Jochen König

Seine eigene Familie ist mittlerweile gewachsen; vielmehr: der Autor hat sie erweitert. Denn Familienplanung ist für Jochen König ein ganz bewusster Prozess, der sich vor allem dadurch auszeichnet, Verantwortung übernehmen zu wollen, Verbindlichkeiten einzugehen, Fürsorge und Anteilnahme zu leisten. Jochen König hatte Lust, nicht nur Vater eines Kindes zu sein. Nun hat er ein zweites Kind, zusammen mit einer Frau, die in einer lesbischen Beziehung lebt. Für dieses Kind ist er nicht nur Samenspender, sondern Vater, der sich die Fürsorge mit den beiden Müttern teilt, ohne mit diesen zusammenzuleben.

Vielen Besprechungen von Jochen Königs neuem Buch reichen diese wenigen Informationen aus, um eine ganze Armada von Vorurteilen auf den Plan zu rufen: „Ein Kind braucht Mutter und Vater.“ „Ein Kind, ohne Liebe gezeugt, wie soll denn das gehen?“ „Kinder brauchen Werte. Kinder brauchen Sicherheit. Wo kommen wir denn da hin?“

Nun hat Jochen König allerdings nicht nur ein wenig den Vorhang zu seinem Privatleben gelüftet, um eine Angriffsfläche zu bieten, sondern er hat ein ganzes Buch geschrieben zum Thema Familie, und es ist ein ebenso kluges wie wunderbar unaufgeregtes Buch. Es gibt Auskunft darüber, dass wir längst in einer Entwicklung stehen, in der die traditionelle Familie – Vater, Mutter, Kind – nicht mehr das einzige Familienmodell ist, in manchen Städten sogar nicht einmal mehr das dominante Modell.  Lebenspartnerschaften ohne Trauschein, Ein-Eltern-Familien, Regenbogenfamilien, Patchworkfamilien, Adoptiveltern, Co-Eltern – sie alle gibt es, und es werden immer mehr.  Jochen König hält nun keineswegs ein Plädoyer für das eine oder das andere Modell, er befürwortet die Vielfalt. Er hat Eltern-/Väter-/Mütter-Blogs gesichtet, Gespräche geführt, recherchiert. Sein unaufgeregtes Fazit: Wir können nicht davon ausgehen, dass die traditionelle Kleinfamilie für Kinder die einzig wahre, beglückende Form des Heranwachsens ist. Historisch betrachtet ist die Familie – und zwar bis in die nicht allzu ferne Vergangenheit hinein – sogar ein Ort der legitimierten Gewaltausübung der Eltern gegenüber den Kindern und des Mannes gegenüber der Frau gewesen. Warum, so die einnehmend einfache Frage des Autors, setzen Familienpolitik und Gesetzgeber die traditionelle Familie absolut, wenn es um das Kindeswohl geht? Eine unmittelbare Beteiligung an der Zeugung des Kindes ist bei Weitem keine Garantie für eine liebevolle Behandlung des Kindes oder existenzielle Fürsorgeleistungen, was im Hinblick auf die Abwesenheit vieler Väter unmittelbar deutlich wird.

Darüber hinaus bietet eine Ehe oder Liebesbeziehung nicht mehr Sicherheit als andere Beziehungen. Ganz im Gegenteil: Die Verantwortung für ein oder mehrere Kinder zu tragen führt häufig zum Scheitern der Liebes- und Paarbeziehung. Warum also nicht diese Dinge auseinanderhalten und auf mehrere Schultern verteilen? Für den familiären Alltag und das Kindeswohl, so resümiert der Autor, seien die Aufgabenverteilung zwischen den Eltern, die Berufe der Eltern sowie das soziale Umfeld sehr viel bedeutsamer als das Geschlecht, die Intimbeziehung oder die sexuelle Orientierung der Eltern. Was zählt, sind Verantwortung, Fürsorge, Verbundenheit und Liebe, und die Liebe kann viele Gesichter haben.

Jochen König schreibt unaufdringlich von der Lebenswirklichkeit unserer Kinder. Er beobachtet klarsichtig, berichtet einfühlsam und stellt einfache Fragen. Diese Fragen umkreisen das Kind als Geschöpf, das unsere liebende Aufmerksamkeit und fürsorgliche Anteilnahme braucht. Sie umkreisen aber auch die ganz rudimentäre Frage, was wir überhaupt brauchen, um ein zufriedenes Leben zu führen. Gute Beziehungen, für die wir einstehen und uns einsetzen, spielen dabei eine große Rolle. Dieses Buch lenkt den Blick auf das menschliche Maß, das in den Diskursen über Familie, Vereinbarkeitsleistungen und Elternschaft häufig verloren gegangen ist.  Es macht aus Statusfragen Aufmerksamkeit für zwischenmenschlichen Anteilnahme und Verbundenheit. Es ermuntert dazu, nicht das Leben zu ändern, aber das Ändern zu leben. Aus ganzem Herzen. Ich wünsche diesem Buch eine große Wahlverwandtschaft. red./sk

 

Jochen König: Mama, Papa, Kind. Von Singles, Co-Eltern und anderen Familien. Herder 2015, € 16,99

Zuvor vom gleichen Autor erschienen:

Fritzi und ich. Von der Angst eines Vaters keine gute Mutter zu sein. Herder 2013, € 14,99