Die seit 2007 immer wieder aufflammende Finanzkrise hat zu einem Umdenken im Hinblick auf die weltweite Bankenregulierung geführt. Mit dem Reformpaket „Basel III“ sollen Banken dazu verpflichtet werden, ihre Eigenkapitalbasis weiter zu erhöhen, um so künftige Risiken im Bankgeschäft zu reduzieren. Für die anthroposophisch orientierte GLS Bank könnten die neuen Richtlinien zu einem tiefgreifenden Kulturwandel führen, der das ethisch und sozial motivierte Geschäftsmodell der Bank noch stärker für bisher eher konventionell orientierte Anleger öffnet, aber auch eine Neubestimmung der eigenen Identität im Inneren notwendig machen dürfte.

„Basel III“ verfolgt den Anspruch, dass Banken künftig für Krisenfälle eine stärkere Selbstvorsorge treffen, indem sie ihr Eigenkapital von acht Prozent auf 13 Prozent bis zum Jahr 2019 steigern. Für die GLS Bank, deren Eigenkapital gegenwärtig bei elf Prozent liegt (etwa 100 Millionen Euro), bringt die Neuregelung besondere Herausforderungen mit sich, denn sie müsste ihre Geschäftsguthaben in den kommenden Jahren jährlich um 20 bis 25 Millionen Euro steigern. Obwohl die Bank sich immer noch eines starken Kundenwachstums erfreut und dieses Jahr bereits von Neukunden Genossenschaftsanteile in Höhe von mehr als drei Millionen Euro gezeichnet wurden, wird dieser Zuwachs nicht ausreichen, um den neuen Anforderungen zu genügen.
Bei der Generalversammlung 2011 stellte der Vorstand deshalb eine neue Strategie vor, die das Selbstverständnis der Bank im Kern berührt. Waren die Genossenschaftsanteile bisher dividendenfrei und brachte eine große Zahl von Mitgliedern erhebliche Geschäftsguthaben unter rein gemeinwohlorientierten Gesichtspunkten ein, sieht die GLS Bank künftig ab dem sechsten Genossenschaftsanteil eine Dividendenausschüttung vor, die je nach Gewinnlage der Bank zwischen zwei und fünf Prozent liegen soll.

Für Anhänger des Steiner’schen Geld-Modells, das Verzinsungen eher kritisch betrachtet, dürfte dieser Schritt wahrscheinlich gewöhnungsbedürftig sein, denn er markiert eine Wende hin zu einem Anlegermodell, bei dem aus Sicht neuer Investoren auch der Eigennutz eine Rolle spielen dürfte. Die Zahlung einer Dividende führt letztlich dazu, dass diese Beträge nicht für die Vergabe neuer Kredite oder die Förderung von Projekten zur Verfügung stehen. Andererseits kann das neue Modell auch die Chance eröffnen, neue Anleger zu gewinnen, die bereits mit dem ethischen Banking liebäugeln, aber zur Erhaltung der Kaufkraft ihrer Einlagen auch auf eine Verzinsung angewiesen sind. Damit wäre die GLS Bank zunehmend für konventionelle Anleger attraktiv, die auf diese Weise vielleicht auch in eine neue Kultur des Umgangs mit Geld hineinwachsen.

Aus Sicht der Bank scheint der neue Weg, der im Rahmen einer außerordentlichen Generalversammlung am 3. Dezember 2011 durch eine Satzungsänderung bestätigt werden soll, ein guter Kompromiss zu sein, denn Alternativen wie beispielsweise die Umwandlung der Bank in eine Aktiengesellschaft hätten zur Folge, dass das der Bank zur Verfügung gestellte Kapital von anonymen Anlegern stammt – eine Perspektive, die der GLS-Vorstand als noch stärkeren Widerspruch zur Unternehmenskultur empfindet. Je breiter hingegen die Basis der direkten GLS-Anleger wird, umso stärker kann sich der Gedanke des Social Banking in der Mitte der Gesellschaft etablieren.