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Neulich fiel mein Blick auf die Anzeige einer jungen Frau, die den Mann ihrer Träume sucht: „Du kommst vom Büro nach Hause und während unsere Kinder mit der Katze spielen, machen wir es uns auf dem Sofa gemütlich.“ Fast hörte ich innerlich das leisen „Blobb“, mit dem die Rotweinflasche auf dem Sofa entkorkt wird, doch so lange ich auch in meinem mentalen Erinnerungsbuch auf- und abscrollte, der Eindruck blieb, dass diese junge Frau den Aufmerksamkeitshunger und den Okkupationsdrang von kleinen Kindern nach einem langen Tag der Entbehrungen massiv unterschätzte.

Wie der Wahnsinn der Normalität aussieht, wissen wir längst; und es gibt viele verzweifelte Mütter, die mitunter sehr selbstironisch witzige Bücher darüber geschrieben haben, wie sie als „Supermom“ den „Schnulleralarm“ überlebt haben, trotz Büro und trotz Kanzlei und trotz Supermarktkasse. In der neuen Gattung der Schnulleralarmbücher von väterlicher Seite, die seit Einführung der – seien wir mal wohlwollend – näherungsweise geschlechtergerechten Elternzeit aus dem Boden sprießen, fehlt diese Ironie häufig, was daran liegen mag, dass die Väter – bleiben wir mal realistisch – ihr halbes Jahr Elternzeit meist ebenso frischgebügelt verlassen, wie sie es betreten haben: Es bleibt eine Episode. Selbstironie gedeiht hingegen nur dort, wo es um das nackte Überleben geht. Mehrfachbelastung bleibt ein Mütterthema. Die Zahl der Burnouts unter Müttern steigt laut Müttergenesungswerk drastisch und kontinuierlich.

Nicht von ungefähr besteht die fragwürdige Pointe so mancher Supermom-Story darin, dass die Erzählerin zuletzt ihren Job zu kündigt, um die Doppelbelastung aufzulösen. Doppelbelastung? Sehen wir den Tatsachen in die Augen: Die vielzitierte „Doppelbelastung“ ist meist eine Dreifachbelastung (Job und Kind und Haushalt), oder Vierfachbelastung (Job und Kind und Haushalt und weite Strecken zur Arbeit pendeln) oder Fünffachbelastung (Job und Kind und Haushalt und Pendeln und neue Schwangerschaft). Die Kündigung – eine Kurzschlussreaktion? Mitnichten. Wie in den Büchern, so im Leben: Ich kenne viele Frauen, die diesen Schluss schmerzhaft nach jahrelangen verzweifelten Verhandlungsversuchen mit Chefs und Ehemännern, nach Burnout und sogar Klinikaufenthalten für sich gezogen haben, um eine Situation zu lösen, die zu lösen nicht allein ihre Aufgabe wäre, und die sich auf diese Weise natürlich nicht lösen lässt.

Ja, die Belastung, der Männer ausgesetzt sind, ist ebenfalls nicht gering. Möglicherweise aber geringer, da die Spielräume andere sind. Vielleicht ist auch die Art und Weise mit dem Druck umzugehen ein anderer. Männer sind Verdränger, so heißt es. Wohl nicht von ungefähr sind, so sagen Forscher, die Selbstmordraten bei Männern so hoch wie die Depressionsraten bei Frauen. Danke, mir geht‘s gut, so der Titel eines lesenswerten Buches, das der anthroposophische Arzt und langjährige Leiter der Abteilung für Psychosomatische Medizin an der Filderklinik, Markus Treichler, über Depressionen bei Männern geschrieben hat.  Männer, so der Tenor,  schieben ihre Empfindungen gerne weg. Der Arbeitsalltag mag ihnen diese Versagung abverlangen, aber er macht es ihnen auch leicht. Im kontinuierlichen Umgang mit kleinen Kindern lässt sich die Gefühlsebene nicht so schnell wegdeckeln, denn gerade emotional muss die Bezugsperson ansprechbar bleiben. Anders als im Büroarbeitsalltag, wo sich über gutes Funktionieren das Ego polieren lässt, gibt es hier keine Gratifikation fürs Verdrängen, im Gegenteil: Unser emotionales Versagen wird uns im Zweifelsfalle von den Kindern als Bumerang zurückgespielt. Die seelische Verfassung lässt sich im Familienalltag nicht unter den Teppich kehren. Ob wir besorgt sind, ärgerlich, innerlich absorbiert  – unsere Kinder reagieren darauf.

Das harmonische „Blobb“ der Rotweinflasche wird deshalb vermutlich entweder ausbleiben oder aber bemanteln, dass beide Partner innerlich – bewusst oder unbewusst – womöglich mit der gleichen Frage beschäftigt sind, meist ohne eine gemeinsame Sprache zu finden: Wo bleibe ICH bei all dem eigentlich? Die Vereinbarkeitslüge – Job und Kind? Mach ich spielend – mag eine Falle sein, in der wir Töchter der Emanzipation uns verheddert haben. Vielleicht ist dieser Selbstbetrug ein Frauenthema, vielleicht hat er jedoch eine heimliche Schwester, die weniger offen benannt wird, die sich als Ausschlusslüge der Söhne des Patriarchats bezeichnen ließe und die etwa so lauten könnte: Ich geb‘ alles für meine Familie – was meist damit einhergeht, dass Männer bei der Geburt ihres Kindes einen gewaltigen Karrieresprung machen. Selbstüberschätzung auf beiden Seiten, eine wechselseitige Vorwurfshaltung ist nicht selten das Resultat  – wer hätte sich nicht selbst schon einmal in dieses Abseits des Beziehungslebens manövriert?

Perfektion, sagt der Familientherapeut Jesper Juul, ist lebensfeindlich. Unsere narzisstisch aufgeladenen Lebensentwürfe und Selbstbilder sind es nicht minder.  Auf die eigenen Bedürfnisse heruntergebrochen muss die  Familienidylle anders buchstabiert werden, und das kann je nach den individuellen Bedürfnissen ganz unterschiedlich aussehen. Wie wir all das aber unter einen Hut bringen und dabei nicht den Kontakt zueinander verlieren, bleibt eine offene Frage. Damit sind wir bei Lüge Nummer drei: „Quality Time“. Die Idee dahinter ist, dass nicht die Länge der Zeit, sondern die Qualität des Beieinanderseins für eine gute Beziehung wichtig sind. Das ist in meinen Augen so ziemlich der größte Humbug, der seit Erfindung der Familienpolitik unter die Leute gebracht wurde. Was rar ist, muss besonders sein, so die Kernaussage dieser Beziehungswertschöpfungstheorie. Nein, erstens soll die Zeit mit Eltern nicht rar sein, sie sollen gefälligst verfügbar sein, und zweitens dürfen sie ganz banale Eltern sein und ganz banale Dinge mit ihren Kindern tun.

Es macht für ein Kind – je kleiner es ist, umso mehr – einen Unterschied, ob die Eltern da sind oder nicht. Wir können ein brüllendes Kleinkind nicht damit trösten, dass die Mutter zwar tagsüber nicht da ist, am Abend aber mit einem Diadem glitzernder Quality Time nach Hause kommen wird. Es ist ein Riesenunterschied, ob Mama im Nachbarzimmer am Computer mit den Tasten klappert, oder aus dem Flieger einen Reminder für das nächste Treffen auf das Smartphone schickt. Es macht auch für Kinder in der Pubertät einen großen Unterschied, ob die Eltern den ganzen Tag auswärts arbeiten, oder teilweise zu Hause arbeiten können. Es macht einen Unterschied, ob wir für unsere Kinder verfügbar und ansprechbar sind, oder nicht. Es macht auf der emotionalen Ebene einen riesengroßen Unterschied für ein Kind, ob der getrennt lebende Vater um die Ecke wohnt und potenziell erreichbar ist oder in einer anderen Stadt. Kontinuität, Verfügbarkeit, Präsenz sind unabdingbar wichtige Faktoren, wenn wir von Beziehungsqualität reden.  Eine gute Beziehung ist keine Sache von Quality Time, nicht im Leben von Kindern.

Das bedeutet nicht, dass man immer für seine Kinder ansprechbar sein muss. Die Idee der Quality Time täuscht vielmehr darüber hinweg, dass der Spielraum für das Finetuning verloren geht, dass es immer weniger Spielwiesen für die Erprobung so wichtiger sozialer Fähigkeiten gibt: Wie stimmen wir uns aufeinander ein? Wie stimmen wir uns ab? Was bedeutet es, wenn eine Tür zu ist? Was kann ich tun, um meinen Bedürfnissen Gehör zu verschaffen? Gibt es einen Resonanzraum, einen Verhandlungsraum zwischen mir und dem anderen? Wie gehen wir aufeinander zu? Was bringt mir der andere entgegen und was kann ich selbst dazu beitragen, dass das Miteinander gelingt? Nicht umsonst spricht man von Taktgefühl. Der gemeinsame Takt im Leben erwächst daraus, dass wir ein Empfinden für einander entwickeln, ein inneres Verständnis für den anderen Menschen, für seine Gewohnheiten, seine Bedürfnisse, für die Bedingungen, unter denen er lebt, für die Aufgaben, die er meistert. Dieses Empfinden bildet sich im alltäglichen Zusammenleben, nirgends sonst.

Heranwachsende brauchen Spielräume, um Selbstbestimmung zu erproben. Quality Time ist ein Bürokratiemonster, das genau diese Spielräume, die kreative, schöpferische Handlungsräume sind, verschlingt. Wie ich kürzlich aus einem Ratgeber für Quality Time-orientierte Wochenendväter lernte, sollte man die Zeit mit den Kindern nicht mit Kochen vergeuden, sondern gemeinsame Unternehmungen widmen, wie etwa dem Ausflug in die Kletterhalle. Quality Time ist unser Ablassbrief in Sachen Beziehungskompetenz. Vielmehr geht es darum, die eigenen Bedürfnisse zu entdecken und sich darüber mit den anderen zu verbinden. Gemeinsame Strategien entwickeln: Welche Interessen teile ich mit wem aus der Familie? Was mache ich mit, was nicht? Wo kann ich mich anpassen, was mute ich anderen zu? Wie mache ich aus dem Pflichtprogramm – wie etwa Einkauf, Kochen, Abwasch –  etwas, das allen gut tut? Wie schaffen wir es trotz aller Zwänge Platz für etwas anderes zu schaffen – ja wofür eigentlich?

Was wir brauchen ist ein Dialog der Liebe. Ein Gespräch, in dem Platz ist für die Ichworte, die Duworte, die wir suchen müssen, um unseren gemeinsamen Platz als Familie in dieser Gesellschaft zu finden. Worte, die all unserer Unvollkommenheit, unserem Schmerz, unserer Trauer, unserem Verständnis, unserer Liebe Raum geben, die eine Herberge sind für unsere Bereitschaft, zusammen durch dick und dünn zu gehen. Worte, die Balsam sind für unsere mühsamen Versuche, für unser Scheitern, für die Tatsache, dass wir einander immer wieder verpassen. „Blobb“, das sind auch immer die Tränen über all das, was nicht möglich ist, was uns entgleitet, was so ganz anders ist als die Vorstellung, die wir uns von uns selbst und unserem Leben gemacht haben. Darüber könnten wir mit einander tief verbunden bleiben, trotz aller Verluste und gegen alle Gespinste aus Lug und Trug. Dann können wir ihn finden, den gemeinsamen Atem der Zeit, das taktvolle Kommen und Gehen, eine gemeinsame Bewegung, die uns ermöglicht, noch lange voneinander zu träumen. ///