Die grandiose Faust-Verfilmung von Alexander Sokurov /

Von Rüdiger Sünner

 

 Wenn deutsche Theaterbühnen Goethes Faust präsentieren, kann man sicher sein, dass Schauspieler in Jeans und Smoking herumlaufen, irgendwann „Fuck you“ sagen und bestimmte Szenen in Waschsalons und auf U-Bahnhöfen spielen. Aus Angst, dass keiner den alten Kram sehen will, wird modernisiert, was das Zeug hält, oft eher mit peinlichem Ausgang. Der russische Regisseur und Tarkowski-Schüler Alexander Sokurov ging nun selbstbewusst den umgekehrten Weg – und schuf mit seinem neuen Film Faust einen Geniestreich der Filmgeschichte, wie man ihn nur selten zu sehen bekommt.

In entfärbten Bildern im alten 4:3 Format irren hier Faust, Wagner und Mephisto durch ein mittelalterliches Deutschland, das an die schrägen Traumkabinette des Dr. Caligari erinnert. Angelehnt an Goethe, aber mit neu geschaffenen Dialogen, durchläuft der Zweifler und Sucher Faust Stationen der Verunsicherung, Verführung und des Schreckens, die mit einer ungewöhnlich visionären Bildgewalt daherkommen.

 

Ein großes Gefühl der Rastlosigkeit und Unerlöstheit geht wie ein unterirdisches Vibrieren durch den ganzen Film: Menschen schieben sich durch verwinkelte Gassen, schiefe Kammern und enge Felsenschluchten, unaufhörlich murmelnd, räsonnierend, auf der Suche nach etwas, was sie doch nie finden können. Sokurovs Faust ist auch der skeptisch-liebevolle Blick eines russischen Regisseurs auf die unruhige deutsche Seele, die alles ergründen will, aber am Ende oft tragisch scheitert.

Der Film beginnt in einem dunklen Anatomielabor, wo Faust eine Leiche seziert, ohne deren Seele zu finden. Unbefriedigt beginnt er seine Suche „nach den großen Fragen“ und wird durch Mephisto zu seltsamen Orten und Abenteuern geführt. Eine der Kunststücke des Regisseurs ist es, durch Verfremdung einen neuen Blick auf Goethes Figuren zu ermöglichen: Mephisto ist hier ein hageres Männlein mit schütterem Haar, aber einem eklig verformten Körper, aus dem hinten ein Schweineschwänzchen heraussteht. Mit hoher, manchmal auch flehender und weinerlicher Stimme dringt hier das „Böse“ noch subversiver in Faust ein als etwa bei Gustav Gründgens‘ dämonischer Theaterfigur. In einem dampfenden unterirdischen Bad, halb Bordell, halb Waschhaus, trifft Faust auf Gretchen, eine junge blonde naive Schönheit, die ihn weiter durch den Film begleitet. Durch die Tötung ihres Bruders verstrickt sich Faust in weitere Schwierigkeiten, die aber auch zu keiner Form von Vergebung oder Erlösung führen, sondern zu einem zweiten Mord (an Mephisto) in der Mondlandschaft einer an Island erinnernden Naturszenerie.

Nur im Traum blitzt kurzzeitig ein Erlösungsbild auf: Faust umfängt die auf einem Felsen stehende und um ihren Bruder klagende Grete und sinkt mit ihr in die grünblau schimmernden Tiefen eines deutschen Gebirgssees. Das ist eher im Sinne einer schwarzen Romantik inszeniert, als in den warmen Tönen eines Novalis oder Eichendorff. Denn Sokurov’s Hauptthema ist die männliche Getriebenheit und ihre Gefährdung durch den Willen zur Macht. Daher steht sein Faust auch am Ende einer Trilogie mit Filmen über Hitler, Lenin und den japanischen Kaiser Hirohito.

Den Gegenpol zu dieser gefährlichen maskulinen Rastlosigkeit bildet im Film – neben der sinnlichen Aura der Frauen – auch die animalische Ruhe von Tieren. Katzen und Vögel bevölkern wie stille Zeugen die engen Kammern, Störche stolzieren stumm über verwinkelte Hinterhöfe und ein Hase hockt verängstigt in einer Kirche, die in ihrer blendendweißen Helligkeit an den Versammlungsraum einer Sekte erinnert.

Bleiche Soldaten marschieren durch die Gassen und schwarzgelockte Juden irren mit ihren Planwagen orientierungslos an der Stadtmauer herum. Sokurov gelingt trotz der vielen poetischen Qualitäten auch ein Realismus, der einen wie mit der Zeitmaschine Jahrhunderte zurückreisen lässt. Das haben vorher nur zwei andere Regisseure so geschafft: Ingmar Bergman in Das siebte Siegel und Andrej Tarkowski in Andrej Rubljow.

Am Schluss der Irrfahrt zieht der Regisseur auch noch die letzten Farben heraus und schafft seltsame Schwarz-Weiss-Bilder, die an Kriegswochenschauen denken lassen. Nachdem Faust den lästigen Quälgeist Mephisto erschlagen hat, tut sich vor ihm eine gewaltige Gletscherlandschaft auf. „Wohin gehst du?“, fragt Gretchens sanfte Stimme aus dem Off. „Dahin“, ruft Faust und stapft trotzig in die Eiswüsten, die an die weiße Todesfront von Stalingrad denken lassen, in die Hitlers Rastlosigkeit seine Truppen schickte.

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