Steilküste bei Ahrenshoop – Gemälde von Hans Oberländer

Als schmale, von Bodden und Meer begrenzte Landzunge hat der Darß gleich zwei Küsten. Nur knapp mehr als einen Kilometer sind diese an der engsten Stelle voneinander entfernt. Der besondere Landstrich zwischen Rostock und Stralsund hat durch seine reizvolle Landschaft, die wogende Schilfgebiete ebenso bereithält wie weißen Strand und Steilküste, von jeher auch künstlerische Naturen angezogen. Ende des 19. Jahrhunderts begannen sich in dem kleinen Ort Ahrenshoop Malerinnen und Bildhauer anzusiedeln, deren Spuren bis heute in Form zahlreicher kleiner Galerien und Ausstellungsräume weiterwirken. Ein neues Museum dokumentiert seit neustem die vielfältige Kunsttradition des Ortes.

Bewegte Vergangenheit

Eine der Zugezogenen war auch die Kunsthandwerkerin Ita Rost. 1897 geboren, gehörte sie zur Wandervogelbewegung der 20er Jahre und machte damals in der anthroposophischen Frauen-Siedlung Loheland die Gymnastikausbildung. Sie habe als junge Frau noch Rudolf Steiner persönlich gehört, erzählte sie später. Nach einer weiteren Ausbildung wurde sie Webmeisterin und baute in Cottbus eine Handweberei auf. Nach dem Ende des Krieges traf Ita Rost auf die Kauffrau Ruth Wolff, die wieder jugendlichen Schwung in die Firma brachte. Beide verbrachten den Sommer in der Bunten Stube Ahrenshoop, einem örtlichen Künstlertreffpunkt und Umschlagplatz für Kunstwerke aller Art, wo sie auch ihre Kissen, Decken, Wandbehänge und andere Textilien verkauften.

Die Sängerin Sieglinde Goßmann stieß während eines Cottbuser Engagements zu den beiden Frauen. Bald wohnte sie im Haus der beiden und revanchierte sich gerne mit künstlerischen Darbietungen und der Einstudierung der Oberufer Weihnachtsspiele mit der Belegschaft der Cottbuser Weberei. Sie begleitete die beiden auch im Sommer nach Ahrenshoop, das sie schon seit ihrer Kindheit kannte.

Was die drei Frauen eint, ist das gemeinsame, starke Interesse für Anthroposophie und Kunst. Mitte der 50er Jahre erwirbt Ita nur wenige Meter vom Hohen Ufer, der Ahrenshooper Steilküste, entfernt ein Grundstück, auf dem sie für ihre Aktivitäten das Werkstatt- und Wohnhaus errichten lässt. Hier wird Ita Lehrlinge ausbilden und Sieglinde singen. Das Haus entwickelt sich zum Treffpunkt gleichgesinnter Freunde, im anthroposophischen Kreis finden Vorträge für Sommergäste statt, und schließlich beginnt sogar ein bio-dynamischer Hof im Ort seinen Betrieb – eine kleine Insel anthroposophischen Lebens auf dem Boden der DDR. „Ich war dort als Kind immer zuhause“, erzählt Michael Goßmann, der Sohn der Sängerin, Jahrgang1960, „und bin mit den drei Frauen groß geworden.“ Die Werkstatt ist bis 1968 in Betrieb, bis Ita sie aus Altergründen schließen muss. Ruth Wolff, die Ita bis zu ihrem Tod im Jahr 1978 pflegt, bewohnt das Haus als Alterssitz. Immer noch finden gelegentlich Vorträge für den anthroposophischen Freundeskreis statt.

Nach ihrem Tod im Jahr 1987 findet sich Michael, der als ausgebildeter Sänger an einer  Musikschule unterrichtet, zu seiner Überraschung als Alleinerbe seiner unverheiratet und kinderlos gebliebenen Patentante wieder. Er und seine Frau Birgit siedeln nun nach Ahrenshoop über. Birgit ist Pianistin und so nutzen sie jetzt beide das Haus, um selbst und mit ihren Schülern Musik zu machen. Bald werden die Kinder David und Simon geboren, die hier im engen Kontakt mit dem großen Freundeskreis der Eltern aufwachsen. Nach der Wende gehören Michael, der sich selbst als „Anthroposoph in der dritten Generation“ bezeichnet, und Birgit Goßmann zu den Gründern der Waldorfschule in Rostock, und das Haus an der Küste ist wieder Treffpunkt vieler Anthroposophen, Musiker und Freunde.

Integrale Vision

2007 ändert sich die Situation noch einmal: Trennung, Auszug der inzwischen erwachsenen Kinder – was wird mit dem Haus? Die Idee entsteht, hier nicht nur Feriengäste zu beherbergen, sondern auch ein Kulturzentrum aufzubauen – die Alte Weberei mit neuer Bestimmung. Musiker von internationaler Klasse, die dazu beitragen wollen, finden sich schnell ein, aber das Ziel ist noch weiter gesteckt. Denn inzwischen hat Michael Goßmann über Info3 die spirituelle Herbstakademie Frankfurt kennengelernt, jenen seit 2006 jährlich stattfindenden Dialog zwischen Anthroposophie, integraler (Ken Wilber) und evolutionärer (Andrew Cohen) Spiritualität, von dem auch Michael spürt, dass hier die Kernanliegen anthroposophischer Arbeit neu belebt werden. Michael hat an jeder der bisher sieben Konferenzen teilgenommen und ihm wird schnell klar, dass es genau dieser Begegnungs-Impuls ist, dem er hier im Norden Raum schaffen möchte. „Für mich war es von Jugend an ein Traum, an einem solchen Netzwerk mitzugestalten“, sagt Michael. Seit  2011 wurde die „Alte Weberei“ einem vollständigen Umbau nach ökologischen Kriterien unterzogen: Die Räume sind neu in attraktive Apartments eingeteilt und vor allem ist ein kleiner Saal entstanden, in den zwei Flügel und bis zu 80 Menschen passen. Die Mittel sind knapp, und trotz der Hilfe zahlreicher Freunde stand das Projekt mehr als einmal finanziell auf der Kippe. Zu Pfingsten 2011 fand in der noch im Zeichen des Umbaus stehenden Alten Weberei eine erste Tagung statt und die professionelle Ferienvermietung begann. Auf einer neuen Stufe entwickelt sich nun weiter, was auch zu Zeiten von Ita Rost schon in Ahrenshoop lebte: eine Oase der Erholung in einer einzigartigen Naturumgebung, ein Ort der Kunst und geistigen Weite, der Stille ebenso wie des Zusammenklangs – und das in einem gleich doppelten Sinne.

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