Frank Hörtreiter

Frank Hörtreiter, geboren 1944, Studium der klassischen Philosophie in Tübingen und am Priesterseminar der Christengemeinschaft in Stuttgart. Priesterweihe 1970, Gemeindepfarrer in Hamburg, Hannover, Stuttgart und wieder Hamburg und Hannover, wo er heute mit seiner Familie lebt. Frank Hörtreiter ist außerdem Öffentlichkeitsbeauftragter der Christengemeinschaft.

Herr Hörtreiter, seit wann ist Homosexualität in der Christengemeinschaft ein Thema?

Gleichgeschlechtlich eingestellte Priesterinnen und Priester gibt es in der Christengemeinschaft schon lange. Es ist bei uns üblich, dass ein Weihekandidat im Priesterrundbrief seinen Lebenslauf veröffentlicht. Vor etwa zehn Jahren begannen einzelne Anwärterinnen und Anwärter ganz offen da ihre Veranlagung mitzuteilen. Das hat einer Weihe nicht im Wege gestanden. Die Leitung sagte dazu: Wir weihen nicht Sorten von Menschen, sondern Einzelne, denen wir einen treuen, lebenslänglichen Priesterdienst zutrauen.

Und wie ist man konkret mit dieser Frage umgegangen?

Im Jahr 2002 machte ein Gemeindemitglied, das offen mit seinem Partner zusammenlebt, einen Vorstoß zu der Frage, wie man homosexuelle Lebensgemeinschaften in der Christengemeinschaft segnen kann. Solche Segnungen gibt es heute. Damit ein Priester so etwas vollziehen kann, muss er oder sie sich erstens im Einklang mit der Priestergemeinschaft wissen dürfen und zweitens, genau so wichtig, sollte er oder sie sich im Einklang mit seiner oder ihrer Gemeinde wissen. Denn wenn so eine Segnung geschieht, dann darf sie nicht nachmittags um drei sein, damit es möglichst keiner mitbekommt.

Dass ein Priester oder eine Priesterin selbst von etwas überzeugt ist, bedeutet religiös noch nicht genug. Die Gemeinde soll nicht übergangen sein. In meiner Gemeinde haben wir kürzlich ein offenes Gespräch darüber begonnen; das ist nur ein Anfang. Diejenigen, die damit ein Problem haben, dürfen nicht in den Schmollwinkel gedrängt werden. Die Priesterschaft hat zwar, was die Gestaltung ihrer Rituale betrifft, verbindliche Gemeinsamkeit gelobt; da kann kein Einzelner ausbrechen. Doch zum religiösen Wirken brauchen wir auch das Mittun der Gemeinde. Deswegen wäre es ein zu eng gefasstes Ziel, dass sich die Priester über „Richtigkeiten“ einig sind – und sie sind es im Übrigen in dieser Frage auch nicht. Es gibt unter uns immer noch Priester, die meinen, Homosexualität sei eine „heilbare“ Krankheit, oder dass Homosexualität sündiger sei als heterosexuelle Formen der Sexualität. Man kann mit Luther und Steiner annehmen, dass in jeder Sexualität auch ein Stück Sündenfall im Sinne einer Selbstbezogenheit drinnen steckt. Dann sollte man aber nicht einzelne Menschengruppen herausgreifen und moralisch abwerten. Ich jedenfalls will meine vollkommen konservative, jahrzehntelang geführte Ehe und meine Familie mit vier Kindern nicht zur Schau stellen und eine Gemeinschaft von zwei Männern oder zwei Frauen abwerten, die einander in Treue und Rücksicht begegnen wollen.

Gibt es denn trotz Meinungsunterschieden eine formulierte Haltung der Leitung zum Thema Homo-Ehe?

Es gibt insofern einen formulierten Standpunkt, als vor mehr als zehn Jahren ein sogenannter „Segnungskreis“ eingesetzt wurde, der erarbeitet hat, unter welchen Bedingungen besondere Rituale für gleichgeschlechtliche Partnerschaften möglich sind. Dieser Segnungskreis hat festgehalten, dass dafür ein Ritual möglich ist, das die Christengemeinschaft längst hatte. Dabei geht es um eine – auch für andere Anlässe praktizierte – kultische Feier, die etwa auch bei Jugendfreizeiten zum Tagesende praktiziert wird mit Entzünden der Kerzen, Liedern, einem Evangelientext, einer Ansprache, einem Vaterunser und einem Schluss-Segen. Der Segnungskreis ist zu dem Schluss gekommen, dieses Ritual könne auch zur Segnung von männlichen oder weiblichen Paaren dienen, und die Leitung der Christengemeinschaft hat das bestätigt.

Zur Vorbereitung einer Segnung sollten diese zwei dargelegt haben, dass sie noch einen anderen Inhalt für ihre Beziehung suchen, über Liebe und Zusammenleben hinaus. Ein Drittes kommt zu den Zweien hinzu: ein geistiges Ziel, die Gemeinschaft mit Christus. Segnen kommt von „signum“ – das heißt „Zeichen“. Zwei Menschen stellen ihre Gemeinschaft unter das Zeichen Christi. Menschen, die nur eine vorübergehende Verliebtheit empfinden, werden um den Segen nicht bitten, ebenso wie geschlechtsverschiedene Paare in dieser Phase noch nicht nach der Trauung suchen.

Das eigentliche Trauritual der Christengemeinschaft wurde nicht in Betracht gezogen?

Die Trauung kommt bei der Christengemeinschaft auch in Zukunft nicht in Frage, weil dieses Ritual darauf beruht, dass sich zwei Menschen als Mann und Frau finden, die eine grundlegend verschiedene körperlich-seelisch-geistige Konstitution haben. Das wird in den Worten des Trau-Rituals so stark angesprochen, dass es für gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht passt. Und das wollen auch gleichgeschlechtliche Partner nicht, wenn sie diesen Wortlaut kennen.

Wichtig scheint mir, dass wir uns einer Bewertung solcher Lebensgemeinschaften enthalten – wir beurteilen ja bei heterosexuellen Partnerschaften auch nicht, ob wir eine bestimmte Ehe gut oder schlecht finden, solange kein Zwang vorliegt.

Wie sieht es in der Praxis des Gemeindelebens in dieser Frage aus?

In den Gemeinden haben wir es noch manchmal damit zu tun, Vorurteile zu entkräften, wonach etwa Homosexuelle triebhafter seien als Heterosexuelle oder dass Kinder dabei bedroht sind. Es gibt aber erhebliche kulturelle Unterschiede, je nachdem, in welchem Land die Christengemeinschaft präsent ist. In manchen Ländern könnten die Gemeinden schließen, wenn sie Homosexualität bejahten. Umgekehrt lebt in einem südamerikanischen Land ein Priester ganz offen mit seinem Partner zusammen, was uns dort den Ruf einer Schwulenkirche eingebracht hat.

Die Fragen stellte Jens Heisterkamp.