Es gibt sie zuhauf, die langweiligen akademischen Sitzungen, bei denen sich die Teilnehmer gegenseitig in den Schlaf nicken und höflich zitieren. Und es gibt sie manchmal auch, die spannenden universitären Tagungen, auf denen miteinander gerungen und gegeneinander argumentiert wird – für den Erkenntnisgewinn. Das 2. Wittener Kolloquium Humanismus, Medizin und Philosophie, zu dem sich Anfang März Wissenschaftler, Ärzte und Studenten im Ruhrgebiet trafen, erwies sich als gutes Beispiel der besseren Art.

Was ist Geist? So lautete die Frage, die Peter Heusser, Gastgeber und Inhaber des Lehrstuhls für Medizintheorie, Integrative und Anthroposophische Medizin an der Universität Witten/Herdecke, dem Kolloquium vorangestellt hatte. „Antworten und Konsequenzen für die wissenschaftliche und praktische Medizin“ versprach der Untertitel. Und tatsächlich: Die rund 100 Teilnehmer lauschten zwölf Referenten, die aus unterschiedlichsten Perspektiven den Geistbegriff erhellten – seien es Quantenphysik, Neurobiologie, Psychologie, Philosophie oder Theologie.

Die fruchtbare Auseinandersetzung dokumentiert ein Beispiel: Nachdem Peter Heusser über den „empirischen Zugang zum Geist in Anthropologie und Anthroposophie“ gesprochen und „anstelle eines Paradigmen- einen Methodenwechsel“ im Sinne Steiners gefordert hatte, merkte der Hegel-Forscher Dieter Wandschneider (RWTH Aachen) an, dass ihm Steiner mehr als Visionär denn als Wissenschaftler erscheine – zumal nicht als solcher, der in der Tradition einer „begründungsorientierten Philosophie“ stehe. Während Heusser an dieser Stelle auf Steiners erkenntnistheoretische Frühschriften verwies, forderte der Arzt und Theologe Mathias Beck (Universität Wien) kurzerhand eine „philosophische Vollzugsorientierung“, die er bei Thomas von Aquin bereits angelegt sah. Wie Wandschneider in seinem Referat dann den Geist „als Krone und Kreuz der Natur“ beschrieb, kam dieser Vollzugsorientierung schon recht nahe.

Dass auch über Homöopathie, Nahtoderfahrungen, Meditation und Reinkarnation debattiert wurde, zeigt das Bemühen, sich aus heutiger wissenschaftlicher Perspektive kaum verstehbaren Phänomenen zuzuwenden. Jeder hatte dabei ohne sicheren Rückhalt ganz aus sich heraus zu sprechen.

Zwei altbekannte Streitpunkte erhitzten zeitweise die Gemüter: Als die Biologin Martina Piefke (Universität Witten/Herdecke) über „neurobiologische Korrelate mentaler Prozesse“ vortrug und den freien Willen zu einer „sozio-kulturellen Fiktion“ erklärte, konnte das nicht unwidersprochen bleiben. Interessant, dass sich Piefke gar nicht so sehr aus biologischer Sicht zu dieser Äußerung veranlasst sah, sondern vor allem aus forensischer – fragen doch Juristen zunehmend, ob die Schuldfähigkeit von Straftätern physisch eingeschränkt sein könnte. Wie überhaupt das Verhältnis von Physis und Psyche zu denken sei – dualistisch, monistisch, kausal, komplementär? –, diese Schlüsselfrage ergab sich hier ebenfalls.

Dass es auf ein bedachtes Sprechen und Zuhören ankommt, will man sich über Fragen des Geistes verständigen, ohne gegenseitigen Vorurteilen zu erliegen, war nicht zuletzt eine durch das Kolloquium beförderte Einsicht. Auf die Ausgangsfrage, was der Geist sei, kann man am Ende vielleicht mit Kierkegaard antworten: „Es gibt nur einen Beweis des Geistes, das ist der Erweis des Geistes in einem selbst.“ Dass es fundamental auf diese Eigenevidenz des Geistes ankommt, will man überhaupt in ein sinnvolles Gespräch über ihn treten, wurde mehr als einmal mehr als deutlich.