Interview zu neuen Entwicklungen der Mistelforschung

„Eine neue Natur aus geistiger Übernatur schaffen“

Vor 100 Jahren hat Rudolf Steiner gemeinsam mit Ita Wegman die Behandlung von Krebs mit Hilfe der Mistel angeregt. Nun werden ab Sommer erstmals Mistelöle und -lotionen in den Handel kommen. Dahinter steht eine ungewöhnliche Entwicklungsarbeit zwischen dem anthroposophischen Reinigungsmittelhersteller Sonett und Professor Dr. Dr. Wolf-Ulrich Klünker, der nicht nur an der Alanus Hochschule, sondern auch im Rahmen der Delos Forschungsstelle tätig ist. Ronald Richter sprach mit ihm über die Aufgabe der Mistel in unserer Zeit und ein vertieftes Verständnis von Anthroposophie.

 

 

 

 

Mistel mit Früchten / Wikimedia Commons

Wolf-Ulrich Klünker, wozu dienen die jetzt entwickelten, neuartigen Mistelöle? Zur Behandlung von Krankheiten oder zur Kosmetik?

Ich selbst bin mit der Mistelfrage seit 25 Jahren und länger beschäftigt. Vor etwa drei Jahren hat mich die Firma Sonett gefragt, ob ich mir vorstellen könne, dass die Delos-Forschungsstelle mit Sonett kooperiert. Die beiden Geschäftsführer, Gerhard Heid und Beate Oberdorfer, sind überzeugt, dass unter Bedingungen der Bewusstseinsseele Unternehmungen zusammenarbeiten müssen mit Einrichtungen, mit denen sie nicht unmittelbar zu tun haben, wenn eine geistige Bezugnahme möglich ist. Wir haben uns für die Mistel als Kooperationsthema entschieden und versucht, das, was an anthroposophischer Tradition da ist, aufzuarbeiten. Schließlich meinen wir, dass heute im 21. Jahrhundert unter Bedingungen der Bewusstseinsseele die Therapie nicht erst beginnt, wenn schon ein Medikament verwendet wird, sondern dass Therapie mit dem menschenkundlichen und geisteswissenschaftlichen Denken beginnt. In diesem Sinne haben wir durchaus in Anknüpfung an die anthroposophische Tradition gearbeitet, aber unser Verfahren nicht direkt von daher übernommen. Ich bin auf ein technisches Verfahren gestoßen, das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt worden ist: Es ist der sogenannte fluidische Oszillator, der heute vor allem in der Luft- und Raumfahrttechnik eingesetzt wird und verwendbar ist für Luft- und Flüssigkeitsprozesse. Daraus haben wir ein Verfahren entwickelt, das wir bezeichnen als „Mistelform. Sensible Prozesse“.

 

Unter diesem Label geht das Produkt auch in den Handel?

Genau. Wir haben zunächst eine Grundsubstanz der Mistelaufbereitung entwickelt, dann die Weiterverarbeitung zu Hautölen und Lotionen. Das ist inzwischen durch eine Erprobungsphase gegangen, insbesondere bei professionellen Masseuren und Menschen aus dem Bereich der Rhythmischen Massage. Also, auf deine Frage: Ist das Therapie oder Kosmetik? Die europäische Anmeldung läuft unter „Kosmetik“; wir verstehen es aber im umfassenden Sinne menschenkundlich gedacht, so, wie Rudolf Steiner den Begriff der Hygiene und des hygienischen Okkultismus aufgefasst hat.

 

Sonett produziert Seifen und Geschirrspülmittel mit dem Oloid. Hat der fluidische Oszillator damit zu tun?

Nein, der fluidische Oszillator ist ein Verfahren, wo ohne äußere Bewegung,  rein durch Innenraumgestaltung, bestimmte Schwingungs- und Sensibilisierungsprozesse im Bereich Luft und Flüssigkeit entstehen. Wir stellen im Oszillator zwei Grundsubstanzen her: eine Art Wintersubstanz der Mistel, die vom Sommer her sensibilisiert ist, und eine Sommersubstanz, vom Winter her sensibilisiert. Die so im Oszillator entstandenen „übernatürlichen“ Sommer- und Wintersubstanzen haben wir zunächst im Oloid verbunden. Inzwischen sind wir aber dahin gekommen, diese letzte Stufe der Verbindung beider Ströme ebenfalls im Oszillator vorzunehmen.

 

Im Dezember 2015 fand ein Forschungskolloquium mit dem Mistelforscher Prof. Dr. Volker Fintelmann statt. Du hast es bezeichnet als eine Art Stabübergabe. Wie lief das ab?

Nicht als eine Stabübergabe speziell an unsere Arbeit, sondern generell. Diese Veranstaltung an der Hamburger Carl Gustav Carus Akademie habe ich nämlich insofern als eine Art Abrundung einer Entwicklungsphase verstanden, als Volker Fintelmann formulierte, die Mistel sei nun in eine neue Phase eingetreten, wo der Mistelzusammenhang imaginativ neu verstanden werden müsse. Diese Aussage von jemandem, der bis in die letzten Jahre hinein an vorderster Front therapeutisch mit der Mistel tätig war – da liegt etwas drin, was mich enthusiasmiert hat, den Zusammenhang neu zu denken.

„Wie können diese Ichkräfte, die sensibel in den Organismus einwirken, durch die Mistel verstärkt werden? “ – Wolf-Ulrich Klünker

 Wie können wir uns das vorstellen? Mein Eindruck ist, dass trotz Forschung und Anwendung die Mistel aus einem Nischendasein auch nach hundert Jahren nicht herauskommt. Was ist jetzt das Neue?

Ich glaube, dass dieser Ansatz sich in verschiedenen Stufen als neu verstehen kann. Sobald man näher einsteigt, wird nämlich deutlich, dass schon bei den Auszügen der gepflückten Mistel große Fragen entstehen; dann ist unklar und umstritten, was Sommer- und Wintermistel bedeutet. Und dass diese Unklarheiten im Hinblick auf den von Rudolf Steiner betonten Maschinenprozess sich fortsetzen. So dass sich unterschiedliche Lager gebildet haben, zum Beispiel im Hinblick auf die Berücksichtigung der Provenienz der Mistel von verschiedenen Wirtsbäumen. Damit hat die anthroposophische Misteltradition verschiedene Phasen von Enthusiasmus und Depression durchlaufen, bis dahin, dass auch in anthroposophischen Therapien die Misteltherapie oftmals nur noch als Begleitung angeboten wird. Das hat uns grundsätzlich zu der Frage geführt: warum eigentlich die Mistel als Krebstherapiemittel? Man kann die Beantwortung dieser Frage nicht an Rudolf Steiner delegieren, bloß weil der es gesagt hat. Wir müssen zu eigenständigen Erkenntnisgrundlagen gelangen. Da erscheint es mir wichtig zu sehen, dass die Mistel von ihrer Entwicklung her etwas in sich trägt, was heute die Pflanzenwelt eigentlich nicht mehr hat, indem sie vegetative Prozesse mit sensiblen Prozessen verbindet, dass in ihr also Lebens- und Erlebensprozesse, Leben und Empfindung zusammenkommen. Und wenn man das alte menschenkundlich-therapeutische Prinzip des Aristotelismus nimmt, das lautete: „anima forma corporis“, also, die Seele als Formkraft des Leibes, dann erlebt man, wie diese Sensibilität auch formbildend im Leib wirkt. Unsere Frage ist: Wie kann diese Sensibilität als Empfindungsqualität von Ichkräften her gebildet werden? Wie können diese Ichkräfte, die sensibel in den Organismus einwirken, durch die Mistel verstärkt werden? Das ist unser menschenkundlicher Ansatz.

 

Was hat eure Mistelforschung mit der heutigen Zeit zu tun?

Ich habe den Eindruck, dass gegenwärtig die Ichentwicklung einen Punkt erreicht hat, wo der Organismus darauf wartet, durch bewusste Ichkräfte unterstützt zu werden. Rudolf Steiner hat in den sogenannten Mitgliederbriefen am Ende seines Lebens formuliert: Bewusstseinsseelenkräfte walten im Leib, aber noch nicht in der Seele. Und wenn Bewusstseinsseelenkräfte im Leib walten, dann bedeutet das meines Erachtens: Der Organismus funktioniert schon sozusagen modern. Er ist nur zunehmend darauf angewiesen, dass vom Ich her diese Bewusstseinsseelenkräfte auch bewusst entwickelt werden. Ich sehe viele Krankheitsprozesse im seelischen und im somatischen Bereich gar nicht verursacht durch Vergangenheitsgründe in der Biographie oder der Genetik, sondern aus fehlender Zukunft. Weil das Ich diese Bewusstseinsseelenkräfte nicht bewusst hervorbringt, wartet der Leib im vorhin angedeuteten Sinn von anima forma corporis vergeblich auf sensible Formkräfte aus dem Ich. Wenn die nicht kommen, dann entstehen unter Umständen Wucherungen, Depressionen und Burn-out. Insofern ist aus dieser Perspektive jede Krankheit heute individuell anzusehen.

 

Noch mal kurz zu der merkwürdigen Mistel. Sie unterscheidet sich von allen anderen Pflanzen?

Schon in Farbe und Form. Sie wächst in der Baumkrone ohne eigene Wurzeln in einer kugeligen Gestalt unbeeindruckt von der Schwerkraft, die den Pflanzen sonst ihre Wachstumsrichtung vorgibt. Sie blüht im Winter, bildet keine Samen, sondern Keimlinge. Sie muss erst noch Erdenpflanze werden. Das Wesen der Mistel spricht etwas an, was heute in jedem Menschen als existentielle Entwicklungsfrage lebt: Selbstverantwortung, das heißt, Ichfähigkeit. Wir sind immer mehr selbst für unsere Gesundheit und für unser Leben verantwortlich.

 

Blüte und Frucht finden im Dezember statt. Das erinnert mich an die Christrose, die auch zur Krebstherapie genutzt wird. Haben die beiden irgendeinen geheimen Zusammenhang?

Ich denke, der Zusammenhang besteht darin, dass etwas Natürliches durch „übernatürliche“ Ich-Kräfte zu einer neuen Natürlichkeit findet. Das hängt mit dem Begriff von Über- und Unternatur zusammen, den Steiner am Ende seines Lebens gebildet hat. In den allerletzten Leitsätzen und dem dazugehörigen letzten Mitgliederbrief vom März 1925 ist die Grundaussage: Es wird in Zukunft immer weniger Natur geben. Das, was früher Natur war und unter Natur verstanden wurde, wird immer mehr Unternatur. Es kommt nun darauf an, eine Art Übernatur zu bilden. Heute kann man hinzufügen: Damit wir eine bestimmte menschenkundliche und naturkundliche Erkenntnishöhe auch im Erleben erreichen, die sich der Natur mitteilt. Dadurch entsteht aus dieser vom Menschen zu bildenden Übernatur eine neue Natur. Und in diesem Zusammenhang würde ich Mistel sehen beziehungsweise das, was wir in der Mistelverarbeitung zu leisten haben: eine neue Natur aus geistiger Übernatur. Die Natur ist in dieser Hinsicht auf den Menschen angewiesen, auf seine Ichprozesse. Vielleicht deutet sich das auch im Verständnis der Christrose an. Für eine neue Ökologie scheint mir allerdings die Mistel eine Art Vorreiterfunktion zu haben. Die bedeutet nicht Bewahrung von Natur, sondern Schaffen von Zukunftsfähigkeit von Natur. Und die Mistel ist diejenige Pflanze, die diesen Prozess für den menschlichen Organismus ermöglicht durch entsprechende ätherisch wirksame Empfindungskräfte, die in ihr veranlagt sind und die heute ichhaft weiterentwickelt werden können.

 

Wie geht es weiter?

Ich glaube, dass zunächst das Ganze auch ein neuer Begriff des Unternehmerischen ist und ebenso des Umgangs mit anthroposophischer Tradition. Und das bedeutet, wir kommen nie zu Ende. Die Sache muss immer weiter entwickelt werden. Wir sind schon jetzt an einer nächsten Stufe dran, den ich als forcierten Mistelprozess bezeichne und wo es um die Frage geht: Ist die Substanz in diesem Sensibilisierungsprozess eigentlich notwendig nur die Mistel, oder müssen wir nicht fragen, ob die Mistel heute nicht durch andere Substanzen ersetzt werden kann? In diesem Sinne stehen wir völlig am Anfang der Entwicklung. Wir sind auch weiter sehr interessiert am Diskurs und haben gerade wieder verschiedene Veranstaltungen und Kolloquien in Planung; wir stehen mit vielen Fachleuten in Kontakt. Mir ist es sehr wichtig, idealerweise mit allen Menschen, die im anthroposophischen Kontext an der Mistel arbeiten, zu kooperieren. Auch dieser Prozess wird weitergehen. ///

 

Das Gespräch führte Ronald Richter.

Erschienen in der Ausgabe 2/2017 des Magazins Info3 – Anthroposophie im Dialog. Kostenloses Probeheft hier.

Diesen Artikel finden Sie unter: https://www.info3-magazin.de/eine-neue-natur-aus-geistiger-uebernatur-schaffen/

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