patchwork

Patchwork, das ist die Verwertung von Material, das in seiner ursprünglichen Funktion nicht mehr verwendbar ist. Der Begriff hatte auf Familie bezogen schon immer einen ambivalenten Beigeschmack – ist das Flickwerk oder wird aus diversen Einzelteilen eine neue Gesamtkomposition? Die Familientherapeutin Renate Hözer-Hasselberg hat zusammen mit Jens Heisterkamp ein Buch zum Thema geschrieben.

Flick- oder Kunstwerk – auf Familienkonstellationen angewendet umfasst Patchwork genau dieses Spannungsfeld und ist heute mehr denn je eine Lebensform, die ein hohes Maß an Bewusstheit voraussetzt: Was bunt zusammengewürfelt wird, kann ein stimmiges Muster ergeben, aber das ist mit dem Material erst einmal nicht gegeben. „Patchwork braucht viel, viel mehr Sorgfalt, Achtsamkeit und Einsatz als eine Erstbeziehung“, sagen die Autoren. Das gilt insbesondere für die Gestaltung der Beziehung zu den Kindern, die einer der Partner oder beide in die neue Beziehung einbringen. Wohltuend klarsichtig formulieren die Autoren die Basis des Beziehungsgeflechts: Am Anfang von Patchwork steht die neue Partnerschaft zweier erwachsener Menschen; es ist nicht davon auszugehen, dass diese Verbindung auch für die Kinder konsenfähig ist.  Diese nüchterne Betrachtung verdeutlicht, wie groß das Konfliktpotenzial in Patchworkfamilien sein kann. Das Wohl der Kinder hat höchste Priorität – nur wenn ihre Gefühle und Bedürfnisse berücksichtigt werden, so die Autoren, könne Patchwork auch von ihnen als durchaus bereichernder Beziehungszuwachs erlebt werden. Umgekehrt kann Patchwork für Kinder eine immense Belastung darstellen – etwa dann, wenn das neue „Elternpaar“ sich gegen das Kind solidarisiert. Patchwork als Thema buchstabiert soziale Tugenden, die wir alle im Zusammenleben brauchen und ist eine Art Lackmustest für unsere Beziehungsfähigkeit. „Kreative Antworten auf die so unterschiedlichen Anforderungen einer Patchwork-Familie entwickeln zu können, das ist, wenn es gelingt, nicht nur ein persönlicher Erfolg, sondern auch ein Zugewinn an sozialer Sensibilität und Humanität für die ganze Gesellschaft.“

Historisch betrachtet ist die moderne Kleinfamilie längst nicht mehr die einzige Basis für Fürsorge und Erziehung eigener oder adoptierter Kinder. Die Möglichkeiten, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, gelten grundsätzlich für alle Menschen, gleich welches Geschlecht oder welche sexuelle Orientierung Menschen haben; daraus haben sich vielfältige Formen des Miteinanders ergeben. Die Reproduktionsmedizin hat ihrerseits Weichen für diese Entwicklung gestellt.  Deshalb ist Familie heute, wie die Autoren betonen, weitaus mehr eine soziale denn eine leiblich gebundene Lebensform und als solche setzt sie ein hohes Maß an verantwortungsvoller Entscheidungsfähigkeit voraus. Patchworkfamilien entstehen aus Wahlfreiheit, sie sind ein bewusst gewolltes Alternativmodell zur traditionellen Kleinfamilie. Das ist historisch neu.

Fallbeispiele und Leitsätze, textlich hervorgehoben, durchziehen das schmale Bändchen – das Layout selbst wirkt wie eine Spielart von Patchwork und verarbeitet teils schwere Kost im kleinteiligen Miteinander, in dem sich die einzelnen Teile ohne Anspruch auf Vollständigkeit wechselseitig befruchten. Das ist überaus anschlussfähig für die Leser und bildet eine zentrale Botschaft des Textes auch formal ab: Patchwork kann durchaus ein Gewinn sein, mehr als die Summe seiner Teile, eine neue Gestalt, die bereichernd sein kann. Die Lektüre ist es auf eine unkomplizierte Art allemal.

 

patchwork

Renate Hölzer-Hasselberg mit Jens Heisterkamp: Entwicklungschance Patchwork. Wahlfamilien auf dem Weg zu neuen Beziehungsfähigkeiten. Info3-Verlag 2016, 110 seiten, € 12,-.

Hier direkt beim Verlag bestellen.