Walter Kugler, langjähriger Leiter des Steiner-Archivs in Dornach, verlässt mit sofortiger Wirkung seinen Posten. Das Arbeitsverhältnis mit der Steiner-Nachlassgesellschaft „wurde wegen Vertrauensfragen in der Zusammenarbeit in gegenseitigem Einvernehmen aufgelöst“, heißt es in einer Stellungnahme der Nachlassverwaltung, welche die Rechte an Steiners Werk innehat und auf Steiners Witwe Marie Steiner zurückgeht.

Was in der wohl formulierten Wortwahl der Nachlassverwaltung noch nach gegenseitigem Einvernehmen klingen könnte, ist in Wirklichkeit ein Zerwürfnis. Außenstehende Betrachter dürften sich wundern: Warum wird einer der verdientesten Botschafter für Steiners Werk in der Kulturwelt entlassen?

Dr. Walter Kugler hat dem Archiv als wissenschaftlicher Mitarbeiter rund 30 Jahre angehört. Dabei trug er, wie auch der Nachlass-Vorstand in seiner Stellungnahme hervorhebt, Wesentliches zur Verbreitung von Steiners Werk weit über anthroposophische Kreise hinaus bei. Als Kapazität war Kugler besonders bei Kunstexperten in aller Welt gefragt. Von den 90er Jahren an hat er zahlreiche große Ausstellungsprojekte wie zuletzt die in Wolfsburg, Stuttgart, Prag, Wien und Weil fachkundig beraten und mit ermöglicht. Die Erschließung der Kunstwelt für den Impuls Steiners ist ohne seinen Einsatz nicht zu denken.

Bereits im Zusammenhang mit der Entlassung der Archiv-Mitarbeiterin Vera Koppehel im vergangenen Jahr (Koppehel hatte maßgeblich zahlreiche Projekte zum 150. Geburtstag Steiners initiiert) war auch von Unstimmigkeiten zwischen Kugler und dem Nachlass-Vorstand zu hören gewesen. Auch damals war schon von unterschiedlichen Interessensgewichtungen die Rede: Während Kugler, Koppehel und andere, die inzwischen das Archiv verlassen haben, sich neben den archivarischen Arbeiten durch Organisation von Ausstellungen und anderen Aktivitäten stark für die Aktualisierung von Steiners Werk einsetzten, favorisiert der Nachlass-Vorstand in Zeiten finanzieller Notstände offenbar eine Konzentration auf die eigentlich editorischen Aufgaben des Archivs.

Die editorischen Pflichten haben indessen auch den jetzt entlassenen MitarbeiterInnen am Herzen gelegen. Man wird den Eindruck nicht los, dass bei diesem Konflikt auch Kräfte im Spiel sind, denen das offene Zugehen des Archivs auf Kulturwelt und Medien ein Dorn im Auge ist. Da ist etwa Andreas Kühne, immerhin Vorstandsmitglied des Nachlasses, der sich in einem jüngst veröffentlichten „Bericht aus dem Archiv der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung“ fast erleichtert zeigt, dass nunmehr störende Elemente aus dem Weg sind. „Jeder, der im Archiv arbeiten oder im Nachlassverein etwas zur Pflege der Gesamtausgabe beitragen kann, darf seinem günstigen Schicksal dankbar sein“, so Kühne gönnerhaft. Im Blick auf die vermehrten öffentlichen Aktivitäten des Archivs im Vorjahr meint er ganz offen fragen zu dürfen, „ob das die Aufgabe des Rudolf Steiner-Archivs sein könne“. Als Mitglied der „Anthroposophischen Vereinigung in der Schweiz“ mahnt er sodann die Aufgabe an, einen „Schutzmantel um die Nachlassverwaltung zu bilden“ –  fragt sich nur, gegen welche „Gegner“ sich diese Bewachermentalität wenden müsste? Und ob Kühne konkrete Menschen im Auge hat, wenn er fast drohend die Vermächtnisworte von Marie Steiner aus dem Jahr 1947 (!) bemüht, „dass namentlich auch kein Raubbau an den geistigen Inhalten getrieben wird, und dass Rudolf Steiners Werk mit seinem Namen verbunden bleibt.“ Für weiter Außenstehende: Die Warnung vor einer Trennung von Name und Werk Steiners ist die heftigste Keule in Sachen anthroposophischer Orthodoxie. Ist es möglich, dass Menschen wie Kühne mit der von Kugler und anderen praktizierten Öffnung des Archivs für die Öffentlichkeit einfach nicht klarkommen und das Rad der Geschichte zurückdrehen wollen? Wenn Kühne schließlich noch verlangt, in Zukunft „sollen nur noch in absoluten Ausnahmefällen Originale das Haus Duldeck verlassen“ – was das Ende von Steiner-Ausstellungen bedeuten würde – , dann glaubt man tatsächlich das Knarzen eines Sargdeckels zu hören, der sich über dem Werk Steiners schließen will.

Der Sargdeckel aber schließt sich ohnehin nur über den Gebeinen, der freie Geist Rudolf Steiners ist längst entwichen und weht, wo er will. Jüngstes Beispiel: Nicht etwa der an das Archiv angeschlossene Rudolf Steiner Verlag, sondern der renommierte philosophische Fachverlag frommann-holzboog kündigte jetzt die erste historisch-kritische Werkausgabe von Steiners Schriften an – in einem Verlag, der die wissenschaftlichen Gesamtausgaben von Schelling, Hegel und Thomas von Aquin verlegt … ein Glücksfall! Steiner ist im Kanon angekommen und braucht keine Gralshüter mehr.