Von Dr. Matthias Fechner

Im Sommer 2010 wechselte ich von der Heidelberger Waldorfschule an die Odenwaldschule, einem Landerziehungsheim bei Heppenheim. Die meisten dieser Internatsschulen wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts gegründet, um die Jugend fern von den Versuchungen der Städte in der Abgeschiedenheit einfachen Landlebens zu erziehen. Das erste Landerziehungsheim wurde 1898 vom Reformpädagogen Hermann Lietz in Ilsenburg/Harz eröffnet. Danach konnten sich weitere, ähnliche Schulen etablieren. Mitte der 20er Jahre gab es schließlich über hundert Landerziehungsheime.

Schon während der ersten Wochen meiner Einarbeitungsphase erkannte ich vieles wieder, was mir aus der Waldorfpädagogik vertraut war. Am Rande des Geländes spross ein Schulgarten, nach biologisch-dynamischem Prinzip. Gelegentlich fand dort sogar Gartenbauunterricht statt. Die Werkstätten – Schreinerei, Schlosserei, Textildesign – wurden von den Schülern gerne besucht. In den Klassen wurde binnendifferenziert und epochal unterrichtet. Bei der Spiegelung von Leistung vertraute man auf ausführliche Textzeugnisse.[1]

Anfangs maß ich diesen Phänomenen keine Bedeutung bei. Ich vermutete sogar, man habe jene pädagogischen Elemente im Laufe der letzten hundert Jahre von den Waldorfschulen übernommen. Immerhin wusste ich, dass während des Dritten Reiches einige Waldorflehrer, wie Karl Ege[2], René Maikowski[3] und Robert Killian[4], an der Odenwaldschule Aufnahme gefunden hatten. Der Schriftsteller und Altschüler Ernst Erich Noth berichtet darüber auch in seiner 1971 erschienen Autobiographie, wobei die Erinnerung nach über vierzig Jahren doch nicht mehr ganz präzise zu sein schien: „Rudolf Steiner hielt ebenfalls öfter Gastvorträge; der bekannte Anthroposoph hatte hier eine noch stärkere und fanatischere Anhängerschaft … und es verging kaum ein Tag, an dem man den Namen des Begründers der ‚Waldorfschulen’ nicht hörte oder gedruckt sah.“[5]

Nach mehreren Gesprächen mit meinem Kollegen Alexander Priebe konturierte sich ein genaueres Bild. Pädagogische Elemente wie Textzeugnisse, der Werkunterricht, der Verzicht auf Leistungsdifferenzierung und – inzwischen glücklicherweise vergessen: Prügelstrafe – bestanden bereits seit Gründung der OSO[6] im Jahre 1910. Selbst die Koedukation wurde im ersten Jahr des Bestehens der Odenwaldschule eingeführt, der Epochenunterricht kurz darauf.

Die Ähnlichkeiten zur Waldorfpädagogik waren derart auffällig, dass ich meinen weiteren Recherchen eine methodische Struktur und ein wissenschaftliches Fundament geben wollte. So verständigte ich mich zuerst mit Volker Frielingsdorf über den aktuellen Stand der erziehungswissenschaftlichen Forschung, der meine Wahrnehmungen in einem Telefongespräch bestätigte. In seinem ÜberblickWaldorfpädagogik in der Erziehungswissenschaft stellt er zudem fest, dass Steiner in den Anfängen der Waldorfschule „alles andere als ein fest umrissenes Konzept mit klaren Vorgaben und eindeutigen Handlungsanweisungen“[7] hatte. Die Möglichkeit des Einflusses anderer pädagogischer Konzeptionen, auch aus Landerziehungsheimen, war also durchaus gegeben. Noch verheißungsvoller wirkte Frielingsdorfs abschließende Einschätzung der pädagogischen Berührungspunkte zwischen Waldorfschulen und Landerziehungsheimen, einem Forschungsdesiderat in der Erziehungswissenschaft:  „Vielleicht warten ja unerwartete Entdeckungen auf diejenigen, die etwa die Landerziehungsheime mit der Waldorfpädagogik vergleichen oder deren Gründungspersönlichkeiten wie Hermann Lietz und Paul Geheeb in Beziehung zu Rudolf Steiner setzen.“[8]

Edith und Paul Geheeb

Edith und Paul Geheeb

So stand die nächste Frage zur Überprüfung: Woher hatten die Gründer der Odenwaldschule, Paul und Edith Geheeb, ihre progressiven Ideen bezogen? Edith Geheeb war vornehmlich für die Organisation und die Finanzen der Schule zuständig. Ihr Vater, der Charlottenburger Industrielle Max Cassirer, ermöglichte die materielle Durchführung der Gründung. Obwohl sie gerne Lehrerin geworden wäre, brachte Edith Geheeb kaum pädagogische Erfahrung ins Hambachtal mit. Dort ließ der Architekt Heinrich Metzendorf, im Auftrag Cassirers, mehrere große Landhäuser um einen alten Gasthof bauen – das Grundensemble der Odenwaldschule also. Der evangelische Theologe und Oberlehrer Paul Geheeb war dagegen seit 1892 mit Hermann Lietz bekannt. Die beiden Männer teilten die Vorstellung, eine heranwachsende Jugend müsste fern von den Lastern der Großstadt erzogen werden. Ohne Alkohol und Nikotin, dafür mit viel Reformkost und Bewegung an frischer Luft. Im Alter von 29 Jahren trat Geheeb seine erste Lehrerstelle an der Schule des Gmelinschen Sanatoriums in Wyk auf Föhr an. Drei Jahre später wechselte der sanfte, prinzipientreue Nordhesse endlich an ein Landerziehungsheim seines Freundes Lietz: Nach Haubinda, das in diesen Jahren ausschließlich Mittelstufenstufenschüler beheimatete. Zwischen 1904 und 1906 zeichnete Geheeb dort auch als Leiter für die direkte Umsetzung der Lietzschen Ideen verantwortlich. Dabei stellte sich heraus, dass Geheeb durchaus nicht mit allen Vorstellungen von Lietz konform gehen mochte. In Haubinda stand das gemeinsame militärische Exerzieren auf dem Stundenplan. Die Schüler waren angehalten, eine Uniform zu tragen, bestehend aus Samtbarett, weißem Leibchen, kurzen Hosen und Wollsocken. Schüler jüdischen Glaubens blieben vom Besuch der Lietz-Schulen, auf ausdrückliche Weisung ihres Gründers, ausgeschlossen.[9]Dabei war Lietz kein deutschtümelnder Provinzler. Kulturell orientierte er sich fast ausschließlich an britischen Vorbildern, vor allem an Cecil Reddies Reformschule Abbotsholme.[10] Der pazifistische Pädagoge Geheeb aber war in Haubinda nicht mehr zu halten. Gemeinsam mit anderen, ehemaligen Lehrern aus Haubinda – vor allem Gustav Wyneken und Martin Luserke – gründete er im nahen Wickersdorf ein eigenes Landerziehungsheim. Immerhin schien Geheeb dabei nicht vollkommen mittellos zu sein, wie dies Martin Näf noch in seiner detaillierten Monographie darstellt.[11] Denn im Wickersdorfer Geschäftsbericht wird er immerhin als Teilhaber mit 15.000 Reichsmark aufgeführt, einer damals nicht unbeträchtlichen Summe.[12] Wichtiger noch: In Wickersdorf lernte Geheeb die wohlsituierte Praktikantin Edith Cassirer kennen, die er 1909 heiratete.[13] Kurz darauf trennten sich der extrovertierte Wyneken und der introvertierte  Geheeb im Streit. Letzterer hatte sich aus Protest gegen Wynekens offensichtliche Pädophilie vom Tagesgeschäft zurückgezogen und fehlte unentschuldigt; wobei er seine Leitungs- und Fürsorgepflichten grob vernachlässigte.[14] Mit Ediths tatkräftiger Unterstützung[15] machte sich Paul Geheeb im Sommer 1910 schließlich vollkommen selbständig. Paul und Edith Geheeb gründeten die Odenwaldschule.

 

Odenwaldschule. Foto: Wikimedia/Armin Kübelbeck

Odenwaldschule. Foto: Wikimedia/Armin Kübelbeck

Rudolf Steiner trat erstmals im Sommer 1905 in dieses reformpädagogische Beziehungsgeflecht. Wahrscheinlich wohnte er im Klosterheim Haubinda[16], um dort in Ruhe an Beiträgen für die Zeitschrift Lucifer-Gnosis schreiben zu können.[17] Daneben interessierte er sich für das benachbarte Landerziehungsheim und stattete diesem einen Besuch ab. Manche seiner Wahrnehmungen deckten sich nicht mit seinen pädagogischen Vorstellungen. Die bereits erwähnten Geländespiele, das Tragen von Einheitskleidung, die starke soziale Selektion aufgrund hoher Schulgebühren, das Vernachlässigen der Elternarbeit, Sportarten wie Rugby oder Fußball und nicht zuletzt Lietz’ völkische Einstellung dürften Steiners inneren, vielleicht sogar äußeren Widerspruch herausgefordert haben. Aus den Konferenzen der Stuttgarter Waldorfschule (Uhlandshöhe) am 17. Juni 1921 gibt es außerdem seine protokollierte Äußerung, der Religionsunterricht in Haubinda sei nicht andächtig und daher schlecht gewesen. Steiners Urteil fiel dabei sehr kategorisch, fast polemisch aus:

„Wir waren einmal in einem Landerziehungsheim und wollten uns beim dortigen Unterrichte die erhebendste Stunde ansehen: die Religionsstunde. Wir kamen in das Unterrichtszimmer. Da lag auf dem Fensterbrett ein Bengel, der räkelte sich mit seinen Beinen zum Fenster hinaus; ein zweiter hockte auf dem Fußboden, ein dritter lag irgendwo auf dem Bauch und hob den Kopf nach aufwärts. So ungefähr waren alle Schüler in dem Raume verteilt. Dann kam der sogenannte Religionslehrer und las ohne besondere Einleitung eine Novelle von Gottfried Keller vor. Dabei begleiteten die Schüler seine Vorlesung wieder mit den verschiedensten Räkeleien. Dann, als er damit zu Ende war, war die Religionsstunde aus, und alles ging ins Freie. Mir stieg bei diesem Erlebnis das Bild auf, daß neben diesem Landerziehungsheim ein großer Hammelstall war – und einige Schritte davon entfernt lebte dann diese Schülerschaft. – Gewiß, auch diese Dinge sollen nicht scharf getadelt werden. Es liegt viel guter Wille zugrunde, aber es ist eine vollständige Verkennung dessen, was für die Kinder der Zukunft zu geschehen hat.“[18] (GA 293, S. 74)

Steiners Polemik kann, vergleicht man seine Aussage mit den Fakten, als vermutlich kalkulierte Abgrenzung gegen den Konkurrenten Lietz gesehen werden.[19] Tatsächlich wurde zum damaligen Zeitpunkt kein Religionsunterricht in Haubinda gegeben. Stattdessen erteilte man im Rahmen des schulischen Lehrplans das Fach Religionsgeschichte. Abends fanden sich die Schüler dann an vier Wochentagen nach einem vierzigminütigen Fußballspiel zu einer halben Stunde „Kapelle“ ein. Dort las ein Lehrer den vermutlich ebenso aufgedrehten wie erschöpften Jungen aus einem guten Buch vor, um die Reste ihrer entfesselten Energie zu dämpfen.[20] Danach wurden die pubertierenden Knaben ins Bett geschickt. Paul Geheeb berichtet über den Sommer 1905, in den „Abendversammlungen (‚Kapellen’), die regelmässig fünfmal wöchentlich  stattfanden“, habe man „klassische Dramen und Gedichte vorgelesen“, während – wie von Steiner erinnert – bei den „Prosaikern … Theod. Storm und G. Keller den Vorzug“ genossen.[21] Außerdem habe man russische Dichter gelesen, „der russisch-japanische Krieg nahm … (das) Interesse längere Zeit in Anspruch“; „mit Hülfe des Projektionsapparates“ seien auch „Werke der bildenden Kunst (Michel Angelo, Raffael, Rembrandt u. a.)“ gezeigt worden, wenn man nicht musiziert und gesungen habe (Chöre, Motetten, Lieder von Bach, Beethoven, Hugo Wolf und Schubert).[22]

Rudolf Steiner

Rudolf Steiner

Andererseits mag Steiner doch manches Gute in Haubinda gesehen haben. Handwerk und Gartenbau wurden, am „großen Hammelstall“ unschwer zu erkennen (und der später zu mancher Waldorfschule gehören wird, ebenso wie die räkelnden Knaben nach dem Sportunterricht), ernst genommen. Um verletzte oder kranke Schüler kümmerte sich selbstverständlich ein Schularzt; eine Regelung, die seit 1900 durch die Anregung Georg Leubschers in ganz Meiningen bestand.[23] In Haubinda konnten sich die Schüler auch als Schuhmacher, Schmiede, Schlosser oder Tischler betätigen. Im Unterricht wurden keine Schulbücher benutzt, weil Lietz einzig vom Studium der Originalquellen und dem Lernen an den Biographien großer Persönlichkeiten überzeugt war.[24] Prüfungen gab es nicht; Lietz bezeichnete sie als „Nebenerfolg“.[25] Stattdessen erhielten die Schüler ausführliche Textzeugnisse, mit denen sie versetzt wurden.[26] Lediglich vor Ostern und Weihnachten fanden vor Eltern und Lehrern öffentliche Präsentationen des Gelernten und Gekonnten statt.[27] Inspiriert durch Georg Kerschensteiner, geregelt durch eine neue Prüfungsordnung der höheren Schulen in Preußen und angeregt durch den Nachfolger von Lietz, Alfred Andreesen, fanden diese Präsentationen ab 1926 mit den „Jahresarbeiten“ eine konkretere Form.[28] In der Unterrichtsorganisation machte Lietz aus der Not eine Tugend, wie nach ihm auch Paul Geheeb, Mario Jona und Otto Erdmann. Das knappe Budget führte zu hoher Fluktuation unter den Lehrern. Einige Fächer wurden daher epochal durch Gastlehrer unterrichtet. Methodisch vertraute Lietz darauf, dass Fremdsprachen zuerst über Gehör und Sprechen aufgenommen werden; das Schreiben war ihm weniger wichtig. „Sprache,“ wusste Lietz, „wird nicht aus Büchern erlernt, sie muss von Anfang an gehört werden.“[29] Die Grammatik bezeichnete er als „Daumenschraube“.[30] Ohnehin neigte er mehr zur Literatur und empfahl, „wertvolle Dichtungen“ auswendig lernen zu lassen. Der Literaturunterricht sollte, nach Lietz, dabei stets inhaltlich parallel zum Geschichtsunterricht gegeben werden.[31]

Obwohl viele Teile des pädagogischen Programms der Waldorfschule bereits vor 1919 in der Praxis der Landerziehungsheime umgesetzt wurden, darf man keinesfalls davon ausgehen, dass Steiner nach seinem Besuch in Haubinda den Epochenunterricht, die handwerklichen Fächer, den Verzicht auf Schulbücher oder das Verfassen ausführlicher Textzeugnisse kopiert hätte. Die genannten pädagogischen Konzepte wurden fast immer von einzelnen Lehrerpersönlichkeiten weitergegeben, waren häufig mit einem Wechsel an eine andere Schule verbunden, wo sie sich den neuen Zusammenhängen anpassten, damit also sich und ihre Umgebung veränderten. So inspirierte Cecil Reddie Hermann Lietz[32], ohne dass Haubinda eine simple Kopie von Abbotsholme gewesen wäre. Lietz wiederum beeinflusste Paul Geheeb, der nach der Zwischenstation Wickersdorf das pädagogische Programm Haubindas auch an der Odenwaldschule umsetzte[33], allerdings unter durchaus anderen Voraussetzungen. Geheeb siedelte sein pädagogisches Dorf zwar am Rande des Odenwaldes im Hambachtal an, sah die Nähe großer Städte aber schon vor der Schulgründung nicht mehr als etwas rein Negatives, sondern als „wertvolle“ Möglichkeit, „deren Kultur für die Erziehung der Kinder und für die Weiterbildung der Lehrer nutzbar gemacht werden kann.“[34] Dieses Argument verstärkte Geheeb noch in der ersten Werbebroschüre der Odenwaldschule: „Wer die Entstehungsgeschichte der Landerziehungsheime kennt, weiß, dass … diese Rousseau’sche ‚Rückkehr zur Natur’ vielfach zu einer Abkehr von der Kultur führte, zu Einsiedlertum und Robinsonaden; die Zöglinge wurden dem wirklichen Leben mehr und mehr entfremdet …“[35] Auch Steiner setzte diese Kritik zwölf Jahre später fort, indem er bezweifelte, dass der einfache Umzug aufs Land überhaupt Abhilfe von der „furchtbaren Ausartung“ der Stadt schaffen könnte, wenn sich nicht der Geist der Schule wandle.[36] Bereits die gesellschaftliche Mischung der Schüler und das Studium der Menschenkunde unter den Lehrern mochten an der Stuttgarter Waldorfschule tatsächlich andere Voraussetzungen für ein sozial fruchtbareres Unterrichten geschaffen haben, als es 1910 an der Odenwaldschule möglich gewesen wäre.

Hermann Lietz Schule in Haubinda - Wikimedia commons

Hermann Lietz Schule in Haubinda – Wikimedia commons

Ein weiteres Beispiel für den Transfer und die damit einhergehende Transformation pädagogischer Ideen stellt sicher der Epochenunterricht dar. Noch in Haubinda entstand das epochale Unterrichten vorwiegend aus der bereits erwähnten organisatorischen Problematik heraus. Als Paul Geheeb kurz darauf in Wickersdorf unterrichtete, wurde er mit dem Vorschlag des Unterprimaners Mario Jona konfrontiert, der darauf drängte, die Abfolge der Fächer im Lehrplan selbst wählen und mit Hilfe der Lehrer vertiefen zu dürfen. „Damals“, schrieb Jona später, „entwarf ich, von der Erfahrung ausgehend, dass der übliche Stundenplan zu keiner stetigen Eigenarbeit kommen lässt, für Unter- und Oberprima in Wickersdorf einen Arbeitsplan, der einen dreiwöchigen Zyklus umfasste. Eine Woche war der Sprache vorbehalten; dem deutschen Aufsatz 2 bis 3 aufeinander folgende Tage, die für die Lektüre, Vorbereitung und Niederschrift dienten; dann ebenso zusammenhängende Zeiten für die fremden Sprachen. Die zweite Woche war historischen Arbeiten bestimmt, und die dritte mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern. Dann begann der Zyklus von neuem.“[37]Geheeb und Wyneken stimmten dem Vorschlag ihres Schülers zu: Der Plan wurde umgesetzt. Vorgesehen war allerdings nicht nur die Abschaffung des „verzettelten Lehrplanes“[38], sondern auch die Verlagerung des Unterrichtes von Klassenzimmern in Fachräume und die damit verbundene Auflösung des Klassenverbandes. Im Sommer 1909 machte Jona, inzwischen Student in Paris, Zwischenstation in Oberhambach. Auf langen Spaziergängen nach Unterhambach beriet er mit Geheeb die Weiterentwicklung des epochalen Kurssystems. Am 19. August 1912 schlug Jona in einem Brief aus Klosters-Platz weitere Reformen vor, die Erdmann der Lehrerkonferenz und der Schulgemeinde vorstellen möge. Dazu gehörten die Führung eines Berichtsheftes („Arbeitsbuch des Kindes“[39]), in dem nicht nur die Schüler ihre Fortschritte dokumentieren sollten („Damit die Kinder sich an Ordnung gewöhnen, damit sie das Gefühl haben, sie kommen weiter, oder haben etwas geleistet.“[40]), sondern in das auch Lehrer und sogar Mitschüler befugt wären, „sachliche Eintragung“ vorzunehmen. Dabei dürften die älteren Schüler den jüngeren helfen: „Auch wäre es gut, dass diejenigen älteren Schüler, die in einem Fach besonders gut stehen, den jüngeren beim Eintragen ins Arbeitsbuch helfen … Auf diese Weise können die Kinder sich gegenseitig kontrollieren, es entsteht ein gewisses Interesse für die Arbeit des anderen.“[41]Die Eintragungen der Lehrer sollten auf einem „durchschreibe Block mit blauem Papier“ vorgenommen werden, aus dem der Durchschlag herausgerissen und archiviert werden müsste. Fehlte ein solcher Eintrag, „so wird der betreffende Lehrer sofort herausgeholt und nicht früher zum Essen gelassen als bis er ihn geschrieben hat.“[42] Sichtbar werden in diesen durchaus rigiden Vorschlägen bereits Elemente von Jenaplan- und Montessoripädagogik. Ein weiterer Vorschlag Jonas darf dagegen eher der Waldorfpädagogik zugeordnet werden. An mehreren Beispielen erklärt er, wie der Stoff des Vortages in die Nacht genommen werden könne, damit der Unterricht am folgenden Tag desto fruchtbarer ablaufe: „ … dass alle Kinder in Prozession [am Nachmittag, M.F.] zum Lehrer wandern, dessen Fach sie am nächsten Tag haben, um von ihm ihre Verhaltensmaßregeln zu verlangen. – Das ist sehr, sehr wichtig !!!!!!“[43]

Während der Weihnachtsfeiertage 1912 nahmen Jona und Erdmann in Jonas Pariser Studentenbude am bislang vorliegenden, abstrakten Modell eine konkrete Kurseinteilung vor: „Fieberhaft haben wir nach den vorliegenden Berichten der Lehrer … den Arbeitsplan festgelegt.“ Dabei nutzten sie zusätzlich die Stundenpläne des erfahrenen Reformpädagogen Berthold Otto, der eine Art von Epochenunterricht bereits an seiner Hauslehrerschule in Gross-Lichterfelde eingeführt hatte. Sowenig der Epochenunterricht seine Entstehung der Waldorfpädagogik verdankt, sowenig konnten sich letztendlich auch Erdmann und Jona rühmen, diese Form der Unterrichtsorganisation erfunden zu haben: Neben einem Unterrichtsplan der Hauslehrerschule findet sich die Abschrift eines Stundenplanes („seit Ostern 1912“) von Berthold Otto im Nachlass Erdmanns.[44]Im Januar 1913 wurde schließlich das Kurssystem in der Unterrichtspraxis der Odenwaldschule eingeführt. Es unterschied sich deutlich vom Wickersdorfer Entwurf. Jeweils zwei Fächer wurden nun epochal über vier Wochen unterrichtet, für die Dauer eines „Arbeitsmonates“. Mit dem zweistündigen Frühkurs begann der Schultag; eine einstündige Pause folgte, danach fanden sich die Schüler zum Spätkurs in ihrem Fachraum ein. Der Nachmittag blieb offen für die „praktischen Fächer“, womit vermutlich „Schreinerei, Schlosserei, Gartenbau, Landwirtschaft, Papparbeiten und Buchbinderei, Nähen, Kochen“ gemeint sind.[45] Zum Abschluss eines Arbeitsmonates erfolgte eine Präsentation des Gelernten und Geschaffenen, danach die Einwahl in die neuen Kurse. Bei Bedarf konnten Kurse wiederholt werden, was ein Sitzenbleiben überflüssig machte. Einzelstunden blieben auf die Kunst, das Griechische, die Instrumentalmusik oder die Rhythmische Gymnastik bzw. die Loheland-Tänze[46] beschränkt. Daneben galt es, die Anforderungen der Bildungspläne von nicht weniger als vier Schularten (Oberschule, Gymnasium, Realgymnasium und Oberrealschule) zu integrieren.[47]Da im Januar 1913 nur fünfzig Schüler/innen an der Odenwaldschule lebten und lernten, dürfte diese Aufgabe, wie auch das Fehlen des stabilisierenden Klassenverbandes, in der Praxis jedoch noch kein dringliches pädagogisches Problem dargestellt haben.[48] Schon 1914 allerdings hatte Erdmann die Odenwaldschule wieder verlassen, um als Artillerieoffizier im 1. Weltkrieg zu kämpfen. Zum zehnjährigen Bestehen der Schule nahm er Ostern 1920 einen Rückblick vor, in Form eines siebenseitigen Manifestes, das er mit weiteren Unterlagen zur Kursorganisation dem Archiv übergab. Darin legte er nochmals deutlich seine Forderungen dar, nach einem Kurssystem mit Epochenunterricht und Fächerwahl durch die Schüler, Arbeitsbüchern, einem Gesamtlehrplan und Kurslehrplänen, einem Epochenplan („Zeitplan“), schriftlichen Berichten über die Fortschritte der Schüler, Zusammenfassung und Archivierung der Berichte, gegenseitigen Hospitationen und deren Besprechungen während der Lehrerkonferenzen. Aus der Erkenntnis heraus, dass die „Lernschule … zum Selbstzweck erstarrt oder in die Knechtschaft wesensfremder Zwecke (z.B. staatlicher Berechtigungen) geraten ist“, stellt er schließlich seine Forderung auf, nach „jener einen Schule, die wir ersehnen, die nicht nur dem ganzen Volk geöffnet ist, sondern auch vom ganzen Volk als gemeinsame, ja als seine höchste Angelegenheit empfunden und getragen wird – ein neuer Tempel auf dieser Erde.“[49]

Die erste Waldorfschule in Stuttgart

Die erste Waldorfschule in Stuttgart

Möchte man noch besser verstehen, wie damals gängige pädagogische Ansätze ihren weiteren Weg in die Unterrichtsplanung der ersten Waldorfschule fanden, hilft zusätzlich ein Blick auf die Herkunft des Lehrerkollegiums.[50] Nur ganz wenige Lehrer brachten eine pädagogische Ausbildung mit; der Erziehungswissenschaftler Heiner Ullrich behauptet sogar, nur ein Mitarbeiter der Waldorfschule von 1919 habe „über ein Lehramtszeugnis … verfügt.“[51]Vermutlich im Frühsommer 1920 schickte ein junger Studienassessor aus Haubinda namens Robert Killian zwei Bewerbungen ab; eine an die gerade etablierte Odenwaldschule, die andere an die neue Waldorfschule in Stuttgart. Danach stellte das Schicksal die Weichen. Die Antwort aus Stuttgart traf postwendend ein. In der Konferenz vom 30. Juli 1920 hatte man beschlossen, Robert Killian als neuen Lehrer für das kommende Schuljahr einzustellen, zunächst auf Widerruf. Killian reagierte sofort. Er fuhr nach Stuttgart, wo ihn Rudolf Steiner endgültig überzeugte, dem Kollegium der Waldorfschule beizutreten. Das Einladungsschreiben aus dem Hambachtal gelangte dagegen einen Tag später – zu spät – nach Haubinda.[52] Im September 1920 übernahm Killian dann eine erste Klasse an der Waldorfschule und führte sie über acht Jahre. Er war damals 28 Jahre alt und blieb – mit einer Unterbrechung von knapp sieben Jahren – bis zu seinem plötzlichen Tod im Jahre 1960 aktiver Waldorflehrer.[53]

Killian wurde am 3. November 1891 in Barr (Elsass) geboren und wuchs am Fuße des Odilienberges auf. Sein Abitur legte er in Straßburg ab, studierte dort und in Marburg Mathematik, Physik und Geologie. Das Referendariat leistete er wieder im Elsass ab, in Schlettstadt und Rombach. Danach unterrichtete er in Metz, wo er sich dem Wandervogel und der Freideutschen Jugend annäherte. Es faszinierte ihn, dass die „Ernsteren, Tieferveranlagten“ fern der „Großstadtstraßen“ die „seelenerhebenden“ und „übersinnlichen“[54] Kräfte der Natur erfühlen könnten. Und der Wandervogel führte zu diesem Ideal: „Die gefühlsmäßige Lebenseinstellung des Wandervogels entspricht der Voraussetzung, dass das Übersinnliche (oder was dasselbe ist: das Geistige) das eigentlich Wirksame, das Erste ist“.[55]

So fiel es Killian anfangs nicht schwer, direkt nach dem Ersten Weltkrieg an den Lietzschen Landerziehungsheimen Ilsenburg und Haubinda zu lehren. Dort begegnete er neben seiner künftigen Frau auch Christoph Boy, der seit Herbst 1917 in Haubinda unterrichtete, nach einer schweren Verwundung an der Somme (1916). Boy folgte Killian nur ein Jahr später nach Stuttgart, um ihn beim Aufbau der Schule zu unterstützen. Allerdings verfügte der Neuphilologe Boy lediglich über ein Jahr Unterrichtserfahrung als angelernter Lehrer; außerdem suchte der cholerische Franke noch stärker die Nähe zu Steiner und zur Anthroposophie, weshalb ihm bei Entwurf und Umsetzung reformpädagogischer Konzepte wahrscheinlich eine geringere Bedeutung beigemessen werden darf.

Ganz im Gegenteil zu Killian, für den der Wechsel an die Uhlandshöhe vor allem auf einem pädagogischen Fundament gründete. Seine Unzufriedenheit mit der Lietzschen Vorstellung einer kameradschaftlichen Beziehung zwischen pubertierenden Schülern und erwachsenen Lehrern war inzwischen stark gewachsen. Denn die „Frage der Erziehung“, so Killian, werde vor allem durch die „denkerische Einstellung“[56] beantwortet. Ein Vierzehnjähriger aber sei nicht in der Lage, „über die Welt in fertigen Begriffen zu urteilen“[57], geschweige denn die Verantwortung eines erwachsenen Lehrers zu übernehmen. Gottfried Haaß-Berkow wies den geistig suchenden Reformpädagogen auf Steiner hin; und nach dem Tode von Hermann Lietz befand sich Killian auf der Suche nach einer neuen pädagogischen Heimat. Steiner nahm Killian mit offenen Armen auf, hatte er doch endlich einen der seltenen (sogar prüfungsbefähigten) Praktiker gefunden, der in der Lage war, seine Vorschläge umgehend in der Schule anzuwenden. Mehr noch: Killian brachte einen Schatz an (reform)pädagogischen Erfahrungen an die Uhlandshöhe, aus dem sich Steiner und das Kollegium die schönsten Preziosen wählen konnten. Ebenso klar wie weitsichtig erklärte Steiner auf eine Frage nach der Beziehung von Waldorfschule und Landerziehungsheimen: „Ich habe einen ausgezeichneten Lehrer aus einem Landerziehungsheim nach Stuttgart berufen. Ihm gefällt es hier besser; er muss doch hier etwas finden, was über das hinausgeht; der Mann muß doch beides vergleichen können. Daraus sehen Sie gleichzeitig, dass man nicht einseitig ist, denn sonst hätte ich den Lehrer nicht berufen. Es handelt sich darum, das Gute überall zu finden. Man darf nicht glauben, dass man überall das Programm durchdrücken muss.“[58] Und gleich einem reformpädagogischen Sämann beschritt Killian in den folgenden Jahren den fruchtbaren und weiten Acker der Waldorfpädagogik. Ernst Weißert erinnerte dazu in seinem Nachruf: „Robert Killian hat alle seine Begabungen, Fähigkeiten und Kräfte für den Dienst an der Schule konzentriert. Er gestaltete den Stunden- und Epochenplan. Er setzte die Vertretungen ein, er führte die Fremden durch die Schule. Er ermöglichte die Schülerwanderungen und Ferienkolonien. Er war unermüdlich als Berater des Schulvereins in den Fragen der Organisation. Er hatte die Verbindung zu den Klassenpflegern. Er pflegte die Ortsgruppen des Schulvereins, er veranstaltete die Besuche bei den heilpädagogischen Heimen, er war das Bindeglied zu den Freunden der Waldorfpädagogik an den Staatsschulen. In diesen Arbeiten ging er wie eine Mutter im Dienste in ihrer Familie auf. Keiner hat wie er den Schulorganismus durchdrungen und als seinen eigenen Leib empfunden.“[59]

Bis zur Schließung der Stuttgarter Waldorfschule durch die Nationalsozialisten am 1. April 1938 vermochte Killian auf diese Weise zu wirken. Als Klassenlehrer durfte er sich dann während der viertägigen Abschiedsfeiern auf einer letzten, traurigen Schulversammlung von seiner 7. Klasse verabschieden.[60] Danach wurde er beauftragt, die Auflösung der Schule zu regeln.

Der Weg aus der Waldorfschule verlief für das Kollegium unterschiedlich; Killian aber folgte einer für ihn recht nahe liegenden Richtung: Er holte nach, was er 1920 versäumt zu haben glaubte.[61] An der Odenwaldschule wurde er 1940 Fachlehrer für Mathematik, Physik und Erdkunde, etwas später sogar Konrektor, 1945 für einige Monate noch Schulleiter. Dort entwickelte sich rasch ein freundschaftliches Verhältnis zur Familie des damaligen Rektors, Heinrich Sachs. Sachs war Kunstlehrer und hatte die Schule 1934 unter – im Rückblick – kontroversen Umständen von Paul Geheeb übernommen.[62] Das Ziel von Heinrich Sachs war es, die Schule vor der drohenden Verstaatlichung zu bewahren und möglichst viele reformpädagogische Errungenschaften unbeschadet durch das Dritte Reich zu tragen. Für dieses schwierige Unterfangen benötigte er vor allem Lehrer, die möglichst wenig vom Nationalsozialismus beeinflusst waren und Kenntnisse der Reformpädagogik mitbrachten. Allerdings wurden der Schule von der Abteilung VII des Reichsstatthalters der hessischen Landesregierung in Darmstadt bevorzugt Lehrer zugewiesen, die überzeugte Nationalsozialisten waren. Auch jede weitere Einstellung oder Entlassung kontrollierte man in Darmstadt streng. Missliebige oder auch nur auffällige Lehrer konnten von dort selbst später noch umgehend entlassen oder zum Dienst in der Wehrmacht freigegeben werden, wie dies später auch bei René Maikowski geschah.[63] In dieser Konstellation war es alles andere als einfach, geeignete Pädagogen zu finden, die dauerhaft in die Pläne von Heinrich Sachs passten. Umgekehrt war es für Lehrer, die sich nicht im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie betätigt hatten, fast unmöglich, eine neue Stelle anzutreten, wenn ihr Verhalten aktenkundig geworden war. Waldorflehrer aber gehörten genau zu jener Gruppe von Pädagogen, die Sachs dringend suchte. Sie standen der Reformpädagogik nahe und viele waren noch nicht als eindeutige Regimegegner identifiziert. Unter diesen Umständen glückte es Robert Killian, vier weitere Menschen mit starken Bezügen zur Waldorfpädagogik an die Odenwaldschule zu holen: Theodor Petersen, Hans Schwedes, Karl Ege und René Maikowski. Die beiden Letztgenannten hatten sich in der Zeit des Dritten Reiches sogar in zentralen Funktionen für den Fortbestand der Waldorfpädagogik eingesetzt. Maikowski wirkte zuerst als Leiter der Hannoveraner Waldorfschule, ab 1934 als Vorsitzender des Bundes der Waldorfschulen im Deutschen Reich. Ege fungierte in dieser Zeit als Leiter der Stuttgarter Waldorfschule, die seit ihrer Gründung 1919 eine Vorbildfunktion für alle anderen Waldorfschulen einnahm.[64]

Karl Ege. Foto: Forschungsstelle Kulturimpuls

Karl Ege. Foto: Forschungsstelle Kulturimpuls

Karl Ege wurde am 6. Mai 1899 in Ochsenhausen bei Biberach geboren. Kurz nach der Geburt starb sein Vater, der eine Gärtnerei betrieben hatte. Sieben Jahre später verlor Karl Ege auch die Mutter. Das Waisenkind wurde zuerst bei Verwandten untergebracht und im Alter von 14 Jahren auf das katholische Lehrerseminar Saulgau geschickt, wo er bereits 1917 seine erste Dienstprüfung mit der Note sehr gut ablegen konnte[65]. Kurz darauf wurde er zur Feldartillerie eingezogen. Am 7. Juni 1918 erlitt Ege bei Montdidier eine schwere Gelbkreuzvergiftung mit Blindheit, Verätzungen der Haut, der Atem- und Verdauungswege.[66] Und bis zum Herbst 1924 gelang es dem Schwerkriegsbeschädigten nicht, beständig im zivilen Leben Fuß zu fassen. In dieser Zeit jedoch traf Ege auf die Anthroposophie. Er besuchte den Jugendkurs im Oktober 1923, trat 1923 dem Tübinger Pädagogischen Arbeitskreis bei und ab September 1924 dem Zwätzener Kreis.[67] Die Übernahme einer 8. Klasse an der Stuttgarter Waldorfschule war für den sechsundzwanzigjährigen Ege der nächste, schlüssige Schritt. Im folgenden Schuljahr führte er die neue 1. Klasse über einen ganzen Durchgang, schließlich übernahm er wieder eine 8. Klasse, bevor die Schule geschlossen wurde. Daneben setzte er sich seit 1933 maßgeblich für den Fortbestand der anthroposophischen Pädagogik ein. Nach Schließung der Schule habe seine offizielle Beschäftigung, so Ege in einem Lebenslauf, während der folgenden drei Jahre in der „Herausgabe der Lebensgeschichte“ Emil Molts bestanden, die freilich nie publiziert wurde. Umso erfreuter muss Ege wohl gewesen sein, als ihm im Sommer 1941 die Möglichkeit eröffnet wurde, gemeinsam mit seinem alten Kollegen Robert Killian an der Odenwaldschule zu wirken. Im Personalbogen der Odenwaldschule stellte Ege seinen Werdegang sehr vorsichtig dar und machte keine Angaben zu einer Tätigkeit als Waldorflehrer, sondern gab mit Datum des 30. August 1941 lediglich an, vorher Lehrer an württembergischen Volksschulen gewesen zu sein.[68] Die für die Erstellung von beruflichen Gutachten zuständige Kreisleitung der Stuttgarter NSDAP zeigte sich von seiner Zurückhaltung jedoch unbeeindruckt, denn Ege müsste den dortigen Funktionären durch seine öffentliche Tätigkeit für die Stuttgarter Waldorfschule bekannt gewesen sein. So zögerte die Kreisleitung, einer Arbeitsaufnahme Eges an der Odenwaldschule zuzustimmen; allerdings nur, weil er auch Lehrer in der Christengemeinschaft gewesen war. In einem kurzen Briefwechsel veränderte Heinrich Sachs diesen Sachverhalt, indem er andeutete, dass die Stuttgarter Nationalsozialisten die Christengemeinschaft wohl mit der Waldorfschule verwechselten.[69] Darauf erfolgte kein weiterer Einspruch aus Stuttgart und bis Weihnachten 1941 arbeitete Karl Ege vermutlich sehr erfolgreich an der Odenwaldschule. Er plante den Erwerb eines Hauses in Ober-Hambach, übernahm eine 1. Klasse und unterrichte zusätzlich Biologie und Chemie in allen Klassenstufen; bis zu den Weihnachtsferien, die er wieder in Stuttgart verbrachte. Dann traf ihn – völlig unerwartet – der nächste Schicksalsschlag. Seine Frau erkrankte an Endocarditis lenta, einer durch Bakterien hervorgerufenen, lebensbedrohlichen Entzündung des Herzens, die damals noch nicht behandelt werden konnte.[70] Ege war seit Dezember 1932 mit Mirjam Biedermann, einer russlanddeutschen Musikerin und Malerin, verheiratet.[71] Nach dem frühen Verlust der Eltern war seine wichtigste Beziehung nun ebenfalls existentiell gefährdet. In dieser Situation beschloss Ege, bei seiner Frau in Stuttgart zu bleiben und nicht mehr an die Odenwaldschule zurückzukehren. Einerseits war dieser Entschluss menschlich konsequent. Andererseits musste Ege wissen, dass er nun – trotzdem er ein hervorragender Lehrer war – auf absehbare Zeit keine adäquate Stelle mehr im Deutschen Reich erhalten würde. In einem ergreifenden Briefwechsel versuchte Sachs, Ege mehrfach die Rückkehr zu ermöglichen. Ege aber blieb bei seinem Entschluss, selbst nach dem Tod seiner Frau im März 1942. Noch am 18. März bestätigte Sachs die Kündigung seines Mitarbeiters, mit einem Schreiben, das eher das Gegenteil zum Ausdruck brachte: „Ihre Klasse wird sehr sehr traurig sein; wie dieser Verlust, den wir durch Ihren Weggang erleiden, wieder gut zu machen ist, übersehe ich heute noch nicht. Ein Trost wird es den Kindern immerhin sein, wenn Sie gelegentlich zum Besuch hierherkommen.“[72]Zu diesem Zeitpunkt hatte Ege in Stuttgart bereits einen Abschiedsbrief an seine 1. Klasse verfasst, der den Schülern später von der Kindergärtnerin[73] Käthe Winkelmüller[74], Eges Vertreterin und Nachfolgerin, vorgelesen werden sollte.[75] Auch aus diesem Brief ist ein außerordentlich gutes Verhältnis zwischen Ege und seinen Schülern zu erkennen. „Es ist mir“, schreibt Ege zu Beginn, „im Augenblick nicht erinnerlich, dass mir je eine Entscheidung so schwer gefallen ist … nämlich, dass ich nicht mehr Euer Lehrer sein kann. Es wurde mir deswegen so schwer, weil ich immer an Euch denken musste, weil ich Eure fragenden Gesichter sah und weil ich jeden einzelnen von Euch in den wenigen Wochen unserer gemeinsamen Arbeit lieb gewonnen hatte. Jeden gleich. Keinen mehr und Keinen weniger. Eure teilnehmenden Wünsche und Gedanken während der Krankheit meiner lieben Frau und jetzt nach ihrem Weggang haben mir wohlgetan, und ich danke Euch dafür.“ Danach erklärte Ege, dass er mit dem Tod seiner Frau einen „neuen Lebensabschnitt“ beginnen werde „und sogar einen ganz anderen Beruf als den des Lehrers ergreife.“ In einem weiteren Absatz gab Ege seinen Schülern einen Rat, der von Heinrich Sachs nachträglich kräftig unterstrichen und positiv kommentiert wurde: „Das wichtigste im Leben ist,“ so Ege „dass man sich und andere in ihrem reinen Menschentum erkennt und schätzt, und dass man das Beste im Anderen sich zum Vorbild nimmt.“[76]

Entgegen seiner Ankündigung stand Karl Ege später doch wieder als Lehrer vor Schulklassen – allerdings gestaltete sich der Einstieg anfangs schwer. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs betätigte er sich bis 1948 beim Aufbau der Waldorfschule in Ulm und beriet Waldorfkollegien in Wien, Stuttgart und Basel. Dann wurde er eingeladen, die Oberstufe der New Yorker Waldorfschule aufzubauen. Und dies war vermutlich der „neue Lebensabschnitt“, von dem Ege im Winter 1942 geschrieben hatte. 1950 heiratete er eine Amerikanerin, Arvia MacKaye. Als Pädagoge führte er 1959 die erste 12. Klasse der New Yorker Waldorfschule zur high school graduation und unterrichte dort noch weitere zehn Jahre, bevor er die Hawthorne Valley School in Harlemville im Staat New York gründete, heute eine Waldorfschule mit landwirtschaftlichem Profil. Seinen endgültigen Wohnsitz aber hatte Ege schon kurz nach seiner Heirat im nahen Hillsdale genommen;[77] einem Camphill-Dorf, in dem inzwischen auch Elisabeth Sachs mit ihren Kindern lebte.

Robert Killian unterstützte Sachs noch bis zu dessen Absetzung im Januar 1946 bei der Leitung der Odenwaldschule; dann übernahm er selbst das Amt, bis zum Eintreffen von Minna Specht im März 1946. Mit Sachs hatte er während des Dritten Reiches Geheimnisse geteilt, die er selbst vor der eigenen Familie verbergen musste. Zu den leichteren Geheimnissen gehörte das Wissen um die Sonntagshandlung der Christengemeinschaft, die hinter verhängten Schlüssellöchern regelmäßig im 1. Stock des Schiller-Hauses stattfand.[78] Er war aber auch darüber informiert, dass Sachs jüdische Schülerinnen aufgenommen hatte, die in der Uniform der HJ und des BdM an Mittwochnachmittagen mit dem Musikzug exerzierten.[79] Stieg Sachs im Winter 1945 mit seiner Schwägerin Maria Neumann die vereiste Auffahrt zum Haus Hoppenstedt hinauf, dann wusste Killian, dass dort sogar eine Familie versteckt und versorgt wurde, die aufgrund ihrer Herkunft und politischen Einstellung vor den Nazis aus Berlin geflüchtet war.[80] Nachdem Sachs die Rückkehr an die Odenwaldschule endgültig verwehrt blieb – auch Geheeb vertrat die Ansicht, dass während des Dritten Reiches in Deutschland kein richtiges Leben im falschen möglich gewesen wäre – brachte ihn Killian in Stuttgart-Rohr unter, bei einer Familie Bergmann in der Dürrlewangstraße 6. Dort verstarb Sachs am 31. Oktober 1946 völlig entkräftet, im Gefühl des Verkanntseins, an Herzversagen.[81] Killian wechselte zurück an die Waldorfschule und nahm seine Arbeit an der Uhlandshöhe wieder auf. Dort starb er – bekannt nicht als einer der wichtigsten Impulsgeber der Waldorfpädagogik, ein wacher Wanderer zwischen zwei verwandten Schulformen – sondern als von Rudolf Steiner berufener, einfacher Lehrer, der sein Leben in selbstloser Weise bis zuletzt in den Dienst der Schule gestellt hatte.

Im Rückblick sind vermutlich beide Sichtweisen zutreffend. Rudolf Steiner korrigierte und autorisierte den theoretischen Rahmen, in dem Waldorfpädagogik ermöglicht wurde. Den Großteil der Arbeit am Rahmen selbst aber vollbrachten Lehrerpersönlichkeiten wie Killian, mit ihren Erfahrungen, ihrer Kreativität, ihrem Einsatz und ihrem pädagogischen Mut. Anders als es in den edierten, teilanonymisierten und letztendlich kanonisierten Protokollen der Lehrerkonferenzen dargestellt wird, handelte es sich nicht um Dialoge zwischen Dr. Steiner und einem kleingedruckten, einsilbigen Herrn X., sondern um „freie republikanische Unterredungen“, in denen jeder „Souverän“ war und „ein kurzes Tagebuch“ führen sollte.[82] Dieser Rahmen wurde und wird in der pädagogischen Praxis noch immer tagtäglich weltweit erneuert und verändert, wobei die Verbindungen zu anderen Schularten eine durchaus gestaltende Rolle spielen. Nachdem sich Forschung und Praxis der Waldorfpädagogik in den vergangenen Jahrzehnten vor allem auf Steiner und Molt fokussierten, scheint es inzwischen angebracht, den Veränderungen und den Leistungen der Frau Y., mithin der eigentlichen Genese der Waldorfpädagogik, eine größere Beachtung beizumessen. Dazu hat dieser Artikel hoffentlich einen kleinen Anstoß geliefert.

 

Eine gekürzte Version dieses Textes erschien in der Ausgabe 6/2016 der Zeitschrift Info3 – Anthroposophie im Dialog

 

Der Autor: Matthias Fechner (geboren 1966), Studium in Manchester und Stuttgart (M.A.), Promotion an der Universität Sheffield. Oberstufenlehrer an den Waldorfschulen Böblingen und Heidelberg (1999 – 2011), Fachleiter (Politik und Wirtschaft) und Hausleiter an der Odenwaldschule (2010 – 2015). Seit Januar 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ökonomie der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. Neben der pädagogischen und wissenschaftlichen Tätigkeit weitere Veröffentlichungen und investigative Reportagen (Westafrika, Sri Lanka, USA). Kontakt: Matthias.Fechner@cusanus-hochschule.de

 

ANMERKUNGEN

[1] Ähnliche Beobachtungen findet man auch bei dem pädagogischen Grenzgänger Martin Wagenschein. Vgl. Wagenschein, M. (19953).Naturphänomene sehen und verstehen. Genetische Lehrgänge. Stuttgart: Klett Verlag, 18.

[2] Barnes, H. Karl Ege, auf: biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=418, abgerufen am 18. Januar 2014.

[3] Haid, C. (2003). René Maikowski. In Bodo v. Plato (Hg.), Anthroposophie im 20. Jahrhundert. (S. 492-494). Dornach: Verlag am Goetheanum.

[4] Leber, S. (o.J.). Robert Killian, auf: biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=177, abgerufen am 14. Januar 2014. Vgl. auch den Beitrag von Ernst Weißert zu Robert Killian (19792). In Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner. In der ersten Waldorfschule 1919-1925. (S. 177-179). Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben.

[5] Noth, E.E. (1971). Erinnerungen. München: Claassen Verlag, 165. Noth bezieht sich im Kontext auf die Zeit, die er als Schüler an der Odenwaldschule verbracht hatte.

[6] OSO: Odenwald Schule Oberhambach. Das Gelände der ehemaligen Schule liegt im Heppenheimer Ortsteil Oberhambach.

[7] Frielingsdorf, V. (2012). Waldorfpädagogik in der Erziehungswissenschaft.Weinheim: Beltz Verlag, 186.

[8] Ibid., 196.

[9] Diese Regelung bezog sich jedoch nicht auf Schüler, deren Eltern zum Christentum konvertiert waren. Unter den Schülerlisten von Haubinda findet man viele jüdische Familien, unter anderem die Elternhäuser von Nelly Sachs und Walter Benjamin.

[10] Interessanterweise wurde sogar Lietz’ programmatisches Werk Emlohstobba (Ananym von Abbotsholme), das eine utopische Schulgemeinschaft darstellen soll, vermutlich von Paul Geheeb redigiert. Vgl. archiv.ub.uni-marburg.de/sonst/1999/0015.html#a8, abgerufen am 18. Januar 2014.

[11] Vgl. Näf, M. (2006). Paul und Edith Geheeb-Cassirer. Weinheim u. Basel: Beltz Verlag, 62 ff.

[12] Anon. (1909). Satzung der Freien Schulgemeinde Wickersdorf (GmbH). Versammlung der Gesellschafter am 27. Juni 1909. Berlin: S. Moeser, 3.

[13] Eine sehr detaillierte Beschreibung der Beziehung zwischen Edith Cassirer und Paul Geheeb findet man in Sigrid Bauschingers gelungener Familienbiographie Die Cassirers. München: C.H. Beck, 2015, S. 181 ff.

[14] Näf, M. Reformpädagogik ist nicht gleich Reformpädagogik. Das Beispiel Geheeb – Wyneken. Aufwww.martinnaef.ch/downloads/naef_wyneken_geheeb.htm, abgerufen am 2. Februar 2014.

[15] Genaueres dazu in: Büschel, J. (2004). Edith Geheeb. Berlin: Weidler Buchverlag. 28 ff.

[16] Vgl. das Schreiben Rudolf Steiners an Mathilde Scholl aus dem Klosterheim Haubinda, mit Poststempel Friedrichshall, 14.8.05. GA 264, 96.

[17] Vgl. Lindenberg, C. (20102). Rudolf Steiner. Eine Chronik. 1861-1925.Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 233. Ders. (2011), Rudolf Steiner. Eine Biographie. 1861-1925. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 691.

[18] GA 293, 74; GA 300b, 313.

[19] Vgl. auch Ullrich, V. (2011). Rudolf Steiner. Leben und Lehre. München: C.H. Beck. 84. Helmut Zander geht genauer auf die oben erwähnten Passagen ein und kommt zu dem Schluss, dass Steiner vor allem aus einer Unkenntnis der Reformpädagogik heraus derart kritisch gesprochen haben mag. Andererseits sind Zanders Kenntnisse der Genese reformpädagogischer Elemente als bestenfalls nebulös zu bezeichnen, schreibt er doch selbst: „Welche Rolle in diesem Prozess einige der von Steiner an die Stuttgarter Waldorfschule berufene (sic) Lehrer spielten, die von Lietz’ Landerziehungsheim oder aus der Odenwaldschule Paul Geheebs kamen, ist augenblicklich unklar.“ Zudem gab es in der Gründungsphase der ersten Waldorfschule wahrscheinlich keinen Lehrerwechsel von der Odenwaldschule an den Kanonenweg. Vgl. Zander, H. (2007). Anthroposophie in Deutschland. Band II. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1389.

[20] Vgl. Tageswerkplan im D.L.E.H. Haubinda Sommerhalbjahr 1903. In Hermann Lietz (1903). Unterricht und Kunst in Deutschen Land-Erziehungsheimen 1903.Berlin: Ferd. Dümmler’s Verlag.

[21] Geheeb, P. (1905). Das 4. Jahr im D.L.E.H. Haubinda in Thüringen, in Hermann Lietz (Hrsg.), Das siebente Jahr in Deutschen Land-Erziehungsheimen. Schloss Bieberstein und Haubinda (24-32). Leipzig: R. Voigtländers Verlag, 25.

[22] Ibid., 26.

[23] Vgl. www.meiningen.de/media/custom/1226_109_1.PDF?1333004470, abgerufen am 3. Februar 2014.

[24] Lietz, H. (1910). DLEH. Grundsätze und Einrichtungen. Leipzig: Voigtländers Verlag, 14.

[25] Ibid., 32.

[26] Ibid., 37.

[27] Ibid., 32.

[28] Die Texte und Skizzen der ersten Jahresarbeiten aus Bieberstein wurden von Alfred Andreesen sogar in einem broschierten Band herausgegeben: Andreesen, A. (Hrsg.) (o.J.). Die Jahresarbeiten der Primaner. Veckenstedt a. Harz: Verlag des Landwaisenheimes. Der Hinweis auf Kerschensteiner findet sich im Vorwort, „Grundsätzliches zu den Jahresarbeiten“ (S. 3). Dort zitiert Andreesen auch aus der Prüfungsordnung § 7,1: „Dem Schüler, der sich der Reifeprüfung unterziehen will, ist es gestattet, eine größere Hausarbeit (Jahresarbeit) einzureichen. Diese Jahresarbeit soll den Beweis erbringen, dass er fähig ist, bestimmte Arbeitsmethoden auch auf selbstgewählte Stoffe erfolgreich anzuwenden. Die Wahl der Aufgaben steht dem Schüler frei. Die Arbeit kann allen auf der Schule gepflegten Gebieten von Wissenschaft und Kunst entnommen sein…“ Andreesen,Jahresarbeiten, 3 f.

[29] Lietz, LEH 1903, 89.

[30] Ibid., 95.

[31] Ibid., 87.

[32] Vgl. dazu auch Lietz’ (1897) enthusiastischen Schulroman Emlohstobba. Berlin: Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung, in dem eine ideale Schulgemeinschaft beschrieben wird. Emlohstobba ist das Ananym von Abbotsholme; der Bezug zu Reddies Schule ist im Roman stark zu erkennen.

[33] Sogar Details des pädagogischen Transfers haben sich bis in die Gegenwart erhalten. „Familienabende“, die in Haubinda bereits im Schuljahr 1904/5 begangen worden waren, fand man noch im Schuljahr 2013/14 an der Odenwaldschule – bevor sie dort zum folgenden und letzten Jahr (2014/15) in „Gruppenabende“ umbenannt wurden. Vgl. Geheeb, Das siebente Jahr, 12.

[34] Vgl. Geheebs Antrag auf Genehmigung der Odenwaldschule beim Hessischen Kultusministerium vom 20.08.1909. In Ulrich Herrmann (Hrsg.) (2010), Paul Geheeb. Die Odenwaldschule. Berichte und Diskussionen von Mitarbeitern und Schülern. Jena: edition Paideia, 41.

[35] Ibid., 63/4.

[36] Rudolf Steiner (1983). Erziehungsfragen im Reifealter. Zur künstlerischen Gestaltung des Unterrichts. Zwei Vorträge am 21. und 22. Juni 1922. In Erziehung und Unterricht aus Menschenerkenntnis. Dornach: Rudolf Steiner Verlag, 86.

[37] Mario Jona (1930). Aus der Entstehungszeit der Kursorganisation. In Hermann, U. (2010) Die Odenwaldschule 1909-34,166. Erstveröffentlichung in:Aufsätze aus dem Mitarbeiterkreis der Odenwaldschule zu ihrem zwanzigjährigen Bestehen. Oberhambach: Druckerei der Odenwaldschule, 52-54.

[38] Ibid., 166.

[39] Brief Mario Jona an Otto Erdmann (19. August 1912). Kloster-Platz. In Nachlass Otto Erdmann, Zur Geschichte der Kursorganisation in der Odenwaldschule 1912-1920, Archiv der Odenwaldschule.

[40] Ibid.

[41] Ibid.

[42] Ibid.

[43] Undatierte Notiz mit dem Titel Erklärung in der Handschrift Mario Jonas in Nachlass Otto Erdmann, Zur Geschichte der Kursorganisation in der Odenwaldschule 1912-1920, Archiv der Odenwaldschule.

[44] Stundenplan seit Ostern 1912. In Nachlass Otto Erdmann, Zur Geschichte der Kursorganisation in der Odenwaldschule 1912-1920, Archiv der Odenwaldschule.

[45] Erdmann, O. (1914). Die Arbeitsorganisation der Odenwaldschule. In Herrmann, U. Die Odenwaldschule 1909-34, 158. Erstveröffentlichung in Die Tat. (März 1914, Heft 12), 1284-88.

[46] Auch hier bestehen Verbindungen vom Umkreis der Waldorfpädagogik zu den Landerziehungsheimen und zur Odenwaldschule. Vgl. Priebe, A. (2010) Tanze wie Du bist. Hundert Jahre Tanzpädagogik an der Odenwaldschule. In M. Kaufmann / A. Priebe (Hrsg.). 100 Jahre Odenwaldschule. Der wechselvolle Weg einer Reformschule. Berlin: vbb (S. 186-200). Alice Buchtal (Loheland 1914/15, Odenwaldschule 1917/18), Lita Zernecke (Loheland 1923/24, 1923–25 Odenwaldschule), Sophie Bublitz (Loheland 1922–24, seit 1926 Odenwaldschule) und Gertrud Ueberle (Loheland, 1926/27 Odenwaldschule) lehrten die Loheland-Tänze als Mitarbeiterinnen an der Odenwaldschule.

[47] Vgl. dazu Erdmanns handschriftlichen Entwurf Kursorganisation der Odenwaldschule. Jahresplan 1913 für die theoretischen Kurse. In Nachlass Otto Erdmann, Zur Geschichte der Kursorganisation in der Odenwaldschule 1912-1920, Archiv der Odenwaldschule.

[48] Herrmann, U. „ein pädagogisches Laboratorium“ – Paul und Edith Geheebs Odenwaldschule 1910-1934. In Ders. (Hrsg.) (2010) Die Odenwaldschule, 27.

[49] Erdmann, O. (1920). Die Imperative der Kursorganisation. Giessen: Selbstverlag, 5. In Nachlass Otto Erdmann, Zur Geschichte der Kursorganisation in der Odenwaldschule 1912-1920, Archiv der Odenwaldschule.

[50] Vgl. dazu auch Husemann, G. & Tautz, J. (19792). Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner. In der ersten Waldorfschule 1919-1925. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben.

[51] Ullrich, H. Rudolf Steiner, 85.

[52] Gespräch mit Christoph Killian am 4. Mai 2015.

[53] Vgl. Leber, Robert Killian und Weißert, 177-79.

[54] Killian, R. (1960). Jugendbewegung, Schulreform und Waldorfschule. Ein Beitrag aus dem Jahre 1921. In Erziehungskunst, Heft 7/8, 244.

[55] Ibid., S. 245.

[56] Ibid., S. 245.

[57] Ibid., S. 245.

[58] Steiner, R. (1981). Die Erkenntnis-Aufgabe der Jugend. Dornach: Rudolf Steiner Verlag, 79.

[59] Weißert, in Husemann & Tautz, 178 f.

[60] Werner, U. (1999). Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus.München: Oldenbourg Verlag, 225.

[61] Gespräch mit Christoph Killian am 4. Mai 2015.

[62] So schreibt Geheeb kurz vor seiner Emigration in die Schweiz in einem Brief vom 24. März 1934 an Hans von Kap-herr: „Inzwischen haben Sie auch erfahren, dass mein Freund Heinrich Sachs sich nach langem Schwanken und zum Teil qualvollen Überlegungen und Erörterungen entschlossen hat, zusammen mit Dr. Meyer nach Ostern zu versuchen, etwas von der Odenwaldschule hier zu retten, und zwar in kleinem Rahmen in zwei von meinem Schwiegervater zu mietenden Häusern von neuem eine Odenwaldschule zu eröffnen: Mir kommt dies Projekt äußerst phantastisch vor; die beiden so kühn unternehmenden Mitarbeiter und die Eltern, die dazu gedrängt haben, sind offenbar gar nicht in der Lage, die ungeheueren Schwierigkeiten mannigfacher Art zu übersehen.“ Akte Joerg, Lisi und Marie-Anne von Kap-herr (3295) im Archiv der Odenwaldschule.

[63] Personalakte René Maikowski. Bestand GdO im Archiv der Odenwaldschule.

[64] Vgl. dazu die ausführliche Darstellung von Uwe Werner, a.a.O., 94 ff.

[65] Personalbogen der Odenwaldschule, Karl Ege, 2.

[66] Alle Angaben aus Eges Lebenslauf in seiner Personalakte im Archiv der Odenwaldschule. Vgl. auch: Barnes, H. (o.J.). Karl Ege, auf: biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=418, abgerufen am 18. Januar 2014.

[67] Vgl. Barnes.

[68] Personalbogen der Odenwaldschule, Karl Ege, 3

[69] Brief von Heinrich Sachs an die Kreisleitung der NSDAP in Stuttgart, 3. August 1941.

[70] Brief Karl Eges an Heinrich Sachs, 28. Januar 1942.

[71] Formblatt in der Personalakte Karl Eges: Anzeige über Verheiratung Mirjam Adda Biedermann und Karl Ege am 17. Dezember 1932, unterschrieben am 3. September 1941.

[72] Brief von Heinrich Sachs an Karl Ege, 18. März 1942.

[73] Käthe Winkelmüller hatte sich „als außerordentlich tüchtige Erzieherin bewährt“, weshalb Sachs für sie eine Unterrichtserlaubnis in den Klassen 1-4 der Grundschule beantragte. Schreiben von Sachs an Reichsstatthalter, Abteilung VII, 26. September 1940. Personalmeldungen an die Landesregierung 1. Juni 1940 bis 15. März 1945.

[74] In einer Anfrage an die Abteilung VII des Reichsstatthalters in Hessen bittet Sachs am 28. Oktober 1943 um Bestätigung des Arbeitszeugnisses für Käthe Winkelmüller, die inzwischen von der NSDAP im „Arbeitsbereich Generalgouvernement, Hauptarbeitsgebiet Volkswohlfahrt in Krakau mit dem Referat für Nachwuchslenkung und Schulung“ betraut wurde. In der Regel wurden derartige Stellen nur mit überzeugten Nationalsozialisten besetzt. Anfrage Heinrich Sachs an den Reichstatthalter in Hessen, Abteilung VII, Darmstadt, 28. Oktober 1943. Personalmeldungen an die Landesregierung 1. Juni 1940 bis 15. März 1945.

[75] Brief von Karl Ege an seine 1. Klasse an der Odenwaldschule, Stuttgart, 16. März 1942, S. 1. Am oberen Rand findet sich eine handschriftliche Notiz von Heinrich Sachs: „Käte Winkelmüller zum Vorlesen & zur Rückgabe bitte an Sachs“

[76] Ege an seine 1. Klasse an der Odenwaldschule, S. 2. In einem handschriftlichen Vermerk kommentierte Sachs diese Zeilen: „Ist es nicht merkwürdig, wie sich die Gedanken von Herrn Ege mit meinen Worten von heute morgen begegnen!“

[77] Alle Angaben aus Barnes, Karl Ege.

[78] Gespräch mit Christoph Killian am 4. Mai 2015.

[79] Im Nachlass von Heinrich Sachs im Archiv der Odenwaldschule befindet sich eine Mappe mit Entlastungsschreiben, unter anderem mit Aussagen, dass Sachs in mehreren Fällen jüdische Kinder an der Schule aufgenommen hätte, ohne deren Herkunft in der Schule zu thematisieren. Vgl. die Schreiben von Konstantin Balaszeskul (2. Januar 1946), Russell Hill (15. Februar 1946), Helene Wachendorff (15. Februar 1946), Käte Lindemann (16. März 1946), Roland Hoppenstedt (9. April 1946), Emil Fuchs (13. April 1946), Friedrich Brie (3. Mai 1946), George Sachs (3. Juni 1946) und Eduard Zuckmayer (30. August 1946).

[80] Amtlich beglaubigtes Entlastungsschreiben von Käte Lindemann für Heinrich Sachs vom 16. März 1946. Käte Lindemann wurde im Dritten Reich als Volljüdin diskriminiert; in ihrem Schreiben erwähnt sie, dass 50 Mitglieder ihrer weiteren Familie in KZs umgebracht wurden und sich ihr Vater mit Veronal vergiftete, um der Deportation zu entgehen.  Mit ihrem Mann, der nach Buchwald gebracht werden sollte, und ihren beiden Töchtern flüchtete sie 1944 nach Ober-Hambach. Dort wurde die Familie vier Monate versteckt, bis zum Eintreffen der Amerikaner. Die jüngste Tochter starb in dieser Zeit an einer Hirnhautentzündung.

[81] Vgl. die ausführliche Darstellung in Näf, M. Paul und Edith Geheeb-Cassirer, 645 ff.

[82] GA 300: Konferenz vom 8. September 1919.

 

Bibliographie

 

Monographien, Sammelbände, Zeitschriftenartikel und Aufsätze

 

Andreesen, A. (o.J.). Die Jahresarbeiten der Primaner. Veckenstedt a. Harz: Verlag des Landwaisenheimes

Anon. (1909). Satzung der Freien Schulgemeinde Wickersdorf (GmbH). Versammlung der Gesellschafter am 27. Juni 1909. Berlin: S. Moeser

Barnes, H. Karl Ege, auf: biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=418, abgerufen am 18. Januar 2014.

Bauschinger, Sigrid (2015). Die Cassirers. München: C.H. Beck

Büschel, J. (2004). Edith Geheeb. Berlin: Weidler Buchverlag

Frielingsdorf, V. (2012). Waldorfpädagogik in der Erziehungswissenschaft.Weinheim: Beltz Verlag

Haid, C. (2003). René Maikowski. In Bodo v. Plato (Hg.), Anthroposophie im 20. Jahrhundert. (S. 492-494). Dornach: Verlag am Goetheanum

Herrmann, U. (Hrsg.) (2010). Paul Geheeb. Die Odenwaldschule. Berichte und Diskussionen von Mitarbeitern und Schülern. Jena: edition Paideia

Husemann, G. & Tautz, J. (19792). Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner. In der ersten Waldorfschule 1919-1925. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben

Kaufmann, M. / Priebe, A. (Hrsg.) (2010). 100 Jahre Odenwaldschule. Der wechselvolle Weg einer Reformschule. Berlin: vbb

Killian, R. (1960). Jugendbewegung, Schulreform und Waldorfschule. Ein Beitrag aus dem Jahre 1921. In Erziehungskunst, Heft 7/8, S. 244 ff.

Leber, S. (o.J.). Robert Killian, auf: biographien.kulturimpuls.org/detail.php?&id=177, abgerufen am 14. Januar 2014

Lietz, H. (1897). Emlohstobba. Berlin: Ferd. Dümmlers Verlagsbuchhandlung

Lietz, H. (1903). Unterricht und Kunst in Deutschen Land-Erziehungsheimen 1903. Berlin: Ferd. Dümmler’s Verlag

Lietz, H. (1905), Das siebente Jahr in Deutschen Land-Erziehungsheimen. Schloss Bieberstein und Haubinda. Leipzig: R. Voigtländers Verlag

Lietz, H. (1910). DLEH. Grundsätze und Einrichtungen. Leipzig: Voigtländers Verlag

Lindenberg, C. (20102). Rudolf Steiner. Eine Chronik. 1861-1925. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben

Lindenberg, C. (2011), Rudolf Steiner. Eine Biographie. 1861-1925. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben

Näf, M. (2006). Paul und Edith Geheeb-Cassirer. Weinheim u. Basel: Beltz Verlag

Näf, M. Reformpädagogik ist nicht gleich Reformpädagogik. Das Beispiel Geheeb – Wyneken. Auf www.martinnaef.ch/downloads/naef_wyneken_geheeb.htm, abgerufen am 2. Februar 2014

Noth, E.E. (1971). Erinnerungen. München: Claassen Verlag

Steiner, R. (1981). Die Erkenntnis-Aufgabe der Jugend. GA 217a. Dornach: Rudolf Steiner Verlag

Steiner, R. (1996), Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der esoterischen Schule 1904-1914. GA 264. Dornach: Rudolf Steiner Verlag

Steiner, R. (1992). Allgemeine Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik. GA 293. Dornach: Rudolf Steiner Verlag

Steiner, R. (1975). Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule in Stuttgart. Erster Band. GA 300a. Dornach: Rudolf Steiner Verlag

Steiner, R. (1975), Konferenzen mit den Lehrern der Freien Waldorfschule in Stuttgart. Zweiter Band. GA 300b. Dornach: Rudolf Steiner Verlag

Ullrich, V. (2011). Rudolf Steiner. Leben und Lehre. München: C.H. Beck

Wagenschein, M. (19953). Naturphänomene sehen und verstehen. Genetische Lehrgänge. Stuttgart: Klett Verlag

Weißert, R. Robert Killian (19792). In Der Lehrerkreis um Rudolf Steiner. In der ersten Waldorfschule 1919-1925. (S. 177-179). Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben.

Werner, U. (1999). Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus. München: Oldenbourg Verlag

Zander, H. (2007). Anthroposophie in Deutschland. Band II. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

 

Unveröffentlichte Quellen aus dem Archiv der Odenwaldschule:

 

Anon. (o.J.). Personalakte Karl Ege. Bestand GdO im Archiv der Odenwaldschule

Anon. (o.J.). Personalakte René Maikowski. Bestand GdO im Archiv der Odenwaldschule

Ege, K. (16. März 1942). Stuttgart. Brief an die 1. Klasse der Odenwaldschule. In Personalmeldungen an die Landesregierung 1. Juni 1940 bis 15. März 1945. Bestand GdO im Archiv der Odenwaldschule

Erdmann, O. (o.J.) Zur Geschichte der Kursorganisation in der Odenwaldschule 1912-1920, Archiv der Odenwaldschule

Erdmann, O. (1912). Stundenplan seit Ostern 1912. In Nachlass Otto Erdmann, Zur Geschichte der Kursorganisation in der Odenwaldschule 1912-1920, Archiv der Odenwaldschule

Erdmann, O. (1913). Kursorganisation der Odenwaldschule. Jahresplan 1913 für die theoretischen Kurse. In Nachlass Otto Erdmann, Zur Geschichte der Kursorganisation in der Odenwaldschule 1912-1920, Archiv der Odenwaldschule

Erdmann, O. (1920). Die Imperative der Kursorganisation. Giessen: Selbstverlag. In Nachlass Otto Erdmann, Zur Geschichte der Kursorganisation in der Odenwaldschule 1912-1920, Archiv der Odenwaldschule

Geheeb, P. (24. März 1934). Brief an Hans von Kap-herr. Ober-Hambach. In Akte 3295 (Joerg, Lisi und Marie-Anne von Kap-herr), Archiv der Odenwaldschule

Jona, M. (19. August 1912). Brief an Otto Erdmann. Klosters-Platz. In Nachlass Otto

Jona, M. (o.J.). Erklärung. In Nachlass Otto Erdmann, Zur Geschichte der Kursorganisation in der Odenwaldschule 1912-1920, Archiv der Odenwaldschule

Sachs, H. (3. August 1941). Ober-Hambach. Brief an die Kreisleitung der NSDAP in Stuttgart. Bestand GdO im Archiv der Odenwaldschule

Sachs, H. (18. März 1942). Ober-Hambach. Brief an Karl Ege. Bestand GdO im Archiv der Odenwaldschule

Sachs, H. (28. Oktober 1943). Ober-Hambach. Anfrage an die Abteilung VII des Reichsstatthalters in Hessen. In Personalmeldungen an die Landesregierung 1. Juni 1940 bis 15. März 1945. Bestand GdO im Archiv der Odenwaldschule