Wie ist Dein Interesse an Russland entstanden?

Ich habe schon in der Schule in Österreich Russisch gelernt und mich als Journalist während der Jelzin-Zeit mehrere Monate in Moskau aufgehalten, um den damaligen religiösen Aufbruch zu verstehen. Damals herrschte in Russland eine West-Euphorie, alles was aus Amerika kam, wurde aufgesogen. Damals habe ich Reportagen über das sich nach der sowjetischen Ära neu formierende orthodoxe Christentum gemacht und hatte dabei sehr eindrückliche Erfahrungen. Eine davon waren Besuche in Klöstern rund um Moskau. Die Stadt hat ja einen ganz sakralen Grundriss und dazu gehört auch ein Kreis von Klöstern rund um die Hauptstadt. Eines dieser Klöster wurde damals von enthusiastischen jungen Nonnen wiederhergestellt. Was mich damals besonders beeindruckte: direkt vor dem Kloster waren noch die Überreste von Bunkern, die damals den deutschen Vormarsch gestoppt hatten. Jetzt renovierten junge Menschen dieses Kloster mit einem geradezu urchristlichen Spirit. Ein Detail: die Wände der Kirche wurden zwar ausgemalt, aber nur in Weiß. Auf meine Frage, warum denn hier keine der schönen Ikonen gemalt wurden, erhielt ich zur Antwort, dass diese Wände erst durch jahrelanges Gebet und Kultus lebendig gemacht werden müssten, damit sie dann Ikonenmalereien tragen könnten. Diese echt mystische Seite des orthodoxen Christentums hat mich beeindruckt. Eine ganz andere Erfahrung hatte ich bei einem Interview mit einigen Vertretern der kirchliche Hierarchie am Hauptsitz der orthodoxen Kirche, und mein bleibender Eindruck war eine mich tief beunruhigende Atmosphäre von einem unbedingten Machtwillen. Dieser Eindruck hat sich dann später in der Verschmelzung von russischer Orthodoxie und Staatsmacht leider bestätigt.

 

Eurasien-Visionär Alexander Dugin

Wie hängen nun die Intentionen eines Alexander Dugin heute mit solchen Bestrebungen zusammen?

Dugins Feindbild ist der Liberalismus. Dessen Ziel bildet seiner Ansicht nach die radikal von allen Bedingungen befreite Individualität, die von keinen kollektiven Zusammenhängen wie Glaube, Volk oder Nation mehr abhängig ist. Die russische Identität dagegen ist für ihn fast von Beginn an wesentlich religiös-christlich definiert, also eine tausendjährige Geschichte im Zeichen dieser orthodoxen Identität, die ihren äußeren Ausdruck heute in der Staatsmacht Putins findet. Diese religiöse Identität in Russland muss sich wieder finden und soll dann einen Führungsanspruch in einem eurasischen Rahmen übernehmen. Der Liberalismus steht für Dugin an einem Punkt, wo er sich zu Tode gesiegt hat, er hat im Westen alle seine Gegner besiegt: den Nationalismus, den Faschismus und den Sozialismus. Er ist die Ideologie der grenzenlosen Freiheit, die aber todesorientiert ist und keine Zukunft mehr hat. Und sie wird abgelöst werden von dem, was Dugin die „vierte politische Theorie“ nennt.

 

Das alles tritt bei ihm allerdings nicht als Diskussionsbeitrag auf, sondern als etwas, das sozusagen mit weltgeschichtlicher Notwendigkeit durchgesetzt werden muss. Woher kommt bei ihm die Gewissheit, dass die liberale Welt am Ende ist?

Für Dugin ist der Liberalismus wesentlich ein nihilistisches Projekt. Am stärksten kam das für ihn vor einigen Jahren in den Aktionen der Pussy Riot-Frauen zum Ausdruck, die er wörtlich als „Aktionen des Satans“ bezeichnet hat. Der Punkt, an dem der Liberalismus sein Extrem erreicht hat, ist für Dugin die Gender-Debatte, weil diese auch noch die letzte natürliche Ordnung, die der Einteilung in zwei Geschlechter, auflösen will. Deshalb auch sein Hass auf die Lesben- und Schwulenbewegung. Für Dugin hat der Liberalismus einen Punkt erreicht, wo er in Selbstzerstörung übergeht.

 

Übersieht er nicht, dass im Mittelpunkt einer liberalen Weltsicht universelle Werte wie die Menschenrechte, stehen, der Einsatz für Gleichberechtigung und Teilhabe, was ja durchaus nicht nihilistisch ist?

Gerade die Menschenrechte sieht Dugin als reine Ideologie des Liberalismus und lehnt sie als geradezu rassistischen Übergriff des Westens auf andere Kulturen ab. Er verdreht also die Verhältnisse: die Menschenrechte seien eine Verabsolutierung von nur regional begründeten Werten des angelsächsischen Liberalismus. Den russischen Nationalismus, den er dagegen setzt, definiert er als Widerstand gegen den Individualismus. Er betreibt also ein Doppelspiel: Alle Kulturen sollen in ihrer Eigenständigkeit sich ausleben dürfen, es gibt aber keine allgemein verbindlichen Werte, jede Kultur soll für sich bleiben. Und natürlich gibt es für ihn eine Hierarchie der Kulturen.

 

Also die russische Spielart der identitären Ideologie. Ein Dugin zugeschriebener Satz lautet: „Allein Macht ist real.“ 

Dugin denkt hier letztlich ganz nietzscheanisch: Das Eigentliche ist der Wille zur Macht. Und die russische Orthodoxie unterstützt er persönlich weniger aus religiösen Gründen, sondern weil die Orthodoxie identitätsstiftend ist für die Macht der russischen Kultur. Ethik und Religion an sich interessieren ihn nicht, sondern die Tatsache, dass aus der Religiosität Lebenskraft und Stärke kommt für den Kampf der Kulturen untereinander. Das läuft für mich letzten Endes auf ein Denken hinaus, das ähnlich auch die Nationalsozialisten mit ihrer Ideologie der Überlegenheit und des Kampfes der Völker verfolgten.

 

Während die neurechten Vertreter im westlichen Europa ihre Motive ja immer noch zumindest sprachlich eher verstecken, bekennt sich Dugin offen zu der Aggressivität seines Weltbildes, zu dem ja auch die Zerstörung der EU gehört.

Er geht sogar weiter: Er spricht dezidiert von der angestrebten Unterwerfung Europas, weil das westliche Europa für ihn degeneriert ist und die gesundenden russischen Kräfte braucht, um zu eigener neuer Lebensfähigkeit zu finden. Er spricht von einer militärischen und politischen Unterwerfung unter Russland. Das ist dann seine Vision eines Eurasien von Wladiwostok bis Lissabon.

 

Und in Westeuropa steigen jede Menge Neurechte auf dieses Konzept ein?

In gewisser Weise ist das eine Neuauflage der von der UdSSR gesteuerten Kommunistischen Internationale, nur wir es diesmal mit einer rechtsautoritären Internationalen zu tun haben.

 

Seine Sicht hat insofern auch eine verständliche Seite, als viele, nicht nur rechtsgerichtete Zeitgenossen, ebenfalls einen überzogenen Individualismus kritisieren – in den westlichen Gesellschaften fehlt es an echtem Zusammenhalt, viele Menschen leben anonym nebeneinander her, sehnen sich nach größeren Zielen als sie der Konsum bietet.

Dugin bringt den Hyper-Individualismus in das Bild des atomisiert vor seinem Bildschirm sitzenden Internet-Benutzers – und das ist insofern gefährlich, weil Dugin die Finger hier in eine wirklich bestehende Wunde legt. Und sein Versprechen ist, dass er in der Krise des Liberalismus nicht zurück, sondern einen Schritt nach vorn tun will – die vierte politische Theorie, wie er es nennt. Das ist intelligent! Aber in der Realität sind es vollkommen regressive Antworten, die er anbietet. Hierarchie, politischer Vitalismus, traditionalistische Religion.

 

Warum ist es wichtig, sich mit Dugin auseinanderzusetzen?

Weil es wichtig ist, die Feinde der offenen Gesellschaft zu studieren!

 

Wie sähe eine wirklich positive Antwort auf die Schwächen des Liberalismus aus?

Der entscheidende Unterschied muss darin liegen, dass das neue Gemeinschaftliche nicht hierarchisch von oben und nicht traditionalistisch aus der Vergangenheit kommen kann, sondern aus einem dialogischen Diskurs entstehen muss – Habermas hat vom herrschaftsfreien Diskurs gesprochen, in dem gemeinsame Werte gefunden und vereinbart werden. Und in der Überwindung traditioneller gesellschaftlicher Rollen entstehen ja auch ganz neue Formen von Gemeinschaft.

 

Habermas ist die mehr gesellschaftspolitische Sprache, für den spirituellen Bereich hat Steiner die Formel von einem „Kultus von unten“ geprägt. Die Idee, dass ein neuer Zugang zum Heiligen – was ja auch Dugin sucht – eben nicht hierarchisch von oben gegeben wird, sondern sich von unten nach oben bildet?

Dieses neue Heilige, das sich aus dem freien Verbund einer Gemeinschaft neu bildet, hat Habermas noch nicht im Blick gehabt. Was Steiner mit „Kultus von unten“ meint, scheint mir gerade das Gegenteil von Traditionalismus, Macht und Dogmatik zu sein. Ich denke, wir müssen Dugins Kritik des kontextlosen und gottlosen Individualismus ernstnehmen, auch seine Kritik des Absolutheitsanspuchs der neoliberalalen Wirtschaft. Aber sein Projekt läuft auf einen Kampf der Kulturen hinaus. Eine progessive Antwort wäre eine neue Dialogkultur. Eine Dialog der Weltkulturen, aber auch eine Dialogkultur, in der das Heilige sich nicht primär in Dogma, Tradition und Hierarchie zeigt, sondern aus einer gemeinsamen, freien Suchbewegung entsteht. Eine solche progressive Spiritualität wäre auch eine Antwort auf Dugin. ///

 

Aus der Ausgabe 2/2017 der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog. Hier kostenlos und unverbindlich ein Probeheft anfordern.

 

 

 

 

 

 

Dr. Thomas Steininger ist Herausgeber des „evolve“ Magazins, Leiter des evolve-Radio, Philosoph und Vordenker einer dialogischen Bewusstseinskultur. Er lebt in Frankfurt am Main in direkter Nachbarschaft des Info3-Verlags.