zeitgesch-betrachtungenSinn für einen großen Kontext ist hier gefragt: Denn den Hintergrund für Steiners Beurteilung der russischen Kultur bildet seine evolutionäre Geschichtsphilosophie, die zum einen an Hegels Idee der stufenweisen Entfaltung des Bewusstseins, zum anderen an die indisch-angelsächsische Theosophie mit ihrer Lehre von – Jahrtausende andauernden – kulturellen Großepochen anknüpfte. Für Steiner bilden sich in einzelnen Kulturräumen über lange Zeiträume bestimmte Bewusstseinsqualitäten heraus, die in Richtung einer immer umfassenderen Selbsterschließung des Bewusstseins (und Menschseins) verlaufen. Die derzeit innovativste Stufe (in diesem analog den menschlichen Wesensschichten vorgestellten Modell) bildet die sogenannte „Bewusstseinsseele“ mit ihrer Kernfähigkeit einer „Bewusstheit über Bewusstsein“; historisch und kulturgeographisch wird diese Qualität seit der beginnenden Neuzeit dominant im Bereich West- und Mitteleuropas ausgebildet.

Für den weiteren Verlauf der Bewusstseinsevolution sagte Steiner nun dem Slawentum insgesamt und der russischen Kultur im Besonderen eine wichtige Rolle voraus: Sie soll darin bestehen, dass die russische Kultur die mitteleuropäische Form der „Bewusstseinsseele“ (Steiner hob hier insbesondere die vom Deutschen Idealismus und anschließend von der Anthroposophie geprägte Ideen-Philosophie hervor) aufnimmt und in Richtung eines Selbstes vertieft, das sich rein im Geiste erleben kann – das „Geistselbst“. Es gehe diese Philosophie des „östlichen Europa mit solchen Riesenschritten über das Hegeltum und den Kantianismus hinaus, und man fühlt, wenn man in die Atmosphäre dieser Philosophie kommt, plötzlich etwas wie einen Keim einer späteren Entfaltung“. (Steiner, GA 121)

Individuelles und kosmisches Ich

Für die spirituelle Verfassung der russischen Kultur ist neben anderem auch die historische Spaltung des Christentums in eine westliche und östliche Traditionslinie wesentlich. Während das lateinische Christentum die Beziehung zum Geistigen bereits früh stark formalisierte – Steiner wies hier insbesondere auf Papst Nikolaus im 9. Jahrhundert hin –, blieb in der Orthodoxen Kirche ein mehr unmittelbarer Zugang zum Christentum offen. „So können Sie ja sehen, wie der russische Mensch die byzantinische Religion entgegengenommen und auf dem Standpunkt gelassen hat, auf dem sie war, als er sie entgegengenommen hat (…) Man kann, möchte ich sagen, durch die Form der russischen Kirche auf uralt heiliges Orientalisches schauen und dieses uralt heilige Orientalische empfinden.“ (GA 174 b S. 140)

Eine Art Vorbild für das, was als künftiger Entwicklungsschritt in der Bewusstseinsevolution ansteht, sah Steiner im Werk des Philosophen Solowjew gegen Ende des 19. Jahrhunderts. „Solowjew will gewissermaßen das weltliche Reich in das Gottesreich hinaufheben”, so Steiner über den großen russischen Philosophen der Liebe (GA 185). Schon 1910 hatte Steiner in Vorträgen in Kristiania betont, dass das Christus-Verständnis von Solowjew mit seiner deutlichen Unterscheidung der Jesus- und Christus-Dimension die künftige Aufgabe der russischen Kultur vorausgenommen habe, bei der das „Geistselbst“ ähnlich von der „Bewusstseinsseele“ empfangen werde wie der kosmische „Christus“ vom menschlichen Jesus. (GA 121 S. 186f)

Die Mitte und der Osten

Für Steiner stünde es im Einklang mit dem großen Gang der Bewusstseinsgeschichte, wenn die russische speziell von der mitteleuropäischen Kultur ihre spirituelle Essenz empfangen würde, um sie dann zu vertiefen. „Die inneren Impulse der Menschheitsentwicklung sprechen von einer Ehe des deutschen Wesens mit dem Russentum“, so Steiner wörtlich (GA 174b, S. 148). Und weiter: „alle Kulturentwicklung der Zukunft ist eine Frage dieser Verbindung Mitteleuropas mit Osteuropa.“ (GA 174b, S. 142 und S. 146)

Im Gegensatz zu der intensiven Innerlichkeit sah Steiner im Blick auf das äußere gesellschaftliche Leben einen geradezu anti-politischen Charakter bei den Russen am Werk – ein Zug, der jedoch nicht vor Missbrauch und Instrumentalisierung durch allerlei politische Machenschaften schütze. Besonders hat sich Steiner (in seinen zeitgeschichtlichen Vorträgen während des Ersten Weltkriegs) über die Überformung der kulturellen Impulse des slawischen Kulturraums durch einen politischen Panslawismus geäußert. Den auf ein Großreich aller Slawen unter russischer Führung abzielenden Panslawismus bezeichnete Steiner wörtlich als „eine Art von Größenwahn“ (GA 174 B) und kritisierte ihn als Verwechslung von träumerischer Ahnung und Realität, während er die kulturellen Ambitionen des Panslawismus durchaus schätzte (dazu Osterrieder, Welt im Umbruch S. 139 ff.). Im Blick auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterschied Steiner deutlich zwischen den von ihm wiederholt als an sich friedliebend bezeichneten russischen Menschen (z.B. GA 174b S. 141) und ihrer Instrumentalisierbarkeit durch Machtpolitiker, die sie gerade in ihrer leichten Prägbarkeit „dazu verwenden, dem russischen Volke einzureden, dass es berufen sei, die abgelebte (…) europäische Kultur abzulösen und das russische Leben an dessen Stelle zu setzen” (GA 174 b S. 141). Die Unterstützung des aus dem Hintergrund in die Politik agierenden „Slawischen Wohltätigkeitskomitees“ durch offizielle russische Kreise (die bis zu den verhängnisvollen Schüssen von Sarajewo 1914 reichte) hat Steiner heftig kritisiert (Ga 173 A).

Steiner kannte übrigens eine ganze Reihe von Russen persönlich, viele waren Emigranten, die sich seiner Bewegung anschlossen: Zu nennen sind hier etwa der Dichter Andrej Belyj sowie die Künstlerinnen Asja Turgenjev und Margarita Woloschin. Eigene menschliche Begegnungen verbanden sich bei ihm mit weit ausgreifenden Zukunftsvisionen: Bei der Aufgabe der russischen Kultur sprach er von einem Zeitraum, der nach esoterischer Zeitrechnung erst zu Beginn des 4. Jahrtausends (!) anbrechen wird – von dem uns also noch etwa ebenso viel Zeit trennt wie unsere Gegenwart von der Zerstörung Roms durch die Goten.

 

zeitgesch-betrachtungenRudolf Steiner
Zeitgeschichtliche Betrachtungen
3 Bände (identisch mit GA 173 a, b und c, neu herausgegeben und ausführlich kommentiert von Alexander Lüscher u.a.
Rudolf Steiner Verlag 2010, € 79,90