hat im letzten Moment eine geniale, aber eine ganz unmenschliche Lösung gefunden. Er kauft sich eine Insel, wie Nauru beziehungsweise Vanuatu, und setzt die Bootsladungen dort ab. Wie sagt man französisch: Honi soit qui mal y pense. Verdammt sei, der schlecht darüber denkt.

Dann gibt es eine zweite Kategorie von jungen Menschen aus dem demographisch unerhört starken Kontinent Afrika. Nicht aus einigen wenigen Staaten kommen diese jungen Menschen, die alle nicht politisch verfolgt sind. Dummerweise haben wir uns in Deutschland eingebildet, jeder, der zu uns kommen will, sei politisch verfolgt und solle einen Asylantrag stellen. Da baden wir dann in unserer Großzügigkeit. Aber diese jungen Menschen sind – bis auf eine Ausnahme: die Eriträer – nicht verfolgt, sie suchen das, was Albert Camus ein Menschenrecht aller Menschen genannt hat: ihr Glück, the pursuit of happiness. Diese Worte strahlen uns aus den Verfassungsurkunden entgegen, aber sie sollen – bitteschön – nur uns wertvollen Menschen gelten.

Deshalb müssen wir das tun und nachholen, was wir vor zehn Jahren hätten energisch beginnen sollen. Eine Berufsausbildungsoffensive und eine Investitionsinitiative starten, konzentriert in einigen wenigen Ländern Afrikas, um das Grau in Grau aufzuhellen. Und: Wir müssen eine Rettungsaktion so lange organisieren, wie es Menschen, Kinder, Jugendliche gibt, die in Seenot sind.

 

Vorbild italienische Marine

Wir müssen unser System nach dem US-Vorbild ändern. Alle, die zu uns kommen, sollten vom ersten Tag an arbeiten und etwas verdienen können. Dann können sie, wie in dem US-System üblich, die Hälfte des Fluges oder der Schiffspassage mit dem ersten Geld zurückzahlen. Das Schlimmste, was wir diesen Menschen in Deutschland antun, ist, dass sie nicht sofort Deutsch lernen und arbeiten müssen, nicht nur dürfen.  Wir dürfen diese Menschen nicht Monate und Jahre still stellen, an einem Platz festhalten.

Die EU hat alles das noch nicht richtig erkannt. Sie hat noch keine gemeinsame Flüchtlingspolitik. Dieses mein Europa ist nicht das Europa, wovon wir in unseren jugendlichen Visionen geträumt haben. Dieses Europa muss erst noch werden. Helfen wir Bürger der Politik! Wir machen am 19. Juni auf dem Roncalliplatz in Köln das, was für uns in Europa angemessen ist: Einen großen Bitt-Gottesdienst mit allen Bürgern, mit Christen, Muslimen, Jesiden. Einige ausgewählte Flüchtlinge werden über ihre wahnsinnige Flucht berichten, die Gläubigen und die Bischöfe werden beten für die Verstorbenen in den Fluten des Mittelmeeres, hoffnungsvolle junge Menschen. Wir werden am 19. Juni der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ (so Papst Franziskus auf Lampedusa) den Kampf ansagen. Wir werden Geld für eine große Berufsausbildungsschule mit Wohnbereich sammeln.

Es muss auf dem Mittelmeer jetzt dreierlei geschehen, und wir sind immer noch unsicher, ob die Brüsseler Beschlüsse vom 23. April dafür ausreichend sind. Einmal muss das Mare Nostrum-Programm wieder aufgenommen werden, das dazu geführt hat, dass bis zu 100.000 Menschen aus Seenot gerettet wurden. Ein besseres und gewaltigeres Beispiel für das biblische Programm  „Schwerter zu Pflugscharen“ wird es sobald nicht geben. Militärische Marine-Schiffe, Fregatten und Korvetten waren sechs Monate dabei, sich bei der Rettung ungeheure Verdienste zu erwerben. Ich hoffe immer noch auf den Friedensnobelpreis für die italienische Marine.

Jetzt müsste das in einer Art EU-Serie wieder aufgenommen werden, sechs Monate die deutsche Bundesmarine, sechs Monate die spanische und so weiter. Gleichzeitig sollte der Deutsche Bundestag vorangehen, weil es auf EU-Ebene noch keine juristisch ausgewiesene gemeinsame Vorgehensweise gibt. Er sollte deutschen Reedern die Unkosten ersetzen, wenn ihre Schiffe durch Rettungsmanöver einen Ausfall-Schaden verursachen. Außerdem sollten Kapitäne solcher Schiffe, die nicht nur einen Sinn für den „ETA“, den „expected time of arrival“, im kommerziellen Sinne haben, sondern die Mitleid mit den Menschen im Wasser haben und sie retten, belohnt werden, öffentlich.

Drittens sollten sich auch private Agenturen an der Hilfe beteiligen. So wie es schon zwei Initiativen gibt: Die des Kapitän Höppner aus Brandenburg mit seinem Schiff Seawatch, sowie die des Berliner Ex-Kapitäns Klaus Vogel, der am 8. Mai  im Verein mit französischen und italienischen Kollegen die Initiative SOS Mittelmeer aus der Taufe gehoben hat und gleichzeitig in diesen Tagen schon nach einem tauglichen Schiff sucht, mit dem er retten kann.

Flüchtlinge werden wir immer um uns haben, sie werden uns begleiten. Sie können uns auch bereichern. Wir haben an der vorbildlichen Art und Weise, wie sich nach 1978 die vietnamesischen Boat-People bei uns einen Platz erobert haben, erlebt, wie gut es für uns sein kann, andere Menschen anderer Kulturkreise bei uns zu haben. ///

 

Rupert Neudeck ist Mitorganisator des Rettungsschiffs Cap Anamur, das von 1979 an tausende vietnamesische Boat-People rettete.