Euromaidan – die Sicht unserer slawischen Nachbarn

Als ein verspäteter Herbst 1989 wurden die Ereignisse in Kiew und anderswo verschiedentlich bezeichnet. Ein Sammelband aus dem Suhrkamp Verlag hält nun wesentliche Züge der Ereignisse für die Nachwelt fest.

Euromaidan in Kyiv, 27. November 2013. Foto: Evgeny Feldman, Wikimedia Commons

Euromaidan in Kyiv, 27. November 2013.
Foto: Evgeny Feldman, Wikimedia Commons

Zu den besonderen Merkwürdigkeiten des öffentlichen Diskurses über die Ukraine in Deutschland gehört der Umstand, dass dabei kaum Ukrainer zu Wort kommen. Dankenswerterweise ist diese Ausgrenzung der Betroffenen mit dem Erscheinen des Buches Euromaidan im Suhrkamp-Verlag nun zu Ende: Hier bekommen Ukrainer endlich eine Stimme. Es sind hauptsächlich Vertreter der jungen Generation unter 40, aus der Kunst- und Literaturszene des Landes zumeist, die selbst auf dem Maidan den Winter verbracht, die aufbegehrt, die gelitten, die schließlich gekämpft, um erschossene Freunde geweint, zwischenzeitlich die Welt nicht mehr verstanden und dennoch durchgehalten und niemals die Hoffnung verloren haben.

Das Buch wurde unter dem Lektorat der Doyenne der deutschen Osteuropa-Literatur, Katharina Raabe, herausgegeben und entstand in den Monaten Februar und März, also genau zu jener Zeit, als die Lage erst auf dem Kiewer Maidan, dann auf der Krim eskalierte. Katharina Raabe führt dazu in ihrem Nachwort aus: „Der thematische Fokus hat sich während der Entstehung des Buches mehr und mehr auf Russland verschoben. Der Aufstand im Nachbarland bedeutet eine elementare Bedrohung der Herrschaftsform Putins, und die Kremlpropaganda tut alles, um die Revolution in Kiew als faschistischen Putsch zu verunglimpfen.“ Dass sie das nicht war, weiß die Welt spätestens seit den ukrainischen Präsidentschaftswahlen vom 25. Mai. Svoboda und Rechter Sektor kamen dabei zusammen auf etwas mehr als lächerliche zwei Prozent.

„Euromaidan“ – das war zunächst die von Mustafa Najem initiierte, relativ kleine und junge Demonstrantenschar, die auf dem zentralen Platz in Kiew dagegen aufbegehrte, dass der damalige ukrainische Präsident Janukowytsch das Assoziierungsabkommen mit der EU nun doch nicht unterzeichnen wollte. Das damit ausgedrückte Signal zum „Weiter wie bisher“ – mit all seiner mangelnden Rechtsstaatlichkeit, seiner Korruption, seiner Perspektiv- und Zukunftslosigkeit für das große europäische Land – war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. „Ich gehe auf den Maidan. Wer kommt mit?“, schrieb der junge ukrainische Journalist im November 2013 auf Facebook, und einige Hundert folgten seinem Beispiel. Aus der kleinen, aber hartnäckigen Bewegung, die sich vornahm, so lange auf dem Maidan zu bleiben, bis das Regime sich zu einer Reaktion genötigt sieht, wurde völlig unverhofft eine landesweite Protestbewegung, an der zu den Hochzeiten mehr als eine Million Ukrainer teilnahmen. Nicht nur auf dem Kiewer Maidan – auch von West bis Ost, von Nord bis Süd: Überall in der Ukraine versammelten sich Menschen aller Schichten und jeden Alters auf den Plätzen ihrer Stadt. Mittelpunkt des Geschehens blieb natürlich trotzdem Kiew. Und rund um den Kiewer Maidan kam es zwischen dem 18. und dem 20. Februar auch zu jenen dutzendfachen, gezielten Morden durch Scharfschützen, die die Welt erschütterten.

Die einzelnen im Euromaidan-Buch versammelten Beiträge berichten von den äußeren Geschehnissen, erläutern die fatalen politischen Strukturen in einem korrupten, post-sowjetischen Staat und geben nicht zuletzt auch einen Einblick in die verwundeten, aber nicht zerstörten, sondern an Herausforderungen und Leid gereiften Seelen der Autorinnen und Autoren. Zwei der Texte seien hier besonders hervorgehoben:

Jurko Prochasko, Germanist, Essayist und ausgebildeter Gruppenanalytiker, setzt sich unter anderem – ohne Wut, aber in umso treffenderer Analyse – mit der abwartenden, ambivalenten, bisweilen aber auch ablehnenden Haltung der Europäer und insbesondere der Deutschen zur jüngsten ukrainischen Revolution auseinander. Er schreibt: „Zusammengefasst lauten die Behauptungen wie folgt: Die Revolution kam nicht aus dem spontanen inneren Impuls der ukrainischen Bürgergesellschaft, sondern wurde von außen finanziert und gesteuert. ‚Außen‘ – das ist ‚der Westen‘, konkret: ‚die USA‘. Diese Hypothese steht in einer alten Tradition und reproduziert verdrängte eigene koloniale Reflexe. Antiamerikanismus liiert sich mit schlecht versteckter Arroganz: Länder wie die Ukraine sind nicht in der Lage, etwas Eigenes hervorzubringen, weder einen Staat noch eine vernünftige Politik, noch eine solide Wirtschaft, nicht einmal eine akzeptable Revolution. (…) Alles Ukrainische als plump, unfähig, elend und grotesk, bestenfalls mitleiderregend darzustellen hat eine lange russisch-imperiale Tradition, die sich offenbar blendend in den Kanon der postimperialen europäischen Vorurteile übersetzen lässt.“

Kateryna Mishchenko, freie Autorin, Übersetzerin und bis vor Kurzem Herausgeberin des ukrainischen Kulturmagazins Prostory, berichtet über die Versuche des korrupten Janukowytsch-Regimes, den Maidan zu diskreditieren: „Nach Janukowytschs Flucht wurde der Plan des Geheimdienstes über die ‚Zersetzung des Euromaidan‘ veröffentlicht: Geheimdienstagenten sollten in alle politischen und zivilgesellschaftlichen Gruppierungen eindringen, die den Maidan stützten (…). Es gab in dem Plan auch einen gesonderten Punkt zu mobilen Einsatzgruppen, die Schlägereien provozieren sollten (…) Das Unheimliche im Großen zeigte sich, als die ukrainische Revolution als faschistischer Putsch bezeichnet wurde. Wenn die Propaganda dermaßen brutal lügt, dass man vor lauter Verzweiflung nur noch schreien kann, zeigt sich der Horror in seiner ganzen Unaussprechlichkeit.“

14 Autorinnen und Autoren sind es, darunter auch eine Russin, ein Pole und drei Osteuropa-Historiker, die hier „von einem Land im Umbruch, vom Aufruhr in den Seelen – und von einer historischen Chance für Europa“ erzählen, wie es treffend auf dem Buchrücken heißt.

Es bleibt zu hoffen, dass die Ukraine nach den erfolgreichen Präsidentschaftswahlen in der näheren Zukunft zur Ruhe kommen und sich den mannigfaltigen Aufgaben widmen kann, die noch vor ihr liegen. Der Euromaidan jedenfalls macht Mut.

Alles Gute, liebe Ukrainer, lasst euch nie wieder entmutigen – Slawa Ukrajini!

 

euromaidanJuri Andruchowytsch (Hg.)
Euromaidan
Was in der Ukraine auf dem Spiel steht.
Edition suhrkamp, Mai 2014,
207 Seiten, € 14,00

 
 
 
 
 

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