marci-shoreGeschichte kann gnadenlos sein, das glaubt man der Autorin am Ende noch mehr als am Anfang: „Durch eine ihrer Launen gingen hier, als Einfluss und Besatzung Nazideutschlands von der Vorherrschaft der Sowjetunion abgelöst wurden, Zweiter Weltkrieg und Kommunismus ineinander über.“ Das ist das Schicksal von Polen, Ost-Polen, der Ukraine.

Die Ukraine steht nicht im Vordergrund, aber man liest das Buch, als ob wir die aktuellen Ereignisse mitlesen würden. Teile dieser Ukraine gehörten ehemals zum K.u.k.-Österreich, dann wieder zum zaristischen Russland, später zur Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Die Ukraine hat durch die Stalinzeit, die organisierte Hungerkampagne gegen die Kulaken (oder die, die Stalin dafür hielt) und durch die Nazis und die Sowjets sechs Millionen Einwohner verloren, davon waren 1,5 Millionen Juden. Die vielleicht schönste und mächtigste Repräsentanz des Judentums vor der Entstehung des Staates Israel war die Gegend um Lemberg. Es war wichtig, dass Wolfgang Ischinger, der diplomatische Leiter des Runden Tisches in Kiew, genau das am 27. Mai im heute-Journal sagte, um uns auf das Erbe des Mitleidens zu verpflichten: Kein Volk in Osteuropa hat so gelitten wie die Ukrainer.

Geschichtliche Traumata

Marci Shore gibt uns preis, dass sie erst 1993 als Studentin auf Osteuropa gestoßen sei. Sie hatte an der Stanford Universität von diesem wunderbaren Versuch einer Samtenen Revolution gehört, ja sogar von der Erfüllung des Platonischen Mythos, dass Philosophen Könige werden können. Dieser Schriftsteller Vaclav Havel wurde dann gar zu einem „Philosophenpräsident“, der künftig in einer prachtvollen Burg wohnte und Frank Zappa zu einem seiner Berater machte. Sie sei nach Osteuropa gegangen, naiv, weil sie eine Geschichte mit gutem Ende erfahren wollte, wo die Philosophie an die Macht kam und das Volk sich selbst befreite.

Aber das Verstehen-Wollen setzte ganz neue Ziele. „Wollte ich die Dissidenten verstehen, musste ich ihre Vorgänger, die marxistischen Revisionisten verstehen.“ Und wenn sie die verstehen wollte, musste sie die Stalinisten der 50er Jahre verstehen. Wenn sie den Stalinismus begreifen wollte, musste sie in den Schacht des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust hinabsteigen. Sie versucht die Attraktionen herauszubekommen, die der Kommunismus, ja auch Stalin und der Stalinismus, auf die Menschen hatten. Immer, wenn sie an eine Eckfrage kommt, in der Menschen an die Grenzen ihrer Existenz gegangen waren, versucht sie nicht mit Fakten zu kommen, sondern indem sie jemanden fragt, der diese Fragen aus sich oder der Tragödie seiner Familie heraus beantworten kann.

Letzte Zeitzeugen

Der Ghetto-Aufstand in Warschau und danach der polnische Nationalaufstand spielen eine gewaltige Rolle. Auch die fast hundertjährigen Zeitzeugen wie ein Marek Edelmann (2009 gestorben) oder ein Wladyslaw Bartoszewski. Sie geht mit dem Israeli und Zionisten Seth, der immer wieder in das Land seiner Vorfahren kommt, durch die Lager Polens. Für Seth ist Polen ein riesiger Aschehügel. Er verabscheut die Polen dafür, dass sie so lebten, als sei ihr Land nicht das, was es ist: ein jüdischer Friedhof.
Der polnische Historiker Jan Gross verleitet sie dazu, in den Akten des „Zentralkomitees der Juden in Polen“ zu forschen. Im November 1944, bald nach dem Warschauer Aufstand, war das Zentralkomitee in Polen zusammengekommen, um die Reste des Judentums zu sammeln. Es waren jüdische Kommunisten, Zionisten, Bundisten, Jiddischisten und Diaspora-Nationalisten. Darunter war der marxistische Zionist Adolf Berman – später Minister in der israelischen Regierung: Er glaubte daran, dass das Schlimmste vorüber sei und die neue Welt unter Stalin nicht mehr lange auf sich warten ließe.

Unbeabsichtigte Dämonologie

Nirgends habe ich bisher die Beschreibung von Jozef W. Stalin so bedrückend gefunden wie in dieser unbeabsichtigten Dämonologie. Überall lugt der grausame Verbrecher und Schlächter um die Ecken und Friedhöfe. Ein wichtiger Zeuge ist der Pole Adam Michnik, der als ein unbeugsamer Widerstandskämpfer durchgehalten hat. Für ihn war das „Als Ob“ ein moralischer Imperativ: Man sollte so leben, als ob man frei wäre, als ob es so etwas wie moralische Verantwortung gäbe.

Ein anderes Kapitel versucht zu erklären, weshalb Menschen in Polen auch dann noch Stalinisten blieben, als ihre Eltern in der Zeit des großen Terrors in Moskau umgebracht worden waren. Es bleibt eines der schmerzhaftesten Themen zwischen Polen und Juden: die Beziehung zwischen Juden und Kommunisten. In Polen gab es das Stereotyp des „Judäo-Bolschewismus“. Die Autorin beschreibt die Familie des Gewährsmannes Staszek: Vater und Großvater waren Stalinisten gewesen. Sein Urgroßvater war Gründervater des polnischen Kommunismus. Und der Kommunismus war die Hoffnung der Menschheit. Es gab eine tiefe Verwandtschaft zwischen Judentum und Marxismus, der Marxismus war eine messianische Hoffnung. „Zu einer Zeit, in der man sich offenbar zwischen Hitler und Stalin entscheiden musste, war Stalin zum Messias geworden.“ Und erst nach 1968 sei ihnen langsam klar geworden, dass Kommunismus und Faschismus einander glichen.

Über die Vorgänge in Kiew, wohin sie verschiedentlich eingeladen wurde, sagt Marci Shore: „The Maidan was a Grenzerfahrung“ – dieses deutsche Wort hat sich im Englischen eingebürgert. Es war ein Sieg, aber auch ein Trauma. Die Gräber sind noch frisch. Viele Menschen wurden dort brutalisiert, viele starben. Die Ukraine habe jetzt kein Faschismus-Problem, wie Ungarn und Österreich eines haben, wo doch in Österreich die FPÖ andauernd 20 Prozent der Stimmen bekommt. Die Ukraine habe ein Oligarchen-Problem. Das Phänomen, einen Mob zu mieten, Diebe anzuheuern, die Privatisierung einer Politik der Provokation, das sei ein neues Problem, und die Ukraine sei aufgerufen, es zu überwinden. Dennoch muss man einfach mit diesem Volk mitfühlen, denn es hat in den letzten hundert Jahren ganz furchtbar gelitten.
Ein Buch, das man immer wieder zur Seite legen muss, so dicht und klar sind die Erkenntnisse. Zumal, wenn man abends im Fernsehen sieht, wie eines der betroffenen Völker nun in Kiew versucht, endlich nach Stalin und Hitler und Putin seine eigene Zukunft zu erobern.

 

marci-shoreMarci Shore
Der Geschmack von Asche
Das Nachleben des Totalitarismus in Osteuropa.
C.H. Beck Verlag 2014
376 Seiten, € 26,95