Faust (Bodo Bühling) im Studierzimmer © Georg Tedeschi

Faust (Bodo Bühling) im Studierzimmer © Georg Tedeschi

Ich werde es also wagen und reise das erste Mal zu einer Faust-Tagung am Goetheanum: Drei Tage „Faust“, Teil I und II ungekürzt – fast 18 Stunden Theater! Als ich am Morgen in der Wandelhalle eintrudele, herrscht entspannte Frühstücks-Atmosphäre. Gleich geht es los mit dem ersten der beiden Vorträge: Johannes Kühl spricht über „Erkenntnis und Liebe“. Später in der Mittagspause wehen Panflötenklänge über den Hügel, doch mit dieser Idylle ist dann erst einmal Schluss: Ab in den Großen Saal, ins Dunkle – es startet „Faust I“, Zueignung bis Garten. Ist es die Quiche, die mir schwer im Magen liegt, ist es der Kontrast zwischen dem herrlichen Wetter draußen und dem dunklen, grottenartigen Saal? Jedenfalls befürchte ich, während der Monologe im Studierzimmer gleich einzuschlafen. Und das wohlgemerkt nach gerade einmal einer Stunde Theater.

Barbara Stuten als Hexe in der Hexenküchen-Szene © Georg Tedeschi

Barbara Stuten als Hexe in der Hexenküchen-Szene © Georg Tedeschi

Die folgenden actionreicheren Szenen sind meine Rettung. Das Mittagstief ist überwunden, die Konzentration wieder da. Vor unseren Augen entfaltet sich das bekannte Drama Stück für Stück. Gegen zehn Uhr am Abend ist der komplette erste Teil „geschafft“: sechs Stunden „Faust I“, vom Studierzimmer über Auerbachs Keller bis zur Hexenküche, vom Garten und Dom bis zum Kerker. Kurz vor dem Finale dann eine überbordende Walpurgisnacht und ein ausgedehnt inszenierter Walpurgisnacht-Traum mit allem Drum und Dran: Eurythmie und Tango, Rock ’n Roll und – na sowas! – ein rappender Faust!

 

Heiliger Duktus

Gretchen (Elena Conradt) im Kerker © Georg Tedeschi

Gretchen (Elena Conradt) im Kerker (© Georg Tedeschi)

Dabei umweht die „Faust“-Aufführungen und -Tagungen am Goetheanum ein gewisser heiliger Duktus. Ab 1915 inszenierte Rudolf Steiner in Dornach einzelne Szenen aus Goethes „Lebensgedicht“, in zahlreichen Vorträgen hat er den umfangreichen Klassiker kommentiert und gedeutet. 1938 fand dann am Goetheanum die Welturaufführung des kompletten, ungekürzten „Faust“ unter der Federführung von Marie Steiner statt. Nach zwölf Jahren Pause hat die 75. „Faust“-Inszenierung am Goetheanum schon im Vorfeld für einigen Wirbel gesorgt – man hörte von Querelen und Kompetenzstreitigkeiten unter den verschiedenen verantwortlichen Mitwirkenden. Nach den ersten Voraufführungen im Sommer 2015 gab es teilweise heftige Kritik an der wahlweise etwa als umstürzlerisch oder auch als seicht und beliebig empfundenen Inszenierung von Christian Peter und seinen Regie-Kolleginnen Margarethe Solstad (Eurythmie) und Andrea Pfaehler (Schauspiel).

Das Projekt ist in jedem Fall gewaltig. Das wirklich gut gemachte Programmheft enthält nicht nur tolle Szenenbilder und interessante Beiträge aus unterschiedlichen Perspektiven, sondern verrät auch: 17 Schauspieler spielen 128 Rollen, 23 Eurythmisten 125 Rollen. Für die Neuinszenierung wurden rund 600 Kostüme neu hergestellt. Die Produktionskosten betragen rund sechs Millionen Franken – ein immenser Betrag, der ohne öffentliche Subventionen ausschließlich durch Eigenmittel, Spenden und den Kartenverkauf aufgebracht werden muss.

 

Mehr Theater, weniger Sprachgestaltung

Faust II, Weitläufiger Saal (© Georg Tedeschi)

Faust II, Weitläufiger Saal (© Georg Tedeschi)

In den Pausen gibt es immer wieder schöne Begegnungen mit anderen Besuchern. Eine reizende ältere Dame erzählt mir, dass sie vor 53 Jahren (!) als Zwanzigjährige zum ersten Mal auf einer „Faust“-Jugendtagung war. Manche ihrer Bekannten, sagt sie, wollen nicht zur Neuinzenierung kommen, weil sie die früheren Tagungen so schön in Erinnerung haben und in Sorge sind, dieses Bild zu zerstören. „Aber ich bereue es nicht, ich finde den neuen Griff gut“, sagt sie. „Ich würde die alte Inszenierung heute gar nicht mehr sehen wollen.“ So ähnlich drücken sich viele aus, mit denen ich ins Gespräch komme. „Das war ja früher eigentlich weniger Theater, sondern vor allem Sprachgestaltung und Eurythmie“, erzählt mir meine Sitznachbarin.

Auch jetzt noch muss ein großer Anteil der Dialoge frontal zum Publikum gesprochen werden, weil die grausige Akustik des Saales sonst alles verschluckt – eine Zumutung für jeden Regisseur, der zwischen den Darstellern echte Interaktion entwickeln will. Einiges, was vermeintlich revolutionär daherkommt – Musik-Zitate aus Rock und Pop, Musical-artige Tanz- und Gesangseinlagen, eine Zigarette auf der Bühne – mag auf unvoreingenommene Besucherinnen harmlos wirken, bringt hier aber doch so manches Blut in Wallung. Viele Regie-Einfälle sind wirklich witzig, andere lassen mich etwas ratlos zurück. Einen Überbau, einen roten Faden der Inszenierung in diesen vielen Stunden zu erkennen, fällt mir schwer.


Wegweiser durchs Einweihungs-Dickicht

Der zweite Morgen startet mit Michaela Glöcklers Vortrag mit dem etwas vagen Titel „Schaffen und Gestalten“, der sich jedoch als eindrucksvoller Wegweiser durch das Dickicht des Dramas und Fausts Entwicklungs- und Einweihungsweg erweist. Eine echte Hilfestellung, um in den kommenden Stunden zumindest im Großen und Ganzen den Überblick zu behalten! Derart gestärkt geht es nach der Mittagspause an „Faust II“, erster Akt. Der Karneval am Kaiserhof: ein Augen- und Ohrenschmaus! Ein Hauch von Bollywood weht durch den ehrwürdigen Saal, als sich Tanz- und Musikeinlagen abwechseln, prächtige Kostüme, sogar ein lebensgroßer indischer (Papp-)Elefant wird auf die Bühne geschoben.

„Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis …“ – am Ende gilt der freundliche Applaus, so habe ich den Eindruck, sowohl den Schauspielern und Eurythmisten, als auch dem Publikum selbst, das diese Tour de Force durchlebt hat. Man ist ein bisschen stolz, durchgehalten zu haben. Als ich ein Foto vom Schlussapplaus auf der Info3-Seite auf Facebook poste, lautet ein Leserinnen-Kommentar: „Vor etwa 30 Jahren wurde man von tödlichen Blicken durchbohrt, wenn man applaudiert hat und ganz besonders schlimm war’s bei Mephisto. Die Leute nahmen beim Rausgehen mindestens drei Meter Abstand von uns“. Ich glaube, das hätte mir keinen Spaß gemacht. Es gibt sie doch, die Gnade der späten Geburt! Ein entrümpelter Goetheanums-„Faust“ – ein Anfang ist gemacht.


Weitere Termine:

13.-15.05. Faust-Pfingsttagung, 19.-23.07. Faust-Sommertagung, 25.-29.07. Faust-Jugendtagung
www.faust2016.ch