Anthroposophie im Dialog: Jens Heisterkamp (rechts) im Gespräch mit Thomas Steininger von der Organisation Enlightennext und Sonja Student vom Integralen Forum in Deutschland

Anthroposophie im Dialog: Jens Heisterkamp (rechts) im Gespräch mit Thomas Steininger von der Organisation Enlightennext und Sonja Student von der Integralen Akademie Deutschland

Das große Merkmal des Spirituellen ist das Unerwartete: Unerwartet stark geht die Realität des Geistes über alles nur Gelesene und Vorgestellte hinaus. Dass ich diese Erfahrung machen durfte, verdanke ich der Herbstakademie Frankfurt, die 2006 zum ersten Mal durchgeführt wurde als ein Zusammenspiel dreier spiritueller Richtungen. Mein Impuls war damals, einem Hinweis Rudolf Steiners aus den Karma-Vorträgen von 1924 folgend, die Anthroposophie zusammenzubringen mit Menschen aus anderen Strömungen, die auf ihre Weise eine aufgeklärte, das Individuum und die Evolution bejahende Spiritualität anstreben. Ken Wilber, Andrew Cohen und Rudolf Steiner standen als geistige Paten über dem Vorhaben – eine nicht unproblematische Konstellation!

Ich gestehe, dass ich zu Beginn zögerlich war, ob das gelingen würde – waren mir doch die Vorbehalte aus  den „eigenen Reihen“ gegenüber allem, was wahlweise als „östlich“, „amerikanisch“ oder auch „intellektualistisch“ abgelehnt wurde, nur zu bewusst. Tatsächlich gab es anfangs auch viel Kritik an einem Vorhaben, wo man Vertreter anderer Richtungen nicht nur höflich zu einer Tagung einlud, sondern gemeinsam mit ihnen einen Veranstaltungsprozess entstehen ließ. Heute schmunzeln wir im Vorbereitungsteam darüber, dass ich damals Sorge wegen des gemeinsamen Meditierens hatte, ob das die Anthroposophen im Publikum mitmachen würden…

Allerdings mussten wir zunächst lange suchen, wer aus dem anthroposophischen Kontext überhaupt in der Lage war, sich auf einen solchen Prozess einzulassen. Schon bald aber gewann das Projekt treue Mitstreiter, die der Herbstakademie bis heute als Mitwirkende verbunden sind: Ich nenne hier insbesondere Liss Gehlen, Stephan Guber, Axel Ziemke, Christian Grauer, János Darvas, Sebastian Gronbach, Anna-Katharina Dehmelt, Griet Hellinckx, Corinna Krebber, Melaine McDonald und Dorothea Walther als Persönlichkeiten, für die der inter-spirituelle Austausch ein Herzensanliegen war und ist. Meinen Freunden und Mit-Initiatoren Thomas Steininger, Sonja Student und seit einiger Zeit auch Nadja Rosmann bin ich zu innigem Dank für die langjährige Zusammenarbeit verpflichtet, die im Übrigen auch schwierige Phasen des Missverstehens durchlaufen hat. Während ich zu Anfang oft Mühe hatte, angesichts von Klischees und der Blumigkeit des anthroposophischen Vokabulars die Modernität von Steiners Spiritualität darzustellen, wurde es für mich zur größten Befriedigung zu erleben, mit welchem Interesse, ja mit welcher Begeisterung meine neuen Freunde Anthroposophie mehr und mehr als bedeutenden Impuls wertschätzten und in ein fruchtbares Gespräch aufnahmen.

Die geistige Dimension, in der diese Begegnung spiritueller Sucher gleichsam „oberhalb“ ihrer jeweiligen Verwurzelung stattfindet, lässt sich anthroposophisch mit einem leider oft ins sektenhaft Enge gedrückten, aber im Kern immer noch kraftvollen Bild als der Bereich Michaels bezeichnen – es ist der Bereich einer „Spiritualisierung des Intellekts“ (R. Steiner) als epochaler Aufgabe. Das Aufscheinen einer solchen Dimension war und ist immer wieder unerwartet, denn die Gegenwart des Geistes übertrifft und korrigiert unsere Erwartungen. Sie rückt unsere bescheidenen und immer nur bruchstückhaften Bemühungen in einen Kontext, der nichts Geringeres meint als die Kulturen übergreifende Arbeit an der geistigen Einheit der Menschheit.

Jens Heisterkamp

 

In diesem Jahr widmet sich die Herbstakademie Frankfurt der Frage nach der spirituellen Mission der westlichen Welt. Mehr Informationen über Mitwirkende, Preise und Anmeldung unter www.herbstakademie-frankfurt.de