Foto: Library of Congress

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Albert Camus, geboren am 7. November 1913 in Mondovi/Algierien, ist bis heute eine Brücke zum anderen Rand des Tisches, den das Mittelmeer zwischen Europa und Afrika gesetzt hat. Boualem Sansal, einer der großen Schriftsteller Algeriens, sagt heute: „Camus war für ein französisches Algerien. Was in seiner Lage ganz natürlich war. Aber er war auch klar für die Emanzipation der Algerier und die Unabhängigkeit Algeriens. Er träumte von Gerechtigkeit und Brüderlichkeit.“ Für Camus war das Meer ein runder Tisch, wie man heute sagen würde, einer, an dem wir alle zusammensitzen und unser gemeinsames Projekt machen: EUR-AFRIKA. Die heutige Politik und unser Bewusstsein in Europa trennt die beiden Kontinente scharf, setzt alles ein, auch militärische Formationen wie die Grenzpolizei FRONTEX, um uns nicht mehr zueinander kommen zu lassen. Camus hätte seine Freude gehabt an Papst Franziskus, der am 8. Juli an den Ort zwischen Europa und Afrika gegangen ist, der in der (politischen) Mitte des Mittelmeeres liegt und Lampedusa heißt, um das Tor zu der anderen Hälfte des gemeinsamen Kontinents aufzustoßen.

Iris Radisch gelingt mit Camus. Das Ideal der Einfachheit ein ganz neuer Blick auf ein Werk, das durch die Schlacken und Geröllmassen des Kalten Krieges, der Zeit der Entkolonialisierungskriege und der unmittelbaren Kriegs- und Nachkriegszeit immer noch eher verdunkelt als erhellt war. Die Autorin hat eine geniale Gliederungsidee. Im Sommer schreibt Camus in sein Tagebuch: „Antwort auf die Frage nach meinen zehn bevorzugten Wörtern“. Die Autorin benutzt diese Worte alle als Kapitel: „Die Welt, der Schmerz, die Erde, die Mutter, die Menschen, die Wüste, die Ehre, das Elend, der Sommer, das Meer“.

Das Buch macht mit dem ganzen Camus bekannt, mit dem, der uns gefällt, mit dem, dem auch in seiner Zeit Unrecht geschah (zumal von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir), mit dem zur Ehe und zur Zweisamkeit nicht gemachten Mann, der sein Macho-Gehabe nicht ganz verbergen konnte. Es beginnt mit der Mutter von Albert Camus, es endet mit dem Besuch der Autorin bei den beiden Zwillingskinder des Dichters, Jean und Catherine. Auf seine Mutter kommt Camus in Stockholm bei der Verleihung des Nobelpreises 1957 mit einem Satz zu sprechen, auf den die versammelte Linke damals nur mit Wutgeheul reagierte: „Wenn ich zwischen meiner Mutter und der Gerechtigkeit wählen müsste, würde ich meine Mutter wählen.“

Schon im ersten Kapitel wird der Bogen immer wieder gespannt von der Philosophie des Absurden zu der Herkunft aus den seelischen und sozialen Verheerungen, die das Milieu der Ärmsten unter den Franzosen in Nordafrika prägen. Das Buch geht dann in die Zeit des Schülers Camus, der ein Sonnenanbeter ist und bleiben wird. Das erste große Gedicht heißt Noces, die Hochzeit des Lichts. Dann gibt es das Kapitel Der Schmerz. Camus wird ein Dandy in Algier und wirft ein Auge auf eine modische Frau, die er unbedingt erobern will. Es gelingt ihm und gleichzeitig tritt er in die Kommunistische Partei ein. 24 Monate hält er es bei der Frau Simone Hue aus, 26 Monate in der Kommunistischen Partei.

Die Autorin weiß auch die kolonialen und imperialen Eierschalen zu bemerken, die Camus nie ganz abgeworfen hat. Aber sie kritisiert nicht aus der Haltung des Besserwissers. Sie dröselt die verschiedenen Bezugspunkte dessen auf, was auf Deutsch das „mittelmeerische Denken“ heißt. Sie beschreibt den Mittelmeertraum der französischen Intellektuellen und die Griechenlandidee des jungen Camus. Das nächste Kapitel ist eine Hommage auf den begnadeten Journalisten Albert Camus, der bei dem kommunistischen Blatt Algier Republicain seine größten Triumphe gefeiert hat. Camus fühlte sich nicht wohl im Exil in Paris. Aber es war ja auch durch den Einmarsch der Nazis und die Hakenkreuzfalle auf dem Eiffelturm Widerstand angesagt. Was die Nachwelt überrascht: Nicht der hyperpolitische Sartre war der Widerstandsaktivist, Camus war es, als Kämpfer und als Journalist.

Das Revolutionäre an Camus Werk: Er beschreibt Gestalten, die nicht erlaubt sind. „Was kann ein Mensch sich besseres wünschen als Armut?“, schreibt er. „Ich habe nicht Elend gesagt und rede auch nicht von der hoffnungslosen Arbeit des modernen Proletariers. Aber ich sehe nicht, was man sich mehr wünschen kann als mit tätiger Muße verbundene Armut.“ Die gewiefte ZEIT-Redakteurin entdeckt darin ein riskantes intellektuelles Manöver: Denn Camus habe schließlich das erbärmliche Elend gesehen. Er kennt die christlichen Mythen von den armen, aber aufrechten Menschen, die durchs Nadelöhr ins Himmelreich schlüpfen. Camus sehe auch die Fallen der Doppelmoral, in die ein rundum versorgter Intellektueller gerät, der sich nach einer verlorenen Einfachheit zurücksehnt. Und doch sei sich Camus sicher: „In diesem Leben der Armut, unter diesen schlichten Leuten bin ich dem am nächsten gekommen, was mir als der wahre Sinn des Lebens erschien“.

An keiner Stelle zeigt Radisch hagiographische Neigungen, sie kennt auch die Schwächen des großen Helden, des Stars der Nachkriegsbewegung, seine Eitelkeiten, seine Unfähigkeit zur Bindung, seine Vielweiberei.

Das Buch beschreibt die ungeheure Kraft des Non-Konformismus von Camus im Frankreich der unmittelbaren Nachkriegszeit. In Europa gibt es niemanden unter den Meisterdenkern, der ohne Wenn und Aber am 18. Juni 1953, einen Tag nach der Niederschlagung der Arbeiteraufstände in Ost-Berlin durch sowjetische Panzer in einer mitreißenden Rede diese Arbeiter verteidigt – gegen die gesamte Linke. Wie später die Aufstände 1956 in Posen und Budapest. „Ein gigantischer Mythos“ sei in sich zusammengebrochen. Auf Jahrzehnte werde man Camus dafür in Osteuropa verehren, in einer Zeit klare und einfache Worte gefunden zu haben, „in der die linke Intelligenz am Schreibtisch saß und an ihren geschichtsphilosophischen Theorien über die Legitimation des Terrors arbeitet“, so Radisch.

Erst nach 1989 habe man begonnen, Camus’ Antitotalitarismus zu würdigen. Es habe skandalös lange gedauert, bis sich die Einsicht durchsetzte, dass es falsch war, Camus’ Antikommunismus, sein Naturverständnis, seinen politischen Anarchismus und seine Wachstumskritik für rückständig und dumm zu erklären. Das letzte Fazit der Biographin Radisch: „Es ist aber nie zu spät, ein falsches Urteil zu  revidieren.“ ///

 

Radisch Camus

Iris Radisch: Camus. Das Ideal der Einfachheit. Rowohlt Verlag 2013, 288 Seiten, € 19,95

Ein schönes Extra: Iris Radisch im Gespräch mit Martin Meyer zum 100. Geburtstag von Albert Camus in „Sternstunden Philosophie“ / SRF