Motiv; Campo dell Altissimo / Silke Kirch

Motiv: Campo dell Altissimo / Silke Kirch

Ich stolpere über Entgrenzungen. Ich stolpere darüber, wie Diskurse geführt werden. Die Grünen stolpern über ihre Vergangenheit. Sie müssen frühere Positionen zum Thema Pädophilie aufarbeiten.  Der Missbrauch, der „die Unabgegrenztheit, die Verwischung der Grenzen […] zur Strategie macht“ – so formulierte es der anthroposophische Therapeut und Autor Mathias Wais, sei „ selbst schwer einzugrenzen“. Das lässt sich daran ablesen, wie diese Diskurse geführt werden: Es gibt Enthüllungen. Die taz druckt einen Artikel nicht, der den Grünen unterstellt, ideologisch dem Missbrauch Schutzbefohlener in die Hände gespielt zu haben. Der taz-Chefin wird Zensur unterstellt, implizit ein Missbrauch ihrer Macht und die Preisgabe des unabhängigen Journalismus in Wahlkampfzeiten. Der von der taz gemiedene Artikel wird dennoch im Netz veröffentlicht. Was ist das für ein Diskurs? Wo fängt Missbrauch an? Bei den Übergriffen, den alltäglichen, die kaum bemerkbar sein mögen und doch schwer wiegend.

Deutsches Filmmuseum Frankfurt, Eingangshalle: Jemand lässt seine Kamera streifen, fängt Augenblicke. Besonders gefallen dem Fotografen die Loungesessel: Ihre Rückenlehnen sind wie die Gesichter klassischer Skulpturen, mit Augenausschnitten, durch die man hindurchsehen kann. Damit lässt sich fotografisch so allerlei anstellen. Man kann sich in die maskenhaften Drehstühle hineinsetzen. Dann sitzt man wie in einem Kopf. Ein schönes Motiv auch, wenn gerade zwei Kinder durch die Stuhlaugen hindurch blinzeln.

Wenige Minuten später haben empörte Eltern dem Fotografen die Kamera aus der Hand gerissen und die Bildkarte konfisziert. Eltern und Fotograf drohen sich wechselseitig mit Anzeigen und telefonieren abwechselnd mit der Polizei. Dem Fotografen wird von der Elternpartei immer wieder das Telefon entwendet, sodass er keine Möglichkeit hat, sich zu verbalisieren. Die Situation droht zu eskalieren. Gewaltdrohungen werden laut. Interventionen fruchten nicht. Etwas hat sich verhakt. Vorwürfe, Vorhaltungen, Vorurteile.

Ich zittere. Übergriffe lassen mich stolpern.  Gewaltandrohungen noch mehr. Brauchen wir nur noch Diskurse und Rechtsprechungen, um unsere alltäglichen Beziehungen zu regulieren? Als hätten alle verlernt, wie man Vertrauen herstellt. Indem man miteinander spricht. Als wäre es unmöglich, einen anderen Menschen anzusprechen („Ich würde gerne die Bilder sehen, die Sie da gerade gemacht haben, da sind doch meine Kinder drauf zu sehen, oder?“), ihn zu enttäuschen („Ich möchte nicht, dass meine Kinder fotografiert werden, auch wenn so wenig von ihnen auf dem Bild zu sehen ist, dass man sie gewiss nicht identifizieren kann“), ihm etwas zu entgegnen („Ach schade, das war ein so schönes Motiv, soll ich Ihnen das nicht schicken, bevor ich es lösche?“), ihn um etwas zu bitten („Nein, mir wäre es lieber, Sie würden das jetzt löschen.“ ). Als wäre es unmöglich, den anderen zu vertrösten oder sich zu entschuldigen.

Die Bilder wurden gelöscht. Es ging um Triumph und Unterwerfung. Was aber tatsächlich ausgelöscht wurde, war die menschliche Begegnung. Wenige Meter vom Filmmuseum entfernt funkelten im Pflaster des Gehsteigs messingfarbene Stolpersteine im Sonnenlicht und es war mehr als Herbst in der Luft.