Ritter playmobil

Den Gegnern keine Chance – wieviel Abwehrkampf braucht Anthroposophie?

Ein Huhn gackert in der Regel, wenn es ein Ei gelegt hat – und kümmert sich anschließend nicht weiter darum. Aber jeder soll es hören. Das liegt in seiner Natur. Ein Autor sehnt sich nach Anerkennung, wenn er ein Buch veröffentlicht hat – und kümmert sich um die Reaktionen, die es ausgelöst hat. Aufmerksamkeit war ja sein Ziel und auch das liegt in der Natur der Sache. Versteht er seine Veröffentlichung als wissenschaftlich, sollten ihm kritische Anmerkungen ebenso wertvoll wie zustimmendes Lob sein. Er will ja weiterkommen. Was ist aber, wenn ein Autor gackert wie ein Huhn und die Reaktionen wie bei Aschenputtel aussondert: „die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen“?

Peter Selg hat Ende 2012 im Verlag des Ita Wegman Institutes eine dreibändige Lebens- und Werkgeschichte Rudolf Steiners veröffentlicht. Nun ist Peter Selg in anthroposophischen Kreisen ein beliebter Autor, der bereits vorher zahlreiche Veröffentlichungen vorgelegt hat. In letzter Zeit konnte eine auffallende gegenseitige Verehrung zu und von Sergej O. Prokofieff bemerkt werden. Kaum hatte Prokofieff ein Buch veröffentlicht, erfolgte eine lobende Rezension durch Peter Selg und kaum war eine neue Veröffentlichung von Peter Selgs erschienen, erfolgte schon die Retourkutsche von Prokofieff. Weil beide Vielschreiber sind, konnte man das Spiel mit der Regelmäßigkeit des Glockenschlags verfolgen. Ein gewisser Unterhaltungswert war garantiert. Prokofieff, der bis Ostern dieses Jahres formell selbst noch Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft war, dann aber „aus gesundheitlichen Gründen“ emeritiert wurde, hat zudem eine nicht unansehnliche Anhängerschaft innerhalb der Mitgliedschaft. Was das Autorenpaar Prokofieff und Selg vom Vorstand am Goetheanum hält, konnte man in letzter Zeit mehrfach erfahren: nichts. Prokofieff vermisst bei seinen ehemaligen Vorstandskollegen die Treue zu Rudolf Steiner, Selg spricht von einem „Haus ohne Hüter“ und setzt noch einen drauf, indem er meint, einen Vorstand brauche das Goetheanum eigentlich gar nicht. Alle diese Verlautbarungen deuten darauf hin, dass hier eine Abspaltung betrieben wird.

Nun wurde die genannte Lebens- und Werkgeschichte in den diversen anthroposophischen Zeitschriften (darunter Die Drei und Info3) kritisch aufgenommen. Die Wochenschrift Das Goetheanum nahm die Gelegenheit der Emeritierung wahr, einmal nicht das obligatorische Lob Sergej Prokofieffs abzudrucken, sondern hat geschickt eine Doppelrezension veröffentlicht: Eine äußerst kluge und kritische Betrachtung aus der Feder von Wolf-Ulrich Klünker und einen Kniefall von Lorenzo Ravagli.

Zu der vorliegenden soziologischen Betrachtung gehört noch die Erwähnung eines Nachrichtenblatt für Mitglieder, das von der privaten Initiative Entwicklungsrichtung Anthroposophie durch Roland Tüscher und Kirsten Juel herausgegeben wird. Das Blättchen, Auflage zuletzt 799 Exemplare, steht bedingungslos hinter der Position von Selg und Prokofieff. In der aktuellen Ausgabe vom 9. Juni kommt nun die Rezension zum Abdruck, die Prokofieff für Das Goetheanum geschrieben hat, die aber dort abgelehnt wurde. Prokofieff spricht von „Zensur“, weil die Redaktion das gemacht hat, was ihre Aufgabe ist: Texte auszuwählen. Das Loblied auf die Lebens- und Werkgeschichte hätte selbstverständlich aufgenommen werden sollen, zumal der Autor, „damals noch als Vorstandsmitglied“ persönlich darum gebeten hatte … In einer Zeit, in der Rudolf Steiner angeblich allerorts von Gegnern und Verleumdern verraten wird, handele es sich um eine „sehr notwendige Biographie“. Damit aber nicht genug. Peter Selg hebt in über sechs Seiten die Bedeutung seines eigenen Buches hervor  und nimmt eine Bewertung der Reaktionen vor. Er beschwert sich über die negativen und vernichtenden Rezensionen und weiß sich dabei legitimiert durch eine Warnung Rudolf Steiners an die Mitglieder, die „in den eigenen Reihen unternommenen Arbeiten und erzielten Leistungen“ auch ja wertzuschätzen. In Selgs Augen sind es ausschließlich die besagten Anhänger, die Zuhörer seiner Lesungen und Teilnehmer an seinen Seminaren sowie die Hunderte von Menschen, mit denen er seit dem Erscheinen des Werkes gesprochen hat, die seine Arbeit richtig einzuschätzen wissen. Die Kritiken aber werfen die Frage auf, nicht etwa nach der Rezeption seiner Leistung in der Öffentlichkeit, sondern nach dem Verhältnis der anthroposophischen Zeitschriften zur Anthroposophie selbst, die in seiner Selbstwahrnehmung wohl nur er und Prokofieff zu vertreten in der Lage sind. Als Beleg werden dann einige begeisterte Anhängerstimmen ausführlich zitiert. Man könnte hier von selektiver Wahrnehmung sprechen. Natürlich wird die Anhängerschaft auch noch einmal getätschelt, denn die Rezensionen allein gäben „hinreichend Anlass, die eigene Arbeit oder Weiterarbeit komplett einzustellen“. Man hat aber noch weitere Ziele.

Aus nachvollziehbaren Gründen haben die Redaktionskollegen von Das Goetheanum aus der Flut von Leserbriefen, die von Seiten der Anhängerschaft eingesandt wurden, nur eine kleine Auswahl veröffentlicht. Selg äußert sich darüber ebenso empört wie über die Tatsache, dass die Redaktion seine Bitte, die Briefe zwecks Dokumentation seinem eigenen Ita Wegman Institut zu übergeben abgelehnt hat. Dass das Briefgeheimnis ein Grundrecht ist, spielte in seinen Augen offenbar keine Rolle mehr.

Dieser Text erschien zuerst in Ramon Brülls Blog bei der Medienstelle Anthroposophie.

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In der Soziologie wird der Begriff „Sekte“ als exklusive Gruppierung verstanden, als Abspaltung auch, die in irgendeiner Form in einem Spannungsverhältnis zu der sie umgebenden Gesellschaft steht und einen Absolutheitsanspruch vertritt. Weitere Merkmale: Fanatismus, Eigenbewusstsein, Machtanspruch, Isolation der Anhängerschaft von der bisherigen Umgebung, Heilsversprechungen, Bezugnahme auf einen unanfechtbaren Guru, Verschwörungsdenken („die Gruppe sieht sich von Feinden umstellt“); Ablehnung jeglicher Kritik, hierarchische Strukturen, verbunden mit einem Alleinvertretungsanspruch der Wahren Lehre auch gegenüber der eigenen Anhängerschaft. In einer späteren Phase der Radikalisierung kommen der Druck auf die eigene Gruppe, Abhängigkeit der Mitglieder, Ideologisierung, Denkverbote und „Gehirnwäsche“ sowie Psychoterror gegenüber Aussteigern hinzu.