Vom Spiel der Phantasie

„Eurythmy in Progress“ verleiht Flügel

 

 

An der Alanus Hochschule in Alfter/Bonn endete zeitgleich mit der 28. Sommerakademie Alfter das Jugend-Eurythmieprojekt „Eurythmy in Progress“. Unter der Leitung von Rob Barendsma und Bart-Jeroen Kool hatte ein junges Ensemble von 18 TeilnehmerInnen aus acht verschiedenen Ländern – darunter Armenien, Estland und Ägypten – drei Wochen lang auf der Grundlage von Edvard Griegs „Peer Gynt Suite“ und Camille Saint Saëns „Karneval der Tiere“ miteinander gearbeitet. Begleitet wurden sie von einem mehrköpfigen Team von Studentinnen und Praktikanten. Drei große Tipis auf der Bildhauerwiese am Alanus Werkhaus boten Obdach für die emsig arbeitende Schar, die – wie sich bei der Abschlussvorführung in der Stadthalle Bad Godesberg zeigte – nicht nur eine atemberaubende Menge von Choreografien auf die Beine gestellt sowie einen beeindruckenden Fundus einfallsreicher Kostüme hervorgezaubert hat, sondern zudem ein kleines Ensemble von Musikern für sich gewinnen konnte, das unter der Leitung von Florian Volkmann auf professionelle Weise den musikalischen Rahmen sicherstellte.

Dozententeam und Teilnehmerinnen bespielten die Bühne in der ersten Hälfte des Abends gemeinsam mit dem „Karneval Tiere“ zu Texten von Loriot, die – vorgetragen von Florian Volkmann – zu eigenwilliger Bewegungslust anstifteten. Obgleich das Bewegungsvokabular der Eurythmie manchen sichtlich vertrauter war als anderen, liefen die Darstellerinnen vom skurrilen Marsch der Löwen über das verhaltene Schildkrötenballett bis zum prätentiösen Stakkato des Kuckucks allmählich zur Höchstform auf. Lücken in den künstlerischen Formulierungen wurden mit Witz überbrückt und lockten die Phantasie der Zuschauer aus der Reserve: Die Inszenierung des Fluges von 2000 Kolibris oder die Verlegung eines Bachbettes durch Maulwürfe konnte anschließend mit spielerischer Leichtigkeit überzeugend gelingen. „Eurythmy in Progress“ fackelte ein Feuerwerk der Möglichkeiten ab und weckte das Spiel mit Antizipation und Vorstellungskraft, das die Zuschauer begeistert mitspielten.

Blieb hier viel Raum für individuelle Entfaltung, so wurde der zweite Teil des Abends mit der „Peer Gynt Suite“ von klassisch eurythmischen Bewegungsformen bestimmt, bei deren Ausführung die Projektteilnehmerinnen weitgehend unter sich blieben. Der Fokus verlagerte sich vom experimentellen szenischen Spiel zur sinfonischen Dichtung, von der halb improvisierten individuellen Charakterstudie zur einstudierten Gruppen-Choreografie, von der vorwitzigen Pointe zum getragenen Ernst. Nun lotete die Bewegung nicht mehr spielerisch den Raum der Geschichte aus, sondern der gemeinsame Bewegungsfluss folgte einfühlsam der großen Erzählung der Musik und komplettierte das rasante Spiel der Möglichkeiten mit den vertrauteren Wendungen der Eurythmie.

Spiel und Ernst in schwungvoller Gemeinsamkeit. Wir dürfen gespannt sein auf die – bereits geplante – Fortsetzung des Reigens der Möglichkeiten in den folgenden Jahren!

 

 

 

 

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