Foto: Andreas Arnold

Alnatura-Gründer Rehn / Foto: Andreas Arnold

Götz Rehn, was ist Ihr Fazit in der Rückschau auf das vergangene Jahr?

Das Schöne im Leben ist, dass wir das, was uns in Zukunft erwartet, nicht voraussehen können. Im vergangenen Jahr haben wir durch die Auslistung von fast 200 Alnatura-Produkten in allen dm Drogeriemärkten einen erheblichen Umsatzrückgang verzeichnet. Wir freuen uns deshalb über unsere neuen Handelspartner in Österreich und in Deutschland. Insbesondere durch das große Netz der Edeka-Märkte können wir  sicherstellen, dass die Kundinnen und Kunden Alnatura-Produkte auch in Zukunft in ihrer Nähe einkaufen können.

Neben diesem unerwarteten und für uns sehr einschneidenden Ereignis hat sich Alnatura im letzten Geschäftsjahr gut entwickelt. Wir konnten trotz dieser Schwierigkeiten unseren Umsatz um zehn Prozent erhöhen. Es wurden acht neue Alnatura Super Naturmärkte eröffnet, und unser neuer Webshop entwickelt sich sehr positiv.

Alnatura entwickelte sich wieder schneller als der deutsche Biomarkt insgesamt. Was treibt Ihren Gewinn an?

Die Wertschätzung der Marke Alnatura bei unseren Kundinnen und Kunden ist außerordentlich positiv. Das freut mich sehr, denn eine schönere Bestätigung kann man als Unternehmer nicht erhalten. Ob mit oder ohne dm – unsere Kernfrage bleibt dieselbe: Wie kann es gelingen, mehr Menschen für Bio-Produkte zu begeistern und damit einen Beitrag zu leisten, respektvoll und eben nicht zerstörerisch mit der Erde umzugehen?

Sie haben intensiv Ihren Onlinehandel entwickelt. Doch trägt der Online-Handel nicht zur Verödung vor allem kleinerer Innenstädte bei?

Nach meiner Erfahrung und nach meinem Verständnis entwickeln sich Off- und Onlinehandel parallel. Ich habe zum Beispiel einen guten Freund, der an den Rollstuhl gefesselt ist und für den der Onlinehandel die einzige Möglichkeit ist, Alnatura-Produkte selbstständig bestellen und beziehen zu können. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass interessante und attraktive Einzelhandelsgeschäfte in den Innenstädten erhalten bleiben.

Möchten Sie den Trend zur verpackungsfreien Ware in Ihren Märkten mitgehen?

Als ich meinen ersten Alnatura Super Natur Markt 1987 in Mannheim eröffnete, habe ich im großen Stil loses Getreide und andere Bio-Produkte ohne Verpackung angeboten. Der Kunde konnte sich die Ware individuell abfüllen. Im Laufe der Jahre ist das Interesse daran stark zurückgegangen. Die Sinnhaftigkeit ist auch bei Verpackungen der Maßstab unseres Handelns. Verpackungen erfüllen durchaus einen Sinn: Schutz, Hygiene, längere Haltbarkeit und wichtige Produktinformationen direkt auf der Packung. Wir stellen hohe Anforderungen an eine möglichst nachhaltige Verpackung und haben dafür einen anspruchsvollen Leitfaden entwickelt, mit dem Ziel, möglichst wenige und möglichst umweltverträgliche Materialien einzusetzen.

Im Onlinebereich arbeiten Sie mit einem Gourmet-Anbieter zusammen. Geht da nicht der anthroposophische Impuls verloren?

Unser wichtigstes Ziel ist, den biologischen Landbau zu fördern. Deshalb begrüße ich es, wenn möglichst viele Händler Bio-Produkte anbieten. Wir kooperieren mit Gourmondo, weil uns der hohe Qualitätsanspruch dieses Partners überzeugt. Von unserer Kooperation mit Gourmondo profitiert auch Demeter, weil wir in Alnatura Produkten – wo immer möglich – bevorzugt Rohstoffe in Demeter-Qualität verarbeiten.

Bio sei nicht Bio, sagen Sie. Wie steht es um das besondere Bio in den Edeka-Regalen?

Edeka hat eine lange Tradition im Angebot von Bio-Produkten. Und Alnatura ist im letzten Jahr zur beliebtesten Lebensmittelmarke der Deutschen gewählt worden. Die Alnatura-Produkte sind deshalb für das bestehende Edeka Bio-Sortiment eine hochwertige Ergänzung. Mit ihren genossenschaftlichen Strukturen ist die Edeka außerdem ein guter Partner für uns.

Über die paar Demeter Produkte, die Sie vertreiben, erfahren wir erst durch genaueres Lesen der Verpackung oder im Onlinebereich.

Es sind durchaus mehr als nur „ein paar“. 135 Alnatura Produkte tragen aktuell das „biologisch-dynamisch“ oder Demeter-Siegel. Unsere Qualitätsgrundsätze sind klar definiert. Ein zentrales Kriterium ist, möglichst viele Produkte oder Zutaten aus Verbandsware anzubieten, zum Beispiel von Demeter, Bioland oder Naturland. Wenn wir die Wahl zwischen verschiedenen Rohwaren aus Verbandserzeugung haben, setzen wir bevorzugt Demeter ein. Selbst wenn ein Alnatura-Produkt im Regal nicht mit einem Siegel von Demeter oder Bioland ausgelobt ist, erfüllen häufig einzelne Zutaten des Produktes die höheren Anforderungen dieser Verbände, zum Beispiel den Verzicht auf Rieselhilfen im Salz. Der Demeter-Gedanke ist somit in vielen unserer Produkte immanent, wenn auch nicht immer sichtbar.

Mit und ohne Verpackung, regional und saisonal: Blick in einen Alnatura-Markt / Foto: Alnatura

Mit und ohne Verpackung, regional und saisonal: Blick in einen Alnatura-Markt / Foto: Alnatura

Es gab einige Kritik, weil Sie argentinische Äpfel verkauft haben. Geht es nicht mehr, zu sagen: Das gibt es jetzt gerade nicht! Freuen wir uns nicht, wenn es wieder etwas gibt, auf das wir eine Zeit verzichten mussten? Stichwort: Spargel und Erdbeeren.

Wir überlegen uns, welches Sortiment wir wann sinnvollerweise anbieten. Dabei differenzieren wir sehr genau. So ist die Öko-Bilanz eines im Winter angebotenen argentinischen Apfels trotz des weiten Transportweges günstiger als die eines mit hohem Energieaufwand im Kühlhaus gelagerten deutschen Apfels. Erdbeeren oder Spargel zu Weihnachten werden Sie bei Alnatura nicht finden.

Alnatura gilt als anthroposophisches Unternehmen. Was ist daran heute noch anthroposophisch?

Die Grundlage von Alnatura ist die Anthroposophie Rudolf Steiners. Durch die Begegnungen, die ich mit Herbert Witzenmann, einem Anthroposophen und Unternehmer hatte, wurden meine Überlegungen und Ideen zu einer Neugestaltung von Unternehmen wesentlich geprägt. Im Mittelpunkt all unserer Initiativen steht die Freiheit. Es geht darum, alles dafür zu tun, dass der Mensch sein geistiges Potenzial weiter entfalten kann. Das gilt sowohl für die Kunden als auch insbesondere für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Arbeitsgemeinschaft. Wir ermöglichen dies durch anthroposophische Arbeitskreise, künstlerische Arbeitsgruppen, eine regelmäßige Serie zu anthroposophischen Fragestellungen in unserem Kundenmagazin und vieles mehr.

Es geht aber auch um die Befreiung der Erde. Nach unserem Verständnis reicht es nicht, die Erde zu beschützen, um zu überleben. Vielmehr sehen wir es als unsere Aufgabe an, dazu beizutragen, dass durch unsere Handlungen die Natur sich besser entfalten kann bzw. dass wir mit der Natur im Dialog neue, bislang nicht existierende Leistungen gestalten.

Wie wichtig ist Ihnen privat die Anthroposophie? Wie leben Sie mit ihr?

Ich beschäftige mich täglich mit den Werken Rudolf Steiners. Nach meinem Verständnis ist vor allem die Entwicklung des Selbst die wesentliche Voraussetzung, um im Leben praktisch wirken zu können.

Wie sieht es mit dem anthroposophischen Faktor in Ihrem Unternehmen aus, wenn Sie einmal abtreten?

Die nächsten Jahre werde ich im Unternehmen noch aktiv mitgestalten. Zug um Zug bin ich dabei, das Unternehmen für die Übergabe vorzubereiten. Dies betrifft eine Veränderung der Rechtsform, aber auch insbesondere die Weiterentwicklung der Unternehmensführung. Nach unserem Verständnis wird es in Zukunft wichtig sein, dass Unternehmen als soziale Gemeinschaften sich evolutionär entwickeln und jeder Einzelne im Sinne des Ganzen zu denken und insbesondere situativ zu handeln bereit und in der Lage ist.

Ist ein Verblassen der Anthroposophie in erfolgreichen Unternehmen nicht auch der Grund für das plötzliche Installieren einer eigenen Biomarke bei dm? Dass plötzlich andere am Ruder sind?

Natürlich führt ein Generationenwechsel in einem Organismus – egal, ob in einer Schule, in einem Krankenhaus oder auch in einem Unternehmen – zu einer Veränderung im sozialen Organismus. Die Frage ist jedoch: Gelingt es in der Pioniergeneration, viele im Unternehmen aktiv engagierte Kolleginnen und Kollegen anzuregen, sich auf den Weg zu machen und immer mehr selbst ein Unternehmer zu werden, der den Sinn sucht und Sinnvolles verwirklichen möchte?

Bei Alnatura habe ich den Eindruck, dass es immer mehr Menschen gibt, die verstanden haben, was unser Leitmotiv „Sinnvoll für Mensch und Erde“ bedeutet. Diese Menschen sind in der Lage, eigenverantwortlich und mutig, aus diesem Ideal heraus das Unternehmen in die Zukunft zu führen.

Vom Verhalten des langjährigen Handelspartners dm überrascht: Götz Rehn. Foto: Thomas Fedra

Vom Verhalten des langjährigen Handelspartners dm überrascht: Götz Rehn. / Foto: Thomas Fedra

Aber wie kommen Sie damit klar, dass nach langjährigen geschäftlichen wie privaten Gemeinsamkeiten erst einseitig jegliche Kooperation aufgekündigt und nun auch noch gerichtlich dagegen vorgegangen wird, dass Sie sich neue Vertriebspartner suchen?

Wir waren sehr überrascht, als dm vor über einem Jahr die Einführung einer Bio-Eigenmarke ankündigte. Immerhin hatten wir über 30 Jahre sehr erfolgreich zusammengearbeitet, und die Marke Alnatura war ein wichtiger Bestandteil im dm-Sortiment. Dass dies nun nicht mehr so ist, bedauern wir sehr. Grundsätzlich ist jede neue und unerwartete Situation eine Chance für Veränderungen. Den Sinn eines solchen intensiven Ereignisses kann man meist erst im Rückblick klarer erkennen.

Was wünschen Sie sich für 2016?

Ich wünsche mir, dass auf der Erde mehr Menschen vernünftig denken und handeln. Ich wünsche mir, dass es uns gelingt, die Freiheit des Menschen zu respektieren und ihn würdevoll zu behandeln. Ich wünsche mir ein Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen und natürlich auch des Terrors. Ich hoffe, dass die Verträge von Paris dazu beitragen, die Klimakatastrophe der Erde noch zu verhindern.

Ich wünsche mir für Alnatura, dass es uns gelingt, unseren Kundinnen und Kunden möglichst schnell an vielen Stellen in Deutschland Alnatura-Produkte zur Verfügung zu stellen, die sie nicht mehr bei dm erhalten.

Ich wünsche mir für die Alnatura-Arbeitsgemeinschaft, dass wir die großen Herausforderungen souverän meistern und gestärkt aus der Umgestaltung unseres Unternehmens hervorgehen.

 

Interview: Ronald Richter. Hier geht’s zur Kult.Radio Website u.a. mit einem Podcast mit Götz Werner von dm.

 

Ein Text aus der Februar-Ausgabe der Zeitschrift Info3. Hier kostenloses Probeheft bestellen.